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Ein Jahr nach der Abstimmung : So denkt Londons Brexit-Hochburg

Einwanderung aus den früheren Kolonien

Die beiden Frauen haben für den Brexit gestimmt - und sie würden es wieder tun. Wegen der Einwanderung, sagt Jo. „Das ist nicht fair, wenn die Migranten hier den Einheimischen die knappen Wohnungen wegschnappen.“ Mehr als ein Drittel der Einwohner von Barking wurden nicht in Großbritannien geboren - und die Regierung hat versprochen, nach dem Brexit viel weniger Migranten aus Kontinentaleuropa ins Land zu lassen als bisher. Auch in der Fußgängerzone von Barking gibt es ein rumänisches und ein litauisches Lebensmittelgeschäft. Die größten Einwanderergruppen hier stammen aber nicht aus Europa, sondern aus Nigeria, Indien und Pakistan, also aus früheren britischen Kolonien.

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Jo und Jane sind zwar dafür, die EU zu verlassen. Aber sie glauben nicht wirklich daran, dass der Brexit ihre Situation verbessern wird. „Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer“ - so sieht das Jo. „Schlimmer als unter Thatcher“ sei die Sparpolitik der Konservativen in den vergangenen Jahren gewesen, sagt die Rentnerin Jane. Das will etwas heißen, denn die vor vier Jahren verstorbene Thatcher ist auch ein Vierteljahrhundert nach ihrer Regierungszeit für viele ältere Bürger aus der Arbeiterklasse eine Hassfigur.

Brexit spaltet das Land noch immer

Jane hat, wie viele in Barking, zeitlebens links gewählt. Die Labour Party stellt seit 1945 den Unterhausabgeordneten für den Wahlkreis. Dass Margaret Hodge, die Labour-Abgeordnete für Barking, den EU-Austritt für einen gewaltigen Fehler hält, der Großbritannien und auch den Stadtteil ärmer machen werde, ficht ihre treuen Wähler im Londoner Osten nicht an. 

Der Brexit spaltet das Land noch immer. Großbritannien ist heute so zerrissen wie im Juni 2016. Meinungsumfragen zeigen, dass es im Königreich noch immer annähernd gleich viele Befürworter und Gegner des EU-Austritts gibt. Auch in Barking haben viele bis heute nicht ihren Frieden mit dem Ergebnis des Referendums gemacht.

Unterwegs im Londoner Stadtbezirk Barking.

„Die Leute denken, sie kriegen nach dem Brexit bessere Schulen und Krankenhäuser. Aber das wird nicht geschehen, weil die Regierung nämlich nicht investiert“, sagt Arij, ein Banker, der seit Kindheitstagen in Barking lebt. Ihn ärgert auch der Wertverfall des Pfunds: „Ich unterstütze meine Familie in Pakistan finanziell, aber da kommt immer weniger an.“. Er ist sich sicher: „Wenn morgen nochmal ein EU-Referendum wäre, dann würde es anders ausgehen.“

„Der Brexit ist aber auch ein Weckruf für meine Generation“

Auch Gavin, ein junger Vater, der mit Frau und Kind im Einkaufszentrum unterwegs ist, klingt wütend: „Wir Jungen bezahlen den Preis für den Brexit. Die Inflation steigt, alles wird teurer und für Berufseinsteiger ist es noch schwieriger, einen guten Job zu finden.“ Den Umfragen der Demoskopen zufolge, hat eine klare Mehrheit der jungen Briten den EU-Austritt nicht gewollt. 

„Der Brexit ist aber auch ein Weckruf für meine Generation“, glaubt Gavin. Mays Wahlschlappe bei den Parlamentswahlen vor zwei Wochen war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass viel mehr junge Briten als in früheren Jahren von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Sie stimmten überwiegend für Jeremy Corbin, den Labour-Chef und neuen Superstar der britischen Linken. Er verspricht unter anderem, die hohen Studiengebühren an den Universitäten abzuschaffen. Den von May bisher angestrebten radikalen Brexit lehnt Labour ab und stellt stattdessen Kompromisse mit Brüssel in Aussicht. Dass jetzt mehr Junge wählten sei im Rückblick das einzig Gute am Referendum, findet Gavin: „Die haben ihre Lektion gelernt. Sie haben gemerkt, dass ihre Stimme zählt.“

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