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Ein Jahr nach BenQ-Insolvenz : Abgeschrieben in Kamp-Lintfort

  • -Aktualisiert am

Haben noch keinen neuen Job gefunden: Herbert Saur und Sylvia Richter Bild:

Vor gut einem Jahr hat der Handyhersteller BenQ Insolvenz angemeldet. In der Stadt am Niederrhein verloren 1700 Menschen ihre Stelle. Mehr als die Hälfte von ihnen sucht noch immer Arbeit. Vor allem Ungelernte haben es schwer.

          An den 28. September vor einem Jahr kann sich Herbert Saur noch erinnern, als sei es erst gestern gewesen. Am Fließband der Produktionshalle des Handyherstellers BenQ im niederrheinischen Kamp-Lintfort bestückt er gerade Kartons mit Gerät und Bedienungsanleitung, in schöner Regelmäßigkeit, bis es sich auch zu ihm herumspricht. „Das Geld ist alle, wir werden zugemacht“, schnappt er von den Kollegen auf und kann es kaum glauben. Doch dann geht alles ganz schnell. „Innerhalb einer Woche mussten wir unseren Arbeitsplatz räumen, ab Oktober war ich freigestellt“, erinnert sich der 49 Jahre alte gelernte Radio- und Fernsehmechaniker.

          Heute, mehr als ein Jahr nach der Pleite, hat Saur noch immer keinen neuen Job. Und damit ist er nicht allein. Von den insgesamt 1700 ehemaligen BenQ-Mitarbeitern des Werkes in Kamp-Lintfort haben nach einem Jahr erst 840 Menschen eine neue Stelle gefunden. „Die Akademiker und Facharbeiter konnten wir meist schnell vermitteln“, sagt Jürgen Wichert, Projektleiter bei der Personalentwicklungs- und Arbeitsmarktagentur PEAG. Die Transfergesellschaft übernahm die ehemaligen Mitarbeiter von BenQ, berät diese bei der Suche nach einem neuen Job und unterstützt sie bei der Auswahl von Weiterbildungsmöglichkeiten. Deutlich schwieriger sei die Vermittlung der un- oder angelernten Mitarbeiter, der Älteren und auch der Frauen, berichtet Wichert aus seinem Arbeitsalltag.

          Bewerbung mit 50 „nicht prickelnd“

          „Die 50 droht, da ist das Bewerben nicht so prickelnd“, sagt auch Saur. Wenn er von den vielen Bewerbungsschreiben und den wenigen Gesprächseinladungen erzählt, knetet er nervös seine Finger. Zehn Jahre war er im Kamp-Lintforter Werk beschäftigt, zuerst bei Siemens und dann, von 2005 an, durch den Verkauf der Handysparte an BenQ, bei dem taiwanischen Konzern: Im Musterbau, in der Neuteileprüfung und bei der Fehlersuche am Band.

          Tränenreicher Abschied in Kamp-Lintfort vor einem Jahr

          „Ich habe immer gedacht: Hier bleibe ich bis zur Rente.“ Jetzt hofft der geschiedene Vater zweier Töchter auf die Qualifizierungskurse, die ihm die PEAG vermittelt hat. Ein Fortgeschrittenenkurs in SPS, der Maschinensteuerung in der Produktion, verschaffe ihm bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sagt Saur und klingt dabei ein wenig wie sein eigener Personalberater. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

          Langsam wird das Geld knapp

          Sein Kurs, der in zwei Wochen beginnt und insgesamt sechs Monate dauert, wird von der EU finanziert. Die Mittel aus dem Europäischen Globalisierungsfonds sollen Arbeitssuchende wie Saur unterstützen, die zum Beispiel wegen einer Standortverlagerung in Drittländer ihren Arbeitsplatz verloren haben. Eine riesige Chance sei dieser Kurs, sagt Saur, doch eine neue Stelle wäre ihm lieber.

          Denn langsam wird das Geld knapp. Bis Ende des Jahres erhalte er noch die Bezüge von der Transfergesellschaft. Diese zahlt rund 84 Prozent des vormaligen Nettolohns an die Mitarbeiter aus. Geld, das von der Bundesagentur für Arbeit und vom Siemens-Konzern stammt. Von Januar an muss Saur Arbeitslosengeld I beantragen, nach einem weiteren Jahr dann Hartz IV. Eine bedrückende Perspektive sei das, sagt er. „Soll's das schon gewesen sein, mit gerade mal 50?“, fragt er sich manchmal. Doch dann ist er wieder sein persönlicher Motivator: „Die Weiterbildung ist eine super Chance.“

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