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Ein Jahr Lehman-Pleite : Die Lehren aus der Katastrophe

Bild: F.A.Z.

Was kann man tun, um Finanzkrisen künftig zuvermeiden? Die Banker beschwören die Ethik. Die Politiker wollen die Boni begrenzen. Dabei hilft am ehesten ein größerer Risiko-Puffer.

          5 Min.

          Martin Blessing liebt es, zu provozieren. Bei seinen Banker-Kollegen hat der jungenhafte Commerzbank-Chef mit der kleinen Brille das gerade mal wieder geschafft. Und zwar mit einer ganz schlichten These: Die Finanzkrise sei „einfach zu kurz“ gewesen, als dass Banker auch nur irgendetwas daraus gelernt hätten. Sie sei einfach zu schnell zu Ende, als dass sich irgendetwas Grundsätzliches in der Welt ändern werde. Die Provokation kam an: Sogar Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann grummelte auf dem Bankenkongress in Frankfurt in der vergangenen Woche herum - angesichts von so viel Nestbeschmutzung. Dabei ist die Frage alles andere als unwichtig. Und Blessings These alles andere als abwegig.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zwar ist jetzt, da die Finanzkrise abzuklingen scheint, die Stunde der Gut-Banker gekommen. Ob auf Kongressen, in der Werbung oder in Talkshows: Überall treten jetzt selbsternannte Sprecher der Bankenbranche auf und reden von der „hohen moralischen Verantwortung“ ihrer Zunft und den „langfristigen Vorteilen ethischen Verhaltens“. Stephen Green zum Beispiel von der britischen Großbank HSBC, aber auch die Chefs der kleinen, aber feinen deutschen Privatbanken: Alle beschwören jetzt die persönliche Verantwortung des Bankers - oder, wie sie sagen: der „Bankiers“ - als wichtigste Möglichkeit, solche Krisen in Zukunft zu vermeiden. „Kredit kommt von lateinisch ,credere' - glauben“, erinnern sie an die Ursprünge ihres Gewerbes. Die Vermeidung künftiger Finanzkrisen wird so zu einem sittlichen Projekt - der geläuterte Banker zum Hoffnungsträger der Weltwirtschaft.

          Investmentbanken locken wieder mit hohen Gehältern

          Die Wirklichkeit lässt einen da misstrauisch sein. Viele Investmentbanken machen schon wieder gewaltige Gewinne, sie fahren die Risiken hoch und locken mit hohen Gehältern, als wäre nichts geschehen. Als hätten nicht genau diese Mechanismen dazu beigetragen, das Finanzsystem im Herbst vorigen Jahres an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen - und die Weltwirtschaft in diese schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu stürzen. Die Rückkehr zu alten Verhaltensmustern scheint systemimmanent.

          Wer also auf Besserungsversprechen wenig gibt, den interessieren dann doch die Fortschritte bei der Entwicklung strengerer Regeln. „Meine Analogie ist der Untergang der Titanic 1912“, sagte der amerikanische Ökonom Robert Shiller vergangene Woche in einem Interview. Wie die Welt damals aus dem schlimmen Unglück für den Schiffsbau gelernt habe, so müsse man jetzt die Krisenerfahrungen nutzen, um das Weltfinanzsystem (ernsthaft!) zu reformieren.

          Unübersichtlichkeit der Krise

          Vorschläge dazu gibt es zuhauf, national wie international. Nicht zuletzt der G-20-Gipfel der Industrie- und Schwellenländer am 24. und 25. September in Pittsburgh soll sich mit neuen Bankenregeln befassen. Überall taucht allerdings ein Problem auf: „Die Politiker konzentrieren sich auf das, was leicht umzusetzen und in der politischen Diskussion populär ist“, sagt der Darmstädter Bankenprofessor Dirk Schiereck, „auf gutem Wege ist daher, was relativ einfach zu machen ist - bei den komplizierteren Schritten dagegen kommt man kaum voran.“

          Begünstigt wird dieses Verhalten von der unglaublichen Unübersichtlichkeit der Krise: Weil ohnehin umstritten ist, welche der vielen Ursachen der Finanzkrise wie ausschlaggebend war, entbehrt auch die Vorsorge gegen künftige Krisen nicht einer gewissen Beliebigkeit.

          Risiko-Puffer soll helfen

          Eingeführt wird, so weit man das absehen kann, eine strengere Vorschrift für den Risiko-Puffer der Banken. Das ist eine Möglichkeit, Zusammenbrüche von Banken zu verhindern: Man schreibt ihnen vor, dass sie für Kredite, die sie an Kunden ausgeben, mehr Eigenkapital als Sicherheit vorhalten müssen. Die Banken sollen so in guten Zeiten einen größeren Puffer für schlechte Zeiten anlegen. So machen sie zwar weniger Gewinn - aber das Risiko ist auch geringer.

          Die Banken protestieren zwar noch. Sie „quietschen“, wie Commerzbank-Chef Martin Blessing es formuliert: „Aber das wird kommen.“

          Kein Garant gegen künftige Krisen

          Allerdings ist die Puffer-Lösung ein relativ grobes Instrument, um künftig Krisen zu verhindern: „Selbst wenn man vorschreibt, dass alle Banken künftig statt vier Prozent sechs oder acht Prozent Eigenkapital für ihre Kredite vorhalten müssen, löst das längst nicht alle Probleme“, sagt Bankenprofessor Schiereck.

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