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Im Land der Helfer

Von RALPH BOLLMANN und JENNI THIER

19. August 2016 · Sie sind die Dienstleister der Kanzlerin: Ehrenamtliche, die seit einem Jahr Fulltime arbeiten. Doch was wird, wenn bald nichts mehr zu tun ist?

Noch immer dreht Eyk Björn Jonker täglich seine Runden. Er lüftet, kontrolliert die Betten, testet die Wasserleitungen. Er ist Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes und Hausmeister in der früheren Anne-Frank-Schule, die als Notunterkunft für Flüchtlinge dient. Dienen soll, besser gesagt, denn nachdem dort anfangs 400 Menschen wohnten, ist seit Mitte April kein Einziger mehr da.

Hier im niedersächsischen Nordhorn, einer 53.000-Einwohner-Stadt dicht an der niederländischen Grenze, sind mittlerweile alle Flüchtlinge aus dem vorigen Jahr registriert. Sie haben ihre Asylanträge gestellt und sind auf die Kommunen im Landkreis verteilt worden. Sollte dennoch wieder eine größere Zahl von Menschen kommen, könnte der Betrieb innerhalb von 48 Stunden hochgefahren werden. „Alle Räume sind fertig bestückt und warten auf Belegung“, sagt Jonker. Bald schon, Ende Oktober, ist es auch damit vorbei. Dann läuft die Vereinbarung über die Unterkunft aus – und mit ihr auch Jonkers Vertrag als Hausmeister.

© BMI (Registrierte Zugänge nach dem Easy-System); Bundesamt für Migration und Flüchtlinge / F.A.Z.-Grafik Niebel

Was für ein Unterschied zu den Szenen vor einem Jahr. So viel positive Emotion hatten die Deutschen lange nicht gezeigt, mindestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2006. Als Anfang September an einem einzigen Wochenende fast 10.000 Flüchtlinge allein auf dem Münchener Hauptbahnhof ankamen, säumten die Bürger die Gleise, auf denen die Züge nun einfuhren, sie steckten den Kindern Plüschtiere zu und den Erwachsenen Lebensmittel. Einzelne sangen sogar den Schlusschor aus Beethovens Neunter Sinfonie, der „Ode an die Freude“. Sie hatten damit bereits Ende August begonnen, als die ersten Züge aus Ungarn eintrafen und die Kanzlerin über die Grenzöffnung noch gar nicht offiziell entschieden hatte. Letztlich waren die Willkommensbürger die Treiber, die Politik die Getriebene.

Es blieb nicht bei den Szenen am Bahnsteig. Hunderttausende meldeten sich in den folgenden Wochen und Monaten, um mitzuhelfen bei der Aufnahme der Flüchtlinge, deren Zahl sich am Ende auf rund eine Million summierte, knapp 40 Prozent von ihnen Syrer. Im November war mit 206.000 Asylsuchenden in einem einzigen Monat der Höhepunkt erreicht, seither sinken die Zahlen – erst wegen des Winters, dann wegen der geschlossenen Balkanroute und des Abkommens mit der Türkei. Zuletzt lagen sie bei 16.000 im Monat.

© BMI (Registrierte Zugänge nach dem Easy-System); Bundesamt für Migration und Flüchtlinge / F.A.Z.-Grafik Niebel

Studien zufolge packte fast ein Prozent der Bevölkerung an, bestückte Kleiderkammern, teilte Essen aus, gab Deutschunterricht, begleitete die Neuankömmlinge bei Behördengängen. Zeitweise stand den Hilfsbedürftigen eine beinahe ebenso große Zahl von Helfern gegenüber. Das waren fast so viele Leute, wie alle politischen Parteien zusammen an Mitgliedern haben – von denen sich die meisten im Ortsverein nie blicken lassen. Demnächst kommt sogar eine Komödie über die Helfer in die Kinos: „Willkommen bei den Hartmanns“, in deutscher Starbesetzung von Uwe Ochsenknecht bis Senta Berger.

