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Wohnen & Arbeiten über der See : Ein Hotel auf dem Meer

Bild: F.A.Z., Matthias Lüdecke

90 Kilometer vor der Küste Schleswig-Holsteins regelt der Stromkonzern Vattenfall seinen Nordsee-Windpark Dan Tysk. Ein Tag auf der Wohn- und Kontrollplattform - 40 Meter über dem Meer.

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          Deutschlands exklusivstes Seehotel hat keinen Eintrag bei Google Maps. Die Zimmer mit Meeresblick kann man weder im Reisebüro noch bei Airbnb buchen. Die Lage des Hotels ist umso exquisiter: 90 Kilometer vor der Küste Schleswig-Holsteins, 40 Meter über der schäumenden Nordsee.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Besucher nehmen das Boot, wenn es schneller gehen soll, den Helikopter-Service. Da kann man einen Blick auf das Sylter Strandleben werfen. Ein paar Abstriche muss der Gast aber machen. Auf dem Seehotel herrscht Alkoholverbot. Immerhin gibt es ein Raucherzimmer.

          „Standard über dem einer Jugendherberge, Preis ist deutlich über dem des Adlon“, scherzt Gunnar Groebler. Der Vorstand beim schwedischen Stromkonzern Vattenfall hat 100 Millionen Euro für die Plattform mit 50 Monteurzimmern ausgegeben. Im Berliner Luxushotel am Brandenburger Tor kostet das günstigste Zimmer pro Nacht knapp 600 Euro.

          Gut, in Groeblers Seehotel gibt es keine hochflorigen Teppichböden, kein feines Porzellan und im Speisezimmer keine weißen Tischdecken. Dafür ist der Ausblick grandios, weit und unverbaubar. Er bricht sich allenfalls an den in strenger Reihe ausgerichteten Windrädern.

          Zeit ist auch auf See Geld

          Vorne recken sich die 80 Anlagen des Windparks Dan Tysk in den Wind, ihre 60-Meter-Flügel kreisen. Zwei stehen still. Das sieht Christof Huß sofort. Sie haben sich abgeschaltet. Gründe dafür kann es viele geben: Lager müssen gefettet, der Aufzug gewartet, die Sicherheitsausrüstung und der Kran überprüft werden, Transformatoren und Elektromotoren wie jene, welche die Flügel so in den Wind stellen, damit die Windausbeute optimal ist, wollen gewartet werden. Wegen der salzigen Luft müssen Rumpf und Gondel immer wieder auf Rost untersucht werden. Sollen sie doch 25 Jahre halten.

          Küchenchefin Gabija Worenaite
          Küchenchefin Gabija Worenaite : Bild: Matthias Lüdecke

          Betriebsleiter Huß, ein bulliger 1,95-Meter-Mann mit raspelkurzem Haar und Dreitagebart weiß, dass sein Team schon informiert ist. Mehr als hundert Sensoren in jeder Anlage kontrollieren und funken Daten an die Überwachungsstelle. Zeit ist auch auf See Geld. Eine Windanlage, die keinen Strom produziert, weil sie defekt ist, verdient nichts.

          Was so eine Anlage einspielt, überschlägt Huß kurz im Kopf. 3,6 Megawatt beträgt die Nennleistung im Park Dan Tysk. Die multipliziert er mit 4500 Volllaststunden, die mit gut 19 Cent je Kilowattstunde vergütet werden. Das ergibt 3,1 Millionen Euro im Jahr. Bei 80 Anlagen sind das 250 Millionen Euro.

          100 Millionen Euro für diesen Blick

          Der 45-Jährige ist Chef des Windparks Dan Tysk. Vattenfall betreibt ihn, die Stadtwerke München halten 49 Prozent. Huß hat einen Schreibtisch in der Hamburger Zentrale und ein Büro im dänischen Esbjerg, wo sich Lager und Verladestation für neue Anlagen befinden. Regelmäßig sieht der gelernte Agraringenieur, der sich seine Sporen in der Onshore-Windindustrie und beim Bau großer Windfarmen in Rumänien verdient hat, hier draußen nach dem Rechten, nicht nur, um wie heute eine Handvoll geladene Journalisten zu begleiten.

          Ein "Hotelzimmer" auf Dan Tysk
          Ein "Hotelzimmer" auf Dan Tysk : Bild: Matthias Lüdecke

          Über Außentreppen geht es von einem Deck zum nächsten. Gitterroste geben den Blick frei auf das Nordseewasser, das tief unten an der Stahlkonstruktion leckt. Da ist auch die Landestelle für die Boote. Wer dort ankommt, muss das Übersteigen trainiert haben. Die Sonne blendet, der Wind pfeift über die weißen Schutzhelme, er rüttelt an den Jacken, während die Besucher auf dem Oberdeck aufs wogende Meer schauen.

          Nicht für diesen Blick hat Groebler 100 Millionen Euro ausgegeben, sondern für ein nüchternes betriebswirtschaftliches Kalkül. Von hier aus soll die Wartung der Meereswindkraftwerke laufen. Sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, Weihnachten und Silvester eingeschlossen.

          „Das läuft länger als ein Kohlekraftwerk“

          Huß zeigt auf den großen Kran, die Ladeluken für schweres Material und Verpflegung. Ein handtellergroßes Gerät hat es ihm angetan. Es fiept hochfrequente Töne und soll Vögel abhalten. Nebenan auf dem Umspannwerk im Meer hatten sich schon Käuzchen niedergelassen.

          Dort wird der Strom der Windkraftanlagen gesammelt und weitergeschickt. Auf dem Umspannwerk landen auch die Hubschrauber. Von dort geht es über eine Gangway zur Wohnplattform. Oben an der Reling zeigt Huß stolz auf sein Meeresreich: „Es ist ein Kraftwerk, das 365 Tage durchgehend läuft und auch zu laufen hat.“ Ein kleiner Seitenhieb auf die Kollegen von der Kohle muss jetzt sein: „Das läuft länger als ein Kohlekraftwerk.“ Damit es auch dabei bleibt, hat Vattenfall sein Seehotel mit 50 lichten Zimmern bauen lassen.

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