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Eine Viertelbillion für Banken : Ein neuer Finanz-Rekord sorgt für viele Fragen

Es geht um eine Viertelbillion Euro. Bild: dpa

Nicht nur Deutschlands Targetsaldo ist so hoch wie nie. Auch die Refinanzierungskredite der Deutschen Bundesbank an die Banken in Deutschland steigen in der Corona-Krise auffällig stark an. Was steckt dahinter?

          3 Min.

          Mitten in der Coronakrise gibt es zwei Rekorde zu vermelden: „Nicht nur der deutsche Targetsaldo hat mit 1,136 Billionen Euro den höchsten Stand in der Geschichte erreicht – auch das Volumen der Refinanzierungskredite der Bundesbank an die deutschen Banken hat mit 341 Milliarden Euro einen Höchststand erreicht“, sagt der Osnabrücker Ökonom Frank Westermann: „Ich finde den zweiten Rekord noch bemerkenswerter als den ersten.“ Was ist gemeint? Diese Refinanzierungskredite sind Kredite an Banken in Deutschland, die diese gegen Sicherheiten bei der Bundesbank bekommen können. Das Gesamtvolumen dieser Kredite ist in Deutschland im Laufe der Coronakrise von 75 auf 341 Milliarden Euro gestiegen – also um mehr als eine Viertelbillion Euro. „Der Anstieg der Refinanzierungskredite ist auch deshalb bemerkenswert, weil der parallele Anstieg des Targetsaldos eigentlich zeigt, dass in der Krise viel Liquidität nach Deutschland fließt“, meint Westermann.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hinter dem Anstieg des Targetsaldos stünden zum einen die Anleihekäufe der Notenbanken des Eurosystems, zum anderen Kapitalflucht nach Deutschland. „Es ist unter diesen Umständen bemerkenswert, dass die deutschen Banken jetzt nicht zu viel Liquidität haben – sondern im Gegenteil in so hohem Maße zusätzliche Kredite bei der Notenbank aufnehmen.“ Die Refinanzierungskredite sind in der Coronakrise zwar auch in den südeuropäischen Ländern gestiegen, aber besonders auffällig ist der Anstieg in Frankreich und Deutschland. „Das ist anders als in der Finanz- und Eurokrise, als es vor allem südeuropäische Länder waren, deren nationale Notenbanken hohe Refinanzierungskredite an ihre Banken vergeben haben“, sagt Westermann. Jetzt stiegen zwar auch die Refinanzierungskredite in der Peripherie, der Anstieg in den Kernländern sei aber stärker.

          30 Milliarden für die Deutsche Bank

          Es geht um viel Geld. Zum Vergleich: In Deutschland wurden in der Coronakrise bislang 80 Milliarden Euro Liquiditätshilfen des Bundes von den Unternehmen abgerufen – aber 266 Milliarden Euro wurden von der Bundesbank für Banken bereitgestellt.

          Der Osnabrücker Ökonom führt aus, aus seiner Sicht gebe es drei Deutungsmöglichkeiten für diese Entwicklung. Entweder seien die „TLTRO“ genannten Langfristkredite des Eurosystems mit ihren Negativzinsen auch für deutsche Banken so attraktiv, dass sie diese Kredite einfach aufnähmen, um an den Negativzinsen zu verdienen. Dagegen spreche allerdings, dass es für die Banken gar nicht so einfach sei, dieses Geld wieder anzulegen, ohne selbst Negativzinsen zu zahlen. „Die zweite Möglichkeit wäre, dass die deutschen Banken sich vorausschauend für den weiteren Verlauf dieses Jahres mit Liquidität versorgen, weil sie hohe Kreditausfälle befürchten – also aus Vorsicht“, sagt Westermann. Die dritte Möglichkeit wäre, dass es doch schon Banken mit ernsthaften Liquiditätsengpässen gebe.

          Wenn man sich anschaut, welche Banken bei den Refinanzierungskrediten besonders aktiv seien, dann seien es jedenfalls nicht die beiden großen deutschen Banken. „Die Deutsche Bank hat etwa 30 Milliarden Euro an Refinanzierungskrediten aufgenommen, bei einem Kassenbestand von 177 Milliarden Euro, Stand September. Sie hätte das also nicht nötig gehabt“, sagt Westermann. Die Commerzbank habe 34 Milliarden Euro aufgenommen, bei einem Kassenbestand von 80 Milliarden Euro. Es verblieben mehr als 200 Milliarden Euro, die von anderen Banken aufgenommen worden sein müssten.

          Entwicklung fast umgedreht wie in der Eurokrise?

          Wenn hinter dem starken Anstieg der Refinanzierungskredite gerade in den Kernländern der Währungsunion in der Tat ein hoher Liquiditätsbedarf stecken sollte, und sei es auch nur aus Vorsicht, dann gebe es eine bemerkenswerte Umkehr zur Zeit der Finanz- und Eurokrise, meint Westermann: „Die Bundesbank sieht jetzt zumindest aus wie ein Lender of last resort, ein Kreditgeber der letzten Zuflucht – genau das, was in Südeuropas Notenbanken in den früheren Krisen zu beobachten war.“

          Mit dem hohen Anstieg der Refinanzierungskredite einhergehen könnten Risiken. „Anders als bei den Anleihekäufen gibt es bei den Refinanzierungskrediten eine gemeinsame Haftung aller Euroländer“, sagt Westermann. „Wenn bei dem starken Anstieg der Refinanzierungskredite in Deutschland in der Coronakrise etwas schiefgeht, müssen auch die südeuropäischen Euroländer dafür haften.“ Bei den Anleihekäufen trage dagegen zunächst jede nationale Notenbank, die Anleihen ihres Landes kaufe, auch die Risiken von Kursverlusten. 

          Risiken aus dem Targetsystem entstünden vor allem dann, wenn der Euro auseinanderbrechen sollte – Risiken aus den Refinanzierungskrediten entstünden hingegen dann, wenn der Euro zusammenbleibe.

          Westermann sagt, ihn erinnere das alles an eine Beobachtung des Berkeley-Ökonomen Barry Eichengreen. Im alten amerikanischen Währungssystem zwischen 1913 und 1975 glichen die regionalen Notenbanken größere Engpässe im Zahlungsverkehr aus, indem ihre Goldvorräte buchhalterisch von einer auf die andere überschrieben wurden – das hatte zumindest vage Parallelen zum heutigen System in Europa. Sie traten vor allem in schweren Fällen von Liquiditätskrisen, wie einem Sturm auf die Bankschalter, füreinander ein. Dabei sei zu beobachten gewesen, dass diese Bewegungen nicht immer nur in eine Richtung gingen – mal sei die eine regionale Notenbank in Liquiditätsengpässe gekommen, mal eine andere, sagt Westermann: „Eichengreen wies schon vor fünf Jahren darauf hin, dass auch in Europa die Überschüsse und Knappheiten an Liquidität sich theoretisch auch mal wieder umkehren können.“

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