Es war eine der größten Bürgerbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Für viele war es auch ein politisches Bekenntnis. Kurz zuvor hatten Rechtsradikale im sächsischen Heidenau ein Flüchtlingsheim attackiert, die Kanzlerin als „Schlampe“ beschimpft. Je schriller die Töne der Gegenseite wurden, desto mehr regte sich bei vielen das Bedürfnis, selbst etwas zu tun. Nach einer Studie der Evangelischen Kirche haben sich auf dem Höhepunkt der Debatte sogar rund zehn Prozent der Deutschen an der Flüchtlingshilfe beteiligt – bloße Spenden von Geld oder Kleidung mitgerechnet. Und vielerorts kompensierten die Bürger, was den Behörden zu Beginn der großen Wanderung entglitten war.

Was ist daraus nach einem Jahr geworden? Jetzt, wo die großen Trecks längst Geschichte sind, die Turnhallen wie in Nordhorn leerstehen und die Flüchtlinge sich vergleichsweise unauffällig übers Land verteilen – ohne dass jemand groß Aufhebens darum macht, wenn nicht gerade ein Terroranschlag geschieht? Sind die Helfer nach Hause zurückgekehrt, haben sie sich ermattet zurückgezogen? Oder gibt es für sie schlichtweg gar nichts mehr zu tun?

© Kay Nietfeld Die Betreuerinnen Diana Henniges (l) und Christiane Beckmann bei der Flüchtlingshilfe „Moabit hilft“ in Berlin.

Kaum eine Initiative stand voriges Jahr so sehr im Fokus der Öffentlichkeit wie „Moabit hilft“. Sie leistete Nothilfe, als das berüchtigte Berliner „Landesamt für Gesundheit und Soziales“, kurz Lageso, kollabierte. Nächtelang kampierten Flüchtlinge vor der Behörde im Freien, selbst in den Wintermonaten. Die Stadtverwaltung interessierte sich dafür nicht besonders. In die Lücke sprangen die Freiwilligen. Als die Schar der Wartenden vor dem Lageso immer größer wurde, verteilte man Essen, kümmerte sich um die medizinische Versorgung. Sogar die Dialyse für kranke Flüchtlinge wurde zunächst aus der Vereinskasse bezahlt.

Man mag es gar nicht mehr glauben, wenn man die Aktivistin Diana Henniges heute in ihrem Büro besucht. Die Räume des Vereins sind ein Zeichen dafür, wie sich die Hilfe professionalisiert hat. Fast das ganze Erdgeschoss eines Altbaus, nicht weit vom Berliner Hauptbahnhof, steht nun für die Flüchtlingsarbeit zur Verfügung. Vorne sitzt eine Gruppe beim Sprachkurs, hinten bereiten junge Männer eine Mahlzeit vor, im Büro kümmert sich ein Mitarbeiter um Wohnungsvermittlung. Viereinhalb Vollzeitkräfte werden inzwischen von Stiftungen und privaten Spendengeldern bezahlt, dazu 13 Minijobs. Einen festen Stab von 80 Freiwilligen gibt es nach wie vor. Henniges selbst bekam vor einem Monat ihr erstes Gehalt, auch einen Urlaub hat sie sich diesen Sommer zum ersten Mal seit langem gegönnt.

© dpa Diana Henniges, Sprecherin von „Moabit hilft“, in ihrem Büro in Berlin.

Henniges war schon aktiv, als die Kanzlerin ihr „Wir schaffen das“ noch gar nicht ausgesprochen hatte. Auch das ist typisch für den harten Kern der Helfer, die immer noch dabei sind. Henniges, eine studierte Historikerin, hatte als Eventmanagerin für große deutsche Unternehmen das Organisieren gelernt. Als die Behörden 2013 in ihrem Stadtteil die zweite große Flüchtlingsunterkunft eröffneten, gründete sie „Moabit hilft“. Vorbild war eine Initiative aus dem Ostberliner Plattenbaubezirk Hellersdorf.

