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Ozeanschiffe : Ein Friedhof am Meer

Lebensgefahr: Die Arbeiter am Schiffsfriedhof sind ziemlich schutzlos, wenn etwa tonnenschwere Stahlplatten herunterfallen oder sie schwere Schiffsteile mit Stahlseilen über den Sand schleppen müssen. Bild: Christoph Hein

Wenn ein Ozeanschiff ausgedient hat, wird es in Bangladesch zur Rohstoffquelle. Mafia, Banken und Werften verdienen daran. Die Arbeiter sind ziemlich schutzlos und lassen ihr Leben.

          Ihre Kinder hat sie gelehrt, welche Verse des Korans sie aufsagen sollen, wenn sie entführt werden. Ihr Mann war gerade erst für ein paar Tage verschleppt. Noch ist die Familie traumatisiert, die Polizei hat Posten bezogen vor ihrem vergitterten Haus in der Altstadt von Dhaka. Zwei Beamte halten Wache vor der drei Meter hohen Mauer, drei sitzen, ihre Maschinenpistolen auf dem Schoß, in der Garage.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Anwältin Rizwana Hasan hat eine Fanseite auf Facebook und Preise bekommen. Doch vor allem hat sie viele Feinde. Denn sie nimmt es mit den Starken in Bangladesch auf – mit Politikern, mit der Mafia, mit den Besitzern von Abwrackwerften, mit Umweltsündern und Menschenschindern. Nicht wenige von ihnen sind alles in einer Person.

          Seit Jahren ist Hasan auch denen auf den Fersen, die die Frachter, Tanker, Fähren, Kreuzfahrtdampfer oder Marineschiffe einfach auf den Strand nördlich der Hafenstadt Chittagong fahren, um sie dort zerlegen zu lassen. Nichts bleibt von den gestrandeten Ozeanriesen übrig. Hunderte von Saisonarbeitern machen sich über die Rümpfe her, zerlegen sie, schleppen die Teile auf ihren Schultern an Land, ziehen sie an Stahlseilen mit bloßen Händen durch den Schlick. Sie zahlen oft mit dem Verlust von Armen oder Beinen, sterben an Hitzschlag, werden zerteilt von brechenden Trossen, erschlagen von stürzenden Stahlteilen, langsam vergiftet von Asbest. Meist sind es Feldarbeiter, die während der Trockenzeit ein paar Taka hinzuverdienen müssen, um ihren Familien in den Dörfern das Überleben zu sichern.

          Arbeiter zerlegen ein Schiff Bilderstrecke

          „Auf dem Papier hat es bei den Abwrackern eine Fülle von Verbesserungen gegeben. In Wirklichkeit aber hat sich nichts verändert“, sagt Hasan. Den Schokoladenkuchen auf dem Tisch rührt sie nicht an. Sie spricht schnell und konzentriert: „Das Abwracken von Schiffen berührt so viele Bereiche rund um die Welt – die Mittelsmänner sind wichtig, die die Schiffe verhökern. Es geht um Umweltverschmutzung, um Kinderarbeit und Ausbeutung, um die Banken, die die Deals finanzieren, das Kochen von Billigstahl aus Schrott, und um das Schwarzgeld, das dabei gewaschen wird.“

          Rund die Hälfte produzierten Stahls stamme von zerlegten Schiffen

          Das wahre Geschäft spielt sich jenseits des Strandes ab, auf dem die Rümpfe zerlegt werden. Für die Großen der Branche beginnt mit dem Ausweiden nur die Wertschöpfungskette. Sie sitzen in der Politik, ihnen gehören neben den Schrottplätzen auch Hochöfen und Baukonzerne, die das Rohmaterial wieder verwenden. Bangladeschi glauben, dass Brücken im Land deshalb zusammenstürzen, weil der Billigstahl der Abwracker ihnen nicht den versprochenen Halt gab. Rund die Hälfte des in Bangladesch produzierten Stahls stamme von zerlegten Schiffen, schätzt die Weltbank.

          Jeder, der will, kann das Schlachthaus der Schiffe am Strand vor Bhatiari auf Satellitenbildern ausmachen. Am Boden aber soll ihm möglichst niemand zu nahe kommen. Das schmutzige Geschäft mit dem Abwracken soll ungestört im Verborgenen vonstattengehen. Wer die Nationalstraße 1 aus Chittagong nach Dhaka fährt, erhält einen ersten Geschmack von dem, was sich im Schutz von Tropenbäumen und Mangroven abspielt. Schrotthändler an Schrotthändler reiht sich entlang der Straße. Hier ist alles im Angebot, was auf einem Schiff zu finden war: Lampen und Motorenteile, Eimer und Kompasse, Betten, Schreibtische, Steuerräder, Schrauben und Bolzen, Schwimmwesten. Vom Wasser des Madan-Hat-Kanals an der Straße ist längst nichts mehr zu sehen, weil sich in ihm die grellorange Rettungsboote der filetierten Schiffe übereinandertürmen. „Reeder und Schiffsausrüster aus der ganzen Welt, vor allem aber aus Indien oder Afrika, kaufen bei uns ein“, erzählt Mohamad Buijan, einer der Schrotthändler.

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