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Ein Jahr nach der Lehman-Pleite : Mehr Kapital, weniger Risiko

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Die Zentrale der Investmentbank Lehman Brothers in New York, aufgenommen am 15. September 2008 Bild: AP

Ein Jahr nach der Lehman-Pleite wird deutlich: Der Hebel, um das Risiko der Banken zu begrenzen, ist das Geld. Wenn die G-20-Regierungen demnächst strengere Eigenkapitalvorschriften beschlössen, zögen sie aus der Krise die richtigen Konsequenzen.

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          Ein Jahr danach wird immer noch gestritten: War es richtig, dass die amerikanische Regierung Lehman Brothers pleitegehen ließ? Oder hätte auch diese Investmentbank gerettet werden sollen, um eine Kettenreaktion zu verhindern? Das Finanzbeben hat die Wall Street stärker verändert als die Terroranschläge vor acht Jahren. Von den einst fünf großen New Yorker Investmentbanken sind nur zwei übrig geblieben. Wenige Tage nach dem Sturz von Lehman übernahm die amerikanische Regierung AIG, die größte Versicherung der Welt, die seither hundert Milliarden Euro Verluste gemacht hat. Eine ähnlich unvorstellbare Dimension hat für deutsche Steuerzahler der Kollaps der Münchener Hypo Real Estate.

          Angesichts der aufkommenden Massenpanik hatten die Regierungen vor einem Jahr keine andere Wahl, als die Einlagen der Sparer zu garantieren und systemrelevante Institute aufzufangen. Dennoch war es richtig, ein Exempel zu statuieren. Der Kollaps von Lehman machte allen Bankern klar, dass sie nicht länger im Vertrauen auf Rettung seitens des Staates immer riskantere Wetten eingehen dürfen. Leider signalisiert das nachfolgende Versprechen der Regierungen, nun jede systemrelevante Bank zu retten, das Gegenteil, weil das als Einladung zum „Weiter so!“ (miss-)verstanden werden kann. Ein Jahr danach wird deutlich, wie hoch die Kosten der Finanzkrise sind. Die Schulden der Staaten steigen dramatisch; Generationen Steuerzahler werden sie tragen müssen. Allein elf westliche Länder haben ihre Banken mit 5000 Milliarden Euro gestützt – in Form von Garantien, Kapitalhilfen und Aktienkäufen –, wie die Zentralbank der Notenbanken, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), berechnet hat. Das entspricht fast einem Fünftel der jährlichen Wirtschaftskraft dieser Länder.

          W o beginnt das Erpressungspotential von Banken?

          „Keine Bank darf so groß werden, dass sie die Regierung erpressen kann“ – so hat Kanzlerin Merkel den Kern des Problems beschrieben. Aber wo beginnt das Erpressungspotential von Banken? Das Zerschlagen großer Banken ist weder eine politische Option noch ökonomisch einfach zu begründen. Die deutsche Regierung wird ebenso wenig die Deutsche Bank zerschlagen wie die amerikanische Goldman Sachs oder die französische BNP. Zudem sind oder wären diese Institute auch ohne Staatshilfe durch die Krise gekommen. Banken sind anders als Industrieunternehmen. Der Sturz eines Instituts kann andere mitreißen. Und eine Bank kann über Nacht illiquide werden, wenn Partnerbanken das Vertrauen verlieren und ihr Geld abziehen. Größe allein ist nicht entscheidend. Selbst Regionalbanken wie Northern Rock können für das Finanzsystem gefährlich werden, wie der Sturm der Anleger auf die kleine britische Hypothekenbank deutlich machte.

          Beim G-20-Gipfeltreffen Ende September in Pittsburgh wird sich zeigen, ob das Zeitfenster für wirklich grundlegende Finanzreformen auf internationaler Ebene schon wieder geschlossen ist. Die Bundesregierung hat sich im Kampf gegen Steueroasen und Hedge-Fonds auf einem Nebenschauplatz verloren. Das populistische Wettern gegen Boni-Banker und der wahltaktische Vorschlag einer globalen Steuer auf Finanzgeschäfte helfen international nicht weiter. Derweil verdienen Banken wieder prächtig, und ihre Lobbyarbeit gegen Regulierung zeigt in London und New York Wirkung. Im Feldzug für mehr Steuern hat die Bundesregierung übersehen, dass die eigentliche Gefahr von regulierten Banken an überwachten Finanzplätzen ausging: Notenbanken und Aufsichtsbehörden hatten wegen falsch verstandener Förderung des eigenen Finanzplatzes beide Augen geschlossen.

          Ohne die schiefen Anreizsysteme in den Banken, die schiefe Ebene zwischen Bank und Staat und die obendrein noch schief verteilten Anreize zwischen den Ländern hätte es die Risikoexzesse nicht gegeben. In den Banken schaffen Aktionäre und Aufsichtsräte keine nachhaltigeren Anreize, solange sie darauf vertrauen können, dass der Steuerzahler sie im Fall des Falles raushaut. Der politische Wettlauf um möglichst laxe Aufsicht geht ebenfalls weiter, solange Regierungen das nationale Finanzplatzinteresse über das Wohl der Allgemeinheit stellen. Die Anreize wären im Lot, träte zum Bonus der Malus, zum Vermögen die Haftung. Dies wie auch Verfahren zur Abwicklung einer Bank kann man national entwickeln. Schwieriger ist es, die Regulierungsarbitrage zwischen Finanzplätzen zu beenden. Das geht nur über schärfere, globale Eigenkapitalvorschriften für Banken.

          Der Hebel, um das Risiko der Banken zu begrenzen, ist das Geld. Banken sollten künftig mehr Eigenkapital und Liquidität vorhalten. Das verkleinerte die Gefahr systemrelevanter Banken und begrenzte zugleich den Drang nach Größe. Wenn eine Bank ihr Geschäft mit einem doppelt so hohen Eigenkapital betreiben muss, halbieren sich automatisch der Hebel für das Risiko und auch die Rendite. Finanzgeschäfte würden so teurer, das Finanzsystem dafür stabiler. Und es schrumpften sogar die Boni – ohne gesetzlichen Gehaltsdeckel. Wenn die G-20-Regierungen demnächst strengere Eigenkapitalvorschriften für Banken beschlössen, zögen sie aus der Krise die richtigen Konsequenzen.

          Ein Jahr nach dem Sturz von Lehman Brothers muss die G 20 die
          richtigen Konsequenzen aus der Krise ziehen.

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