Der Verein stand schon bereit, als die Flüchtlinge kamen – und mit ihnen die vielen Helfer, die eigentlich die Aufgabe der Behörden übernahmen, wie Henniges meint. „Wir hätten viel früher sagen sollen, dass wir das nicht weiter finanzieren.“ Ohne die Helfer, sagt sie, wäre das System zusammengebrochen. „Wir sind die Dienstleister der großen Koalition.“

Am liebsten wäre ihr, die Hilfe hätte sich schon von selbst erübrigt. Aber so weit ist es noch lange nicht. Zwar hat Berlin seit dem 1. August ein neues Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, es soll das Lageso ablösen. Die Erstregistrierung funktioniert nun reibungslos, kein Wunder bei nur noch dreißig Ankünften am Tag – statt bis zu tausend im vorigen Jahr. Aber noch immer warten die Flüchtlinge auf das Geld für den Lebensunterhalt oder auf die Erlaubnis für eine Wohnung, die sie auf eigene Initiative gefunden haben. Nur dass sie nicht mehr auf der Straße stehen, weil jetzt ein riesiges Kongresszentrum als Wartezone dient. Als wären die Berliner Behörden auf jeder Stufe des Verfahrens wieder überrascht, dass stets aufs Neue die Flüchtlinge ankommen.

© dpa Der 20-jährige Saman aus der nordsyrischen Grenzstadt Kamischli arbeitet bei der Flüchtlingshilfe „Moabit hilft“ in Berlin.

Die Hilfe ist in eine neue Phase eingetreten. Geregelter, aber mit neuen Herausforderungen. Es geht um Wohnungssuche, Jobvermittlung – das verlangt einen längeren Atem, als alte Kleidung vorbeizubringen oder für ein paar Stunden Essen auszuteilen. Henniges sagt, das Engagement sei nicht weniger geworden, aber anders. Sie erklärt es mit einem Vergleich. „Für manche war es eine typische Mode-Erscheinung, wie wenn man eine Saison lang halt mit Lederjacke herumläuft“, sagt sie. „Wer jedoch schon immer Lederjacken trug, der legt sie im nächsten Jahr nicht ab.“

Berlin ist groß, vielfältig, chaotisch. Die Stadt war schon immer voller Parallelgesellschaften. Im Stadtbild fallen die Flüchtlinge kaum auf, niemand kann auf der Straße einen frisch zugereisten Syrer von einem Libanesen unterscheiden, der seit Jahrzehnten in der Stadt lebt. Täglich gibt es neue Trends, neue Themen, neue Aufreger. Kaum jemand interessiert sich für die Niederungen der Lokalpolitik, auch deshalb kann sich der Senat so viele Fehler leisten, wie er will. Die soziale Kontrolle ist gering. Das hat viele Vorteile, aber auch einige Nachteile. Ob ein Flüchtlingshelfer durchhält oder nicht, das bekommt kaum jemand mit.

In einer kleineren Stadt wie Nordhorn ist das anders. Bei 53.000 Einwohnern kennt zwar nicht jeder jeden, aber die zentralen Akteure sind miteinander vertraut – in der Stadtverwaltung, bei den freiwilligen Helfern, unter den Flüchtlingen. Hier kann sich keiner klammheimlich vom Acker machen. Auch das ist ein Grund, warum die Bundesregierung mit einem neuen Gesetz verhindern will, dass sich alle Flüchtlinge auf den Weg in die Ballungszentren machen. Hier in Nordhorn ziehen freiwillige Helfer und Behörden an einem Strang. Im Herbst, wenn die Notunterkunft in der alten Schule schließt, eröffnet der Landkreis ein neues Integrationszentrum. Da geht es um die langfristige Eingliederung, vor allem in den Arbeitsmarkt. Neben den Ämtern sind dort auch Flüchtlingsbetreuer, die Volkshochschule und lokale Firmen vertreten.

  • © dpa Viele Flüchtlinge verbrachten ihre erste Zeit in Deutschland in Sporthallen.
  • © dpa Ohne freiwillige Helfer hätte die Aufnahme nicht funktioniert.

