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Ein Leben in der Colonia Dignidad : „Ohne Hilfe von oben hätten wir das nicht geschafft“

In Garten der Colonia Dignidad: Auf dem alten Foto ist nichts zu sehen von dem Schrecken, dem das Ehepaar so lange ausgesetzt war. Bild: Pilar, Daniel

Stacheldraht, Stolperdrähte, Selbstschussanlagen: Niemand sollte fliehen. Mehr als 40 Jahre verbrachten Gudrun und Wolfgang Müller in der Colonia Dignidad in Chile. Das Leben in Gefangenschaft hat sie gezeichnet.

          6 Min.

          Gudrun Müller ist eine gläubige Frau, trotz allem. „Ohne Hilfe von oben hätten wir das nicht geschafft. Das war unsere Zuflucht, die konnte uns keiner nehmen.“ Nie habe sie sich gefragt, wo Gott sei, warum er ihre Leiden zulasse. Diese Frage hat sie heute trotzdem für sich beantwortet: „Ich weiß, es ist um seinetwillen. Ich habe ihm schon das Leben gerettet, und ich bin auch jetzt dabei.“

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Ihr Mann. Er sitzt neben ihr im Rollstuhl. Seine frühere Größe lässt sich noch erahnen. Das ehemals rote Haar von Wolfgang Müller ist grau geworden, nur einige Bartstoppeln haben ihre Farbe behalten. Drei Schlaganfälle hat er gehabt. Der letzte ging, wie Gudrun Müller erzählt, aufs Sprachzentrum. Geistig ist er aber wach. Immer wieder streut er Sätze ein, die nicht leicht zu verstehen sind. Die gesundheitlichen Probleme ihres 65 Jahre alten Manns und ihre eigenen führt Gudrun auf ihre Zeit in Südamerika zurück. Mehr als 40 Jahre war Wolfgang dort, Gudrun etwas weniger - in der Colonia Dignidad.

          Ein kleiner Mann mit Glasauge

          Die „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ (Gesellschaft für Wohltätigkeit und Erziehungsanstalt der Würde) ist in Chile. Die nächste größere Stadt ist Concepción, doch näher liegt die argentinische Grenze. Die Colonia ist groß, 15.000, vielleicht sogar 30.000 Hektar. Die Grenzen des Grundstücks sind gesichert. Ähnlich wie an der innerdeutschen Grenze gab es zwischen 1961, dem Gründungsdatum, und 2000, als sich die Kolonie zu öffnen begann, Stacheldraht, Stolperdrähte, Selbstschussanlagen. Niemand sollte fliehen. Die Colonia Dignidad war das private Folterzentrum des Sektenführers und Pädosexuellen Paul Schäfer. Dort vergriff er sich ungestört an Kindern.

          Angefangen hatte alles in Deutschland. Paul Schäfer, ein kleiner Mann mit Glasauge, kehrte als Vierundzwanzigjähriger aus dem Krieg zurück, wo er als Sanitäter gedient hatte. Er fand eine Stelle als Jugendpfleger bei der evangelischen Kirche in Bayern. 1951 wurde er dort entlassen - wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch minderjähriger Jungen. Daraufhin zog er als Laienprediger durch Deutschland und suchte Gefolgsleute. Ab und an bekam er Anstellungen in der kirchlichen Jugendpflege. Immer wieder jedoch wurde er schnell entlassen, wegen „Vorkommnissen“ mit Jungen. Anzeige wurde nie erstattet. 1955 kam er auf einer seiner Reisen nach Österreich, wo er in Graz Gudruns Familie kennen lernte.

          Heute leben Wolfgang und Gudrun Müller im Münsterland. 2005 kehrten sie nach Deutschland zurück. Bilderstrecke

          „Der erste Eindruck: ,Was? Das Gesicht ist kein Christ.‘ Ja, aber ich habe mich blenden lassen“, sagt Gudrun Müller. Die kleine Frau, 70 Jahre alt, mandarinfarbene Bluse, grauer Rock, sitzt aufrecht im Sessel, das Haar akkurat gescheitelt und von einer Spange gehalten. Wenn sie erzählt, wirkt sie resolut, manchmal wütend, oft traurig und nachdenklich.

