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Ein Jahr nach der Abstimmung : So denkt Londons Brexit-Hochburg

Blick auf Big Ben: Hier im Zentrum von London war die Mehrheit gegen den Brexit. Bild: AFP

Heute vor einem Jahr haben die Briten für den Austritt aus der EU gestimmt. Die große Mehrheit der Londoner war dagegen, nicht aber der Stadtteil Barking. Wie ist die Stimmung heute? Unterwegs im europamüden Londoner Osten.

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          Vor genau einem Jahr haben mehr als 17 Millionen Briten  für den Austritt aus der EU gestimmt. Das Ergebnis des Referendums war denkbar knapp: 52 Prozent der Wähler wollten den Brexit, 48 Prozent waren dagegen. Und wie denken die Briten heute über diese Entscheidung? Was halten sie von den politischen Chaostagen, die mittlerweile im Londoner Regierungsviertel Westminister toben? Würden sie nochmal für den Austritt stimmen?

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Barking ist ein Stadtteil von London, weit draußen im Osten der britischen Hauptstadt. Mit der U-Bahn sind es nur zwanzig Minuten aus der Innenstadt hierher. Aber dazwischen liegen Welten - auch was den Brexit angeht: 28 von 33 Stadtbezirken der Neun-Millionen-Einwohner-Metropole stimmten gegen den Austritt. Barking war eine der wenigen Gegenden in London, in denen der Brexit mehrheitsfähig war. 62 Prozent wollten raus aus der EU.

          Der Brexit? „Ich bin voll und ganz dafür“, sagt David, der vor der Bahnhofskneipe namens „Barking Dog“ im Schatten steht und sich eine Zigarette dreht. Wolkenlos wie der blaue Himmel über Barking an diesem glühend heißen Sommertag - so sieht er die Zukunft seines Landes außerhalb der EU. „Großbritannien wird es gut gehen“, sagt er. Der Schwächeanfall des Pfunds seit dem Referendum ist für ihn kein Grund zur Sorge: „Manchmal steigt der Wechselkurs und manchmal fällt er eben.“ Was wirklich zähle sei, dass das Königreich nach dem Brexit wieder seine Grenzen besser „vor Terroristen schützen“ könne.

          „Europa hat kein Interesse daran, uns für den Austritt zu bestrafen“

          „Europa hat kein Interesse daran, uns für den Austritt zu bestrafen“, glaubt David. Deutschland wolle den Briten schließlich weiterhin Oberklasseautos von BMW und Mercedes verkaufen. Es sei also im beiderseitigen Interesse, den schwierigen Scheidungsprozess vernünftig zu handhaben. Unzufrieden ist er nur mit Theresa May - die Premierministerin ist nach dem Wahldebakel vor zwei Wochen  schwer angeschlagen. „Wir brauchen jetzt Boris“, findet er. Boris Johnson, der Außenminister, war mit seinen großen Versprechungen vor einem Jahr das Zugpferd der Brexit-Bewegung. Gegner nennen ihn einen Lügner. David findet ihn „dynamisch“.

          Flaggen im Fenster eines Wahlkreisbüros der Liberaldemokraten in Oxford.

          Auf einer Bank in der Fußgängerzone von Barking sitzen Jo und Jane in der Mittagshitze. Jo ist vierzig, Jane doppelt so alt. Was beide verbindet, ist ihre chronische Geldnot.  Barking ist einer der ärmsten Stadtteile im reichen London. Hier draußen in der Peripherie ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen um 40 Prozent niedriger als in den Innenstadtbezirken. „Mein Kühlschrank ist praktisch leer“, sagt die Rentnerin Jane.

          Ihre jüngere Freundin Jo spricht es deutlicher aus: „Das bedeutet, sie kann sich oft nur eine Mahlzeit am Tag leisten.“ Umgerechnet rund 450 Euro Rente im Monat  bezieht die alte Frau, dazu kommt noch Sozialhilfe. Aber allein die Kaltmiete für ihre Wohnung beträgt umgerechnet 850 Euro Miete im Monat. Jo wiederum verdient in ihrem Teilzeitjob als Putzfrau gut 430 Euro im Monat. Sie hätte gerne eine Vollzeitstelle, aber sie finde einfach keine. Barking hat die höchste Arbeitslosenquote in ganz London. Drei Mahlzeiten am Tag sind auch für Jo häufig nicht drin.