Auch Hermann Derks will weitermachen. Seit einem Dreivierteljahr betreibt der Rentner eine Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge. Die Idee dazu hatte der Pastor, aber der musste den pensionierten Fahrradmechaniker nicht lange überzeugen. Schließlich kam Derks gerade aus seinem Urlaub in Österreich zurück. Dort hatte er gesehen, wie sich die Karawane vom Balkan auch durch seinen Ferienort schlängelte. Er sah die Trauerkränze, die Einheimische für die Flüchtlinge niederlegten, die in einem Transporter elend erstickt waren.

In Nordhorn spricht man Plattdeutsch und sagt Fietse, wenn man ein Fahrrad meint. „Eine eigene Fietse ist ja eine tolle Sache“, sagt Derks. Ein Auto können sich die Flüchtlinge nicht leisten, und die Busfahrt ins Stadtzentrum kostet 2,50 Euro. Also macht er jeden Dienstagnachmittag gemeinsam mit fünf anderen Männern kaputte Zweiräder für Flüchtlinge flott und bringt ihnen bei, wie sie selbst Hand anlegen können. Zwischen 20 und 40 Leute kommen jedes Mal. Die restlichen Wochentage kümmert er sich um Ersatzteile, sucht Aushilfen für urlaubende Mitarbeiter. Das ist viel Arbeit, und er überlegt nun, die Werkstatt nach dem Sommer nur noch jede zweite Woche aufzusperren. Doch noch ist die Dankbarkeit der Flüchtlinge ihm weiter den Aufwand wert.

Auch Fenna Stopka und Maria Partmann wollen vorerst weitermachen, so ist das in Nordhorn. Die Nachbarinnen sind befreundet und selbst Mütter von mehreren Kindern. Gemeinsam mit einer weiteren Freundin betreuen sie eine afghanische Familie. Die Stadt vermittelt solche „Flüchtlingspaten“, damit sie bei Papierkram, Behördengängen und Alltagsproblemen helfen. „Es ist nicht so, dass wir gelangweilte Hausfrauen sind“, sagt Maria Partmann lachend. Aber als voriges Jahr in den Medien so viel berichtet wurde und die Stadt ihr Paten-Programm ankündigte, da wollten sie nicht länger nur zusehen.

© dpa Deutschkurse für Flüchtlinge

Aus einer Liste von Flüchtlingen suchten sie sich „ihre“ Familie aus: Ein afghanisches Ehepaar mit zwei kleinen Jungs, die Frau wieder schwanger. Sie sind auf der Flucht vor den Taliban nach Deutschland gekommen. In einer kleinen Wohnung mit großem Garten ist die Familie untergekommen. Dank den Paten ist ihr Alltag bestens durchorganisiert. „Mittlerweile können sie vieles alleine erledigen“, sagt Partmann. Bis dahin war es ein weiter Weg: zu den Behörden fahren, Kita-Plätze für die Jungs organisieren, Sprachkurse finden und immer wieder telefonieren. Sogar einen Minijob für den Mann trieben die Paten auf.

Manchmal wird aus der Aufgabe ein richtiger Halbtagsjob. Es gibt Wochen wie neulich, als die Flüchtlingsfamilie mit zwei Autos nach Bramsche gefahren werden musste, zu Interviews bei der Landesaufnahmebehörde. Es ging um nichts Geringeres als die Zukunft in Deutschland: Ist ihre Fluchtgeschichte stimmig? Dürfen sie bleiben? Nun warten alle, Familie und Paten, auf den „gelben Brief“, der die Antwort enthält.

Sogar bei der Geburt des kleinen Sohnes war Partmann vor einigen Wochen dabei, sie durfte eigenhändig die Nabelschnur durchschneiden. Aber trotz aller Verbundenheit versuchen die drei Frauen, Abstand zu wahren. Nicht nur für den Fall, dass der Entscheid negativ sein sollte und die Familie nicht bleiben darf. Loslassen müssen die Paten sowieso immer mehr, auch aus eigenem Interesse. Ab nächstem Jahr muss es weniger werden, da sind sich Stopka und Partmann einig. Es kostet Kraft, auf Dauer so viel Zeit und Herzblut zu investieren. Die afghanische Familie kann den Alltag alleine meistern. Vielleicht wird die Frau, die mit Burka ankam und bald nur noch ein Kopftuch trug, in einer oder zwei Jahren auch außerhalb der Wohnung ihr Haar zeigen. Das hoffen zumindest die Paten.