          Die Zeltlager und Zusammenkünfte der Schäfer-Anhänger zogen Gudruns Familie in Bann. Sie wollte dort vor allem wegen der Liebe hin. Auf den ersten Blick hatte sie sich in Alfred, einen jungen Mann aus dem Umfeld Schäfers, verliebt. Ihre Gefühle wurden auch erwidert, aber letztlich entschied sich Alfred für Schäfer. Liebe war in Schäfers Reich nicht erlaubt. Für ihre Gefühle wurde Gudrun bestraft: Schäfers Vertrauensleute hätten sie zusammengeschlagen, weil sie Alfred liebte. „Sie haben mich in den Wald gefahren und verdroschen.“ Erinnern kann sie sich daran nicht, es wurde ihr später erzählt. Denn nach dieser Behandlung wurden ihr Elektroschocks versetzt, um eine Amnesie hervorzurufen. Diese Methode wurde auch in Chile eingesetzt. An vieles können sich die beiden nicht mehr erinnern.

          Arbeit als Gottesdienst

          Schäfer hatte inzwischen genug Anhänger gefunden, die ihm einen Teil ihres Einkommens gaben. Sein Traum: sich ein eigenes Reich zu schaffen. 1956 war es so weit. In Siegburg kaufte er ein Haus und gründete den Verein „Private Sociale Mission“. Dort erprobte er die Methoden, die er später in Chile zur Vollendung brachte: Züchtigung, Fasten, Enthaltsamkeit, Geschlechtertrennung, Beichtzwang. Jeder musste ihm seine Wünsche und Gedanken mitteilen. So erlangte er Kontrolle.

          Tagsüber mussten die Sektenmitglieder arbeiten, um Geld zu verdienen. Nach der Arbeit mussten alle mithelfen, das Heim auszubauen. „Wenn wir fertig waren mit unserer Arbeit, ging es weiter“, sagt Gudrun. „Spät in der Nacht wurde gegessen, und dann fiel man hundemüde ins Bett.“ Die Leute, meint sie, seien mit Absicht so viel beschäftigt worden. So sei man nie zum Nachdenken gekommen. Arbeit sei Gottesdienst, sagte Schäfer. Gudrun lernte in dieser Zeit ihren Beruf als Verkäuferin. Sie war 1958 nach Siegburg gekommen. Wolfgang wiederum wurde von seiner Mutter dort hingeschickt. Paul Schäfer hatte ihr eingeredet, Wolfgang sei schwer erziehbar, also gab sie den Dreizehnjährigen 1959 nach Siegburg. Ein Jahr später wurde er nach Chile entführt. Seine Eltern sah er nie wieder.

          Wer nicht gehorchte, wurde verprügelt

          Zum Tagesablauf in Siegburg gehörten auch Schäfers Predigten. Meist ging es um apokalyptische Visionen. Nur seine Anhänger würden beim Untergang der Welt gerettet. Als weltlicher Gegner diente ihm die Sowjetunion. Immer wieder sagte er einen Angriff der Kommunisten voraus. Da viele seiner Anhänger aus Gebieten kamen, die am Ende des Krieges von der Roten Armee besetzt worden waren, erzeugte er so Furcht und Schrecken.

          Für seine Anhänger war er ein Heiliger. Dass er sich in Siegburg an Jungen und Mädchen verging, war bekannt, doch niemand sagte etwas. Auch Wolfgang Müller sprach erst nach dem Verlassen der Kolonie von dem jahrelangen sexuellen Missbrauch durch Schäfer. Denn wer nicht nach seinem Willen handelte, wurde verprügelt, ob Mann, Frau oder Kind.

          Liebe war verboten

          Als 1961 einige Eltern Schäfer wegen sexuellen Missbrauchs anzeigten, musste es schnell gehen. Vor allem die Kinder, die er missbraucht hatte, sollten weg aus Deutschland. Gudrun Müller sagt, den Eltern von Wolfgang wurde gesagt, es handele sich um eine Musikreise nach Dänemark. Erst als es zu spät war, merkten sie, dass es nach Übersee geht. In Chile musste alles aus dem Nichts aufgebaut werden, anfangs schliefen die Leute auf Stroh.

          Gudrun kam erst 1968 nach Chile, weil sie in Deutschland weiter als Verkäuferin arbeitete. In Chile perfektionierte Schäfer sein diktatorisches Regime. Die Menschen wurden in Gruppen eingeteilt, nach Geschlecht und Alter. Zu heiraten war nur mit der Erlaubnis Schäfers möglich, oft bestimmte er die Partner. Wurden Kinder geboren, nahm man sie den Eltern weg und steckte sie in Gruppen mit Gleichaltrigen. Verwandtschaftsbeziehungen wurden gekappt, Freundschaften gab es nicht, Liebe war verboten. In Deutschland ahnte Gudrun Müller davon nichts, da die Briefe aus Chile zensiert wurden.

