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Ein Jahr nach dem Tsunami : Umstrittene Reaktoren

Stätte des Grauens: Journalisten besuchen Fukushima im Februar 2012 Bild: dapd

Die Katastrophe in Fukushima hat vor allem in Japan und Deutschland zu einem Umdenken in der Energiepolitik geführt. In vielen anderen Ländern steht die Atomkraft nicht in Frage.

          Japans Regierungschef Yoshihiko Noda gibt sich zuversichtlich. „Die meisten Gegenden haben sich erholt und wieder einen Alltag wie vor der Katastrophe vom 11. März.“ Für die japanische Hauptstadt Tokio stimmt das. Im quirligen Stadtteil Shibuya strahlen nachts wieder alle Leuchtreklamen. Die Geschäfte sind voll, der Alltag ist zurückgekehrt. Eine Reise in die vor einem Jahr vom Tsunami verwüsteten Regionen des Nordostens, nach Iwate oder nach Miyagi, zeigt aber ein ganz anderes Bild. Ein Jahr nach der Katastrophe sind die Spuren der Verwüstung immer noch unübersehbar.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Mehr als 341.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren. An der Küste hat der Tsunami rund 115.000 Häuser zerstört. Dutzende kleiner Fischerorte wie Otsuchi wurden fast ganz dem Erdboden gleichgemacht. 13.000 Menschen haben in den Ortsteilen Otsuchis einmal gelebt. 1000 Menschen sind in den Fluten des Tsunami umgekommen, 400 werden noch vermisst.

          Große Pläne

          Viele, vor allem junge Menschen, sind nach der Katastrophe weggezogen, weil sie keine Arbeit mehr fanden. „Wenn sich das Geschäftsleben hier nicht bald wieder entwickelt, dann bleibt hier niemand“, sagt Satoshi Tamakuma von der Hilfsorganisation Care. Schon vor dem Tsunami gab es in der Nordprovinz Tohoku das Problem der Abwanderung, jetzt verschärft es sich. Das Durchschnittsalter der Fischer liegt über 60 Jahren. Viele geben jetzt auf, nachdem der Tsunami alles zerstört hat.

          „Bitte vergesst uns nicht“ sagte eine Überlebende am Jahrestag der Katastrophe. Bilderstrecke

          Tamakuma gehört zu den Freiwilligen, die in Otsuchi das Wirtschaftsleben wieder in Schwung bringen wollen. Als Erstes hat seine Organisation ein provisorisches Restaurant gebaut. „Die Menschen hier brauchten einen Ort, wo sie hingehen können“, sagt er. Jetzt ist es im Restaurantzelt immer voll. Neben Einheimischen essen vor allem Handwerker und Arbeiter hier. Jukiko Takada gehört zu dem Team, das dieses Restaurant betreibt. Die 37 Jahre alte Frau hat große Pläne. Sie will den Fischfang beleben und später eine eigene Verarbeitungsindustrie aufbauen. Sie blickt über die Trümmerwüste. „Ich lebe jetzt, das ist genug“, sagt sie.

          Langsame Erholung

          Menschen wie Takada oder Tamakuma schütteln über die Bemerkungen des japanischen Ministerpräsidenten über die angebliche Rückkehr des normalen Alltags nur den Kopf. Der Jahrestag der Katastrophe am 11. März sei ein wichtiges Datum, meint Helfer Tamakuma. „Die Menschen hier brauchen eine Perspektive“, sagt er. „Sonst gehen noch mehr fort. Und wer einmal gegangen ist, der kehrt nicht wieder zurück.“

          In der größeren Hafenstadt Kesenuma sieht die Perspektive wenig anders aus als in Otsuchi: Die meisten Trümmer sind beseitigt, Straßen und Stromversorgung sind wieder intakt, doch neue Geschäfte und Unternehmen sind rar. In den vereinzelten Ruinen beseitigen auch ein Jahr nach dem Tsunami Freiwillige den Müll.

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          Zehn Jahre werde es wohl dauern, bis alles wieder aufgebaut ist, sagt Bürgermeister Shigeru Sugawara. Bezahlt wird der Wiederaufbau zu 100 Prozent aus dem Sonderhaushalt der Regierung. Weil die örtliche Industrie zusammengebrochen ist und sich nur sehr langsam erholt, kann Sugawara mit lokalen Steuereinnahmen vorerst nicht rechnen.

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