© BMI (Registrierte Zugänge nach dem Easy-System); Bundesamt für Migration und Flüchtlinge / F.A.Z.-Grafik Niebel

Das Engagement der Helfer hat sich im Lauf eines ganzen Jahres verändert, aber es hat nicht aufgehört. Viele Initiativen durchliefen nun „einen Prozess zunehmender Professionalisierung und Formalisierung“, stellt die Bertelsmann-Stiftung in einer neuen Studie fest. Das Engagement sei nach wie „überraschend hoch“. Paradoxerweise wächst es, wenn – etwa durch Terroranschläge – kritische Stimmen gegenüber Flüchtlingen laut werden. Dann melden sich Helfer, die etwas gegen Fremdenfeindlichkeit tun wollen. Der Einsatz der Bürger geht dagegen zurück, wenn das Thema aus den Medien verschwindet und andere Politikfelder nach vorne drängen.

Dabei fangen viele der wirklich anspruchsvollen Aufgaben jetzt erst an. Als Helfer die Kleiderkammer zu befüllen oder in einer Unterkunft das Essen auszuteilen, das mag aller Ehren wert sein, aber es ist am Ende doch die leichtere Übung. Auf dem leergefegten Berliner Mietwohnungsmarkt nach einer dauerhaften Bleibe zu suchen, bei der Jobsuche zu helfen oder eine Flüchtlingsfamilie als „Pate“ durch alle Höhen und Tiefen des deutschen Alltags zu begleiten, das erfordert schon mehr Kraft, Zeit und Durchhaltevermögen.

Rund zwanzig Leute haben sich an diesem Tag in dem früheren Ladengeschäft an der Mahlower Straße in Berlin eingefunden, gut die Hälfte von ihnen Flüchtlinge, der Rest Hilfswillige. Der „Schillerkiez“ war früher eine Arme-Leute-Gegend, heute ist er eine begehrte Wohnlage direkt neben dem früheren Tempelhofer Flugfeld. Es gibt einen afrikanischen Friseur und ein paar Häuser weiter gleich die angesagten Kneipen für junge Neuberliner. Nicht weit entfernt verläuft die Sonnenallee, Berlins arabische Meile. Sie ist erster Anlaufpunkt für viele Syrer, hier besorgen sie sich die Chipkarten fürs deutsche Handynetz, hier kaufen sie vertraute Lebensmittel ein, manche finden sogar einen Job oder machen sich selbständig.

© dpa Jobbörse für Flüchtlinge in Berlin: Integration soll über den Arbeitsmarkt gelingen.

Heute tagt hier die „AG Wohnungssuche“ des „Bündnisses Neukölln“. Ciaran Wrons-Passmann, ein junger Wissenschaftler mit modischem Bart, moderiert die Runde. Er ist von der Resonanz so positiv überrascht, dass es ihn erst einmal verwirrt. Zuletzt seien fast nur noch Flüchtlinge gekommen, berichtet er, kaum noch neue Helfer. Aber immer noch sind die Hilfsbedürftigen in der Überzahl. Junge Männer aus Afghanistan sind dabei, auch eine ganze Familie aus Syrien.

Geduldig erklärt der Moderator das Procedere. Die Helfer sollen wissen, was auf sie zukommt. Auch Einheimischen fällt es längst nicht mehr leicht, in der Hauptstadt eine Wohnung zu bekommen. Für die Flüchtlinge gibt es noch ein paar Hürden mehr. Nach drei Monaten haben sie formal Anspruch auf eine eigene Wohnung, realistische Aussichten bestehen aber eigentlich erst nach der förmlichen Anerkennung. Wer eine Wohnung gefunden hat, muss sich erst mal beim Evangelischen Jugend- und Förderwerk melden, das von der Stadt mit dieser Aufgabe betraut ist. Es gelten strikte Preis- und Quadratmetergrenzen. Drei bis vier Wochen dauert es, bis die Kostenübernahme bewilligt ist, danach lässt die erste Mietzahlung rund zwei Monate auf sich warten. Da müssen Vermieter schon sehr gutmütig sein.