          Harte körperliche Arbeit stand für die Bewohner der Colonia Dignidad im Vordergrund. Gudrun musste als Krankenschwester arbeiten, passte auf Hühner und Schweine auf, war Köchin, Wäscherin, Gärtnerin, Schneiderin. Wolfgang musste als Maler, Maurer, Elektriker, Schreiner, Zimmermann und Fischer schuften. Auch in die Goldmine der Kolonie musste er manchmal. Ihre Zuneigung füreinander versteckten die beiden.

          Paul Schäfer nahm sogar chilenischen Familien die Kinder weg, um an frische Opfer zu kommen. Der Staat sah weg. Dem Diktator Augusto Pinochet waren die Deutschen gute Freunde. Außerdem diente die Kolonie seinem Geheimdienst als Folterstätte. Die Spuren vieler Regimegegner verlieren sich hinter den Toren der Kolonie. Schäfer hatte auch gute Beziehungen in die deutsche Politik, sogar Franz-Josef Strauß war einmal zu Gast. Die Botschaft und das Auswärtige Amt wurden mit Präsentkörben bedacht, und die Beamten hielten sich von der Kolonie fern. Selbst Wolfgang und Gudrun sagen, dass sie von Untaten in der Kolonie nichts mitbekamen. Alles sei heimlich gemacht worden. Zudem standen beide oft so stark unter Medikamenteneinfluss, dass sie nicht mehr viel mitbekamen. Öfters seien aber untergetauchte Nazis in der Kolonie gewesen, unter anderen Walther Rauff, der Gruppenleiter im Reichssicherheitshauptamt gewesen war.

          Späte Ermittlungen

          Erst nach Pinochets Sturz 1990 wurde es eng für Schäfer. 1998 musste er untertauchen, weil die chilenische Justiz gegen ihn ermittelte. Herbert Siller, Honorarkonsul in Concepción von 1993 bis 2009, erzählt, dass die Botschaft besonders von 1996 an versuchte, Zutritt zur Kolonie zu erlangen. 2005 wurde Schäfer schließlich in Argentinien festgenommen und an Chile ausgeliefert. In mehreren Verfahren wurde er zu Gefängnisstrafen verurteilt. Er starb 2010 in einem Gefängniskrankenhaus in Santiago de Chile.

          In der Kolonie änderte sich aber nicht viel, denn Schäfers Vertrauensleute blieben. Wolfgang und Gudrun wurden weiter misshandelt, auch weil sie für eine Öffnung der Kolonie eintraten. 2001 durften sie endlich heiraten, zur Feier kam aber niemand. Nach und nach emanzipierten sie sich von der Gruppe. 2003 besuchten sie eine Familie, die aus der Kolonie weggezogen war. Dort erfuhren sie die Wahrheit und beschlossen, nicht zurückzukehren: „Die haben Blut an den Händen. Die schießen die Menschen in die Massengräber, buddeln sie wieder aus, verbrennen sie und schmeißen die Asche übern Fluss. Mit solchen Menschen habe ich gelebt?“

          Wunsch nach Aufarbeitung

          Im Jahr 2005 kehrten die Müllers nach Deutschland zurück, erst einmal, wie viele ehemalige Bewohner der Kolonie, nach Krefeld, in die „Freie Volksmission“ von Ewald Frank. Der Anführer dieser Religionsgemeinschaft hat in Chile Einreiseverbot, weil die Behörden den Verdacht hatten, er wolle Schäfers Nachfolge antreten. Gudrun Müller erzählt, dass sie sich dort nicht wohl gefühlt hätten, Verdächtigungen und Denunziationen seien weitergegangen. Deshalb sind sie auch von dort weg. Jetzt leben sie in zwei Zimmern mit einem kleinen Balkon im Münsterland. Die Zeit in der Colonia Dignidad hat sie gezeichnet. Wolfgang ist auf Hilfe angewiesen. Gudrun kann nur kurz stehen, weil ihr Kreuz sonst zu sehr schmerzt - Auswirkungen der harten körperlichen Arbeit. Sie kommen aber zurecht.

          Die Vorgänge in der Colonia Dignidad müssten endlich aufgearbeitet werden, meinen sie. Die Verantwortlichen lebten teilweise immer noch unbehelligt, auch in Deutschland. Die beiden wollen aber auch jüngere Leute vor Sekten warnen. Hinein komme man leicht, aber sich zu lösen sei schwierig. „Lang genug waren wir unterdrückt.“ Gudrun und Wolfgang Müller wollen nicht, das es anderen auch so geht.

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