          Einwanderung aus den früheren Kolonien

          Die beiden Frauen haben für den Brexit gestimmt - und sie würden es wieder tun. Wegen der Einwanderung, sagt Jo. „Das ist nicht fair, wenn die Migranten hier den Einheimischen die knappen Wohnungen wegschnappen.“ Mehr als ein Drittel der Einwohner von Barking wurden nicht in Großbritannien geboren - und die Regierung hat versprochen, nach dem Brexit viel weniger Migranten aus Kontinentaleuropa ins Land zu lassen als bisher. Auch in der Fußgängerzone von Barking gibt es ein rumänisches und ein litauisches Lebensmittelgeschäft. Die größten Einwanderergruppen hier stammen aber nicht aus Europa, sondern aus Nigeria, Indien und Pakistan, also aus früheren britischen Kolonien.

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          Jo und Jane sind zwar dafür, die EU zu verlassen. Aber sie glauben nicht wirklich daran, dass der Brexit ihre Situation verbessern wird. „Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer“ - so sieht das Jo. „Schlimmer als unter Thatcher“ sei die Sparpolitik der Konservativen in den vergangenen Jahren gewesen, sagt die Rentnerin Jane. Das will etwas heißen, denn die vor vier Jahren verstorbene Thatcher ist auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Regierungszeit für viele ältere Bürger aus der Arbeiterklasse eine Hassfigur.

          Brexit spaltet das Land noch immer

          Jane hat, wie viele in Barking, zeitlebens links gewählt. Die Labour Party stellt seit 1945 den Unterhausabgeordneten für den Wahlkreis. Dass Margaret Hodge, die Labour-Abgeordnete für Barking, den EU-Austritt für einen gewaltigen Fehler hält, der Großbritannien und auch den Stadtteil ärmer machen werde, ficht ihre treuen Wähler im Londoner Osten nicht an. 

          Der Brexit spaltet das Land noch immer. Großbritannien ist heute so zerrissen wie im Juni 2016. Meinungsumfragen zeigen, dass es im Königreich noch immer annähernd gleich viele Befürworter und Gegner des EU-Austritts gibt. Auch in Barking haben viele bis heute nicht ihren Frieden mit dem Ergebnis des Referendums gemacht.

          Unterwegs im Londoner Stadtbezirk Barking.

          „Die Leute denken, sie kriegen nach dem Brexit bessere Schulen und Krankenhäuser. Aber das wird nicht geschehen, weil die Regierung nämlich nicht investiert“, sagt Arij, ein Banker, der seit Kindheitstagen in Barking lebt. Ihn ärgert auch der Wertverfall des Pfunds: „Ich unterstütze meine Familie in Pakistan finanziell, aber da kommt immer weniger an.“. Er ist sich sicher: „Wenn morgen nochmal ein EU-Referendum wäre, dann würde es anders ausgehen.“

          „Der Brexit ist aber auch ein Weckruf für meine Generation“

          Auch Gavin, ein junger Vater, der mit Frau und Kind im Einkaufszentrum unterwegs ist, klingt wütend: „Wir Jungen bezahlen den Preis für den Brexit. Die Inflation steigt, alles wird teurer und für Berufseinsteiger ist es noch schwieriger, einen guten Job zu finden.“ Den Umfragen der Demoskopen zufolge, hat eine klare Mehrheit der jungen Briten den EU-Austritt nicht gewollt. 

          „Der Brexit ist aber auch ein Weckruf für meine Generation“, glaubt Gavin. Mays Wahlschlappe bei den Parlamentswahlen vor zwei Wochen war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass viel mehr junge Briten als in früheren Jahren von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Sie stimmten überwiegend für Jeremy Corbin, den Labour-Chef und neuen Superstar der britischen Linken. Er verspricht unter anderem, die hohen Studiengebühren an den Universitäten abzuschaffen. Den von May bisher angestrebten radikalen Brexit lehnt Labour ab und stellt stattdessen Kompromisse mit Brüssel in Aussicht. Dass jetzt mehr Junge wählten sei im Rückblick das einzig Gute am Referendum, findet Gavin: „Die haben ihre Lektion gelernt. Sie haben gemerkt, dass ihre Stimme zählt.“

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