Die sieben potentiellen Helfer, die sich eingefunden haben, schauen etwas entmutigt. Zwei von ihnen erklären rundheraus, sie verfügten gar nicht über so viel Zeit und hätten sich bloß informieren wollen. Fünf sagen, sie wollten mitmachen. Zwei bis drei Stunden in der Woche könnten sie aufbringen.

Auch der Moderator des Abends gehört zu denen, die schon vor der großen Welle dazugekommen sind. Der studierte Afrikanist hat zuletzt in einer renommierten Forschergruppe für Konflikt- und Gewaltforschung gearbeitet. Im Frühsommer vorigen Jahres wurden per Rund-Mail Helfer für ein Flüchtlingsheim in Berlin-Britz gesucht, einem Ortsteil von Neukölln. Damals kamen noch viele Leute vom Balkan, Wrons-Passmann übernahm die Patenschaft für ein mazedonisches Ehepaar. „Dann kam der Hype“, sagt er. Nach der ungarischen Grenzöffnung kamen auf einmal viele Anfragen von Helfern, die unbedingt mitmachen wollten – fast zu viele fürs Thema Wohnungssuche, schließlich waren die meisten Neuankömmlinge noch gar nicht so weit. Seither hat die Nachfrage der Geflüchteten zugenommen, der Andrang der Helfer ist zurückgegangen.

Auch die Behörden spüren die Not. Die Wohnungsvermittler vom Jugend- und Förderwerk wollten die Neuköllner Initiative schon zum „Professional Partner“ machen, aber Wrons-Passmann und seine Mitstreiter winkten ab. Schwierig finden sie es, wenn die Helfer die Aufgaben eines Betreibers übernehmen – also zum Beispiel ehrenamtlich die Mahlzeiten austeilen, die sich das Unternehmen vom Senat bezahlen lässt. Zu bloßen Handlangern der Kanzlerin wollen sie sich nicht machen lassen, zumal viele von ihnen die neuerdings restriktivere Flüchtlingspolitik kritisch sehen.

Haben die Flüchtlinge eine Wohnung gefunden, ist der nächste Schritt für sie die Suche nach einem Job. Hier sind es auch Unternehmer, die sich engagieren. Nicht so sehr die großen Dax-Konzerne, die zusammen bislang nur fünfzig Flüchtlinge eingestellt haben und sich deshalb im September bei der Kanzlerin rechtfertigen müssen.

© Daniel Pilar Der Afghane Rostam Shanawaz lernt in Nordhorn, wie man als Kellner Teller hält.

Anders ist es bei vielen der kleineren und mittleren Firmen. In Nordhorn zum Beispiel. Die Firma von Thorsten Müller betreibt drei Hotels und zwei Gaststätten mit zusammen 180 Beschäftigten. Im Gastgewerbe habe man ja sowieso schon immer viel mit dem Ausland zu tun gehabt, sagt Müller. Von seinen derzeit zwölf Azubis sind sechs aus Deutschland, der Rest hat ausländische Wurzeln. Seit drei Generationen ist Müllers Familie im Gastgewerbe, sie hat selbst eine Flüchtlingsvergangenheit: Beide Eltern stammen aus der ehemaligen DDR, seine Mutter wurde auf der Flucht geboren, sein Vater kam 1953 im Alter von 13 Jahren in den Westen.

Auch ohne diese persönliche Erfahrung würde er sich engagieren, sagt Müller. Auch aus Eigennutz, denn es werde nicht einfacher, qualifizierte Schulabgänger für eine Ausbildung in der Hotellerie zu finden. „Die Flüchtlinge sind oft selbständiger und motivierter“, sagt er. Seit vier Jahren arbeitet an seiner Seite eine Azubi-Betreuerin.

Zwei Flüchtlinge gehören derzeit zu ihren Schützlingen. Da ist Ayham Kudsi, 25 Jahre, aus Syrien, seit Januar in Deutschland. Er hat schon Erfahrung als Hotelangestellter in seiner Heimat, „gute Adressen“, wie die Betreuerin sagt. In einem einmonatigen Praktikum kann er sich beweisen. Gerade hilft er hinter der Bar im Pier 99, einem gut besuchten Szenelokal. Kudsi spricht Englisch, was die Verständigung erleichtert, aber auch sein Deutsch ist schon beeindruckend. Wenn alles glatt läuft, wird er zum 1. September als Auszubildender zum aktuellen Jahrgang dazustoßen.

Schon dabei ist Rostam Shanawaz, 20 Jahre, aus Afghanistan, seit gut einem Jahr in Deutschland und über eine Integrationshelferin in den Betrieb gekommen. Sein Chef hält viel von ihm. „Er ist sehr clever und will unbedingt lernen“, sagt Thorsten Müller. Fast wäre es gar nicht so weit gekommen, denn Shanawaz sollte eigentlich abgeschoben werden. Dank dem neuen Integrationsgesetz, das seit gut einer Woche gilt, darf er bleiben – fünf Jahre mindestens, wegen seines Ausbildungsvertrags. Diese Sicherheit ist für Müller ein wichtiger Punkt. „Ich stecke da viel Geld rein“, sagt er. Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Hotelfachmann. Wenigstens zwei Jahre lang dürfte Müller also die Gelegenheit haben, die Früchte dieser Investition zu ernten.

© dpa Flüchtlingshelfer am Hauptbahnhof in München, am 12.09.2015

Viele Flüchtlinge zieht es auch in die Autobranche. Die Unternehmer-Brüder Helmut und Michael Krüp führen in Nordhorn die Grafschafter Autozentrale, einen Audi- und VW-Händler mit 84 Mitarbeitern. Seit Mai ist der Eritreer Abel Gebremadhin Fashiye, 21 Jahre alt und anerkannter Flüchtling, im Betrieb. Vermittelt wurde er vom Jobcenter. Auch sein Einstieg begann mit einem Praktikum. Das müssen bei den Krüps allerdings auch Deutsche absolvieren.

An dieser Stelle hakt es seit einiger Zeit, sodass hinter dem Engagement für Flüchtlinge auch Eigennutz steht, wie Michael Krüp zugibt. „Die Anzahl an Bewerbungen ist zurückgegangen, die Qualität nimmt ab“, sagt er. Bis Ende Juli ist Fashiye noch in einer Trainingsmaßnahme, anschließend muss er eine einjährige Qualifizierung absolvieren, erst dann kann er die eigentliche Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker beginnen. Zufrieden schaut Krüp seinem Schützling beim Ölwechsel zu. Der soeben noch schüchtern wirkende junge Mann ist wie ausgewechselt und scheut sich auch nicht, einen vorbeilaufenden Kollegen um Hilfe zu bitten. „Das ist der vorgezeichnete Weg“, sagt Krüp. „Ich glaube nicht, dass Abel der letzte Flüchtling bei uns ist.“

Bei den Flüchtlingen, die schon einen Job und eine Wohnung haben, ist die Arbeit der Helfer erst mal getan. Für die Leute in der Notaufnahme sowieso. Eyk Björn Jonker, der Hausmeister aus der alten Schule, hat sich damit abgefunden. Als im vergangenen Herbst die ersten Busse mit Flüchtlingen in Nordhorn ankamen, war er als Ehrenamtlicher dabei, seit dem 1. November dann hauptamtlich. Nun muss sich der gelernte Einzelhandelskaufmann neu orientieren. Die ersten Bewerbungen sind geschrieben, er will zurück in seinen ursprünglichen Beruf. Doch es ist eine gute Portion Wehmut dabei, wenn Jonker von der „schönen Zeit“ erzählt. Viele Flüchtlinge seien ihm bis heute dankbar. „Da geht man eine Straße entlang“, sagt er, „und auf einmal kommt einer von der anderen Seite rübergerannt und umarmt einen.“

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 19.08.2016 11:03 Uhr