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Streik bei der Lufthansa : Mein Jahr als Stewardess

  • -Aktualisiert am

1533 Euro butto beträgt das Einstiegsgehalt von Flugbegleitern. Mit den Berufsjahren können es bis zu 4000 Euro werden Bild: dapd

Die Flugbegleiter bei der Lufthansa streiken - und Carola Sonnet kann sie gut verstehen. Als Stewardess hat sie sich ihre Journalistenausbildung finanziert und am eigenen Leib erlebt, was der „Traumberuf“ über den Wolken bedeuten kann.

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          Saftschubse, Trolley-Dolly, Tablettschleuder: Es gibt viele Namen für Stewardessen, die wenigsten davon sind respektvoll. Dabei könnte ohne Flugbegleiter niemand fliegen. Im Notfall können sie jedes Flugzeug innerhalb von 90 Sekunden evakuieren. Sie leisten erste Hilfe, wenn jemand in Ohnmacht fällt, können Feuer löschen und Flugangst nehmen.

          Traumberuf Flugbegleiter? Für eine Weile jedenfalls war er das für mich: Ein Jahr lang flog ich mit der Lufthansa auf Kurz- und Langstrecke durch die Welt, übernachtete in den schönsten Hotels, lernte fremde Kulturen kennen. Dafür bezahlt zu werden kam mir wie ein unglaublicher Luxus vor.

          Früher wochenlange Aufenthalte in Bangkok und Kapstadt

          Dabei waren die goldenen Zeiten schon vorbei, als ich bei der Lufthansa anfing: Die Kollegen erzählten gerne, wie sie früher eine Woche lange Aufenthalte in Bangkok und Kapstadt hatten. Viele besaßen dort ein zweites Haus, weil sie sich diese Flugstrecken immer wieder wünschen konnten, wenn sie nur lange genug dabei waren. Sie hatten Schauspieler kennengelernt, waren mit Millionären ausgegangen.

          Wir dagegen flogen elf Stunden lang nach Japan, fuhren dann noch eine Stunde mit dem Bus bis ins Hotel, mussten versuchen, wach zu bleiben oder uns nach spätestens zwei Stunden wieder aus dem Bett zu quälen. Denn zurück ging es schon 24 Stunden später. Wer nach der Ankunft einschlief, durchwachte die Nacht vor dem 12-stündigen Rückflug. Mein prominentester Gast war Pierre Littbarski, doch der wollte die ganze Zeit schlafen.

          Viele der erfahrenen Kolleginnen arbeiteten immer in der First Class, da kam das Arbeiten einem Traumjob mit Sicherheit näher als hinten in der Economy Class, wo wir alle halbe Stunde die Toiletten auf Raucher untersuchten. Denn achtlos weggeworfene Kippen, die Mülleimer in Brand setzen? Etwas Gefährlicheres als Feuer an Bord mitten über dem Atlantik gab es nicht.

          Einstiegsgehalt: 1533 Euro brutto

          Das Gehalt war nicht schlecht für jemanden, der nach der kurzen Trainingszeit nach dem Abitur direkt Vollzeit arbeiten konnte. Eine Familie hätte ich davon nicht mein Leben lang ernähren wollen. Heute streiken die Flugbegleiter nach einer drei Jahre währenden Nullrunde. Das Einstiegsgehalt liegt bei 1533 Euro brutto pro Monat, hinzu kommen eine Schichtzulage in Höhe von 16,3 Prozent. Im Laufe des Berufslebens kann das Gehalt auf bis zu 4000 Euro steigen. Richtig Angst haben meine Kolleginnen aber vor der neuen Lufthansa-Billiglinie und den Leiharbeitern, die die Lufthansa vermehrt einsetzen will. Die müssen deutlich länger arbeiten.

          Einige Flugbegleiterinnen heiraten Piloten, weil sich deren Dienstpläne wenigstens mit den unregelmäßigen Arbeitszeiten koordinieren lassen. Die ständige Abwesenheit, manchmal eine Woche am Stück, strapaziert Ehen und Beziehungen, alleinerziehende Kolleginnen sind nicht selten.

          „Wir lernten, wie wir einen Angriff planen und Entführer überwältigen konnten“

          Wir waren einer der letzten Ausbildungslehrgänge, die vor dem Einstellungsstopp nach dem 11. September 2001 übernommen wurden. Es war eine merkwürdige Zeit, um hauptberuflich zu fliegen, weil sich mit den Anschlägen alles änderte: Die Sicherheitsvorkehrungen wurden extrem verschärft, die Passagiere waren viel misstrauischer. Jeder Passagier mit Bart, der sich der Toilette neben dem Cockpit näherte, wurde argwöhnisch beäugt, auch von der Crew.

          Bild: dpa

          Ein paar Jahre später, als ich während der Semesterferien wieder als Flugbegleiterin auf Zeit (FAZ, das ist tatsächlich die Abkürzung) arbeitete, lernten wir im Vorbereitungskurs nicht mehr, wie wir Entführer besänftigen, sondern wie wir einen Angriff planen und sie überwältigen können. Zu einer Rolle gewickelte großformatige Zeitungen eignen sich beispielsweise sehr gut zur Selbstverteidigung.

          Tatsächliche Angriffe waren eher verbal

          Die Angriffe im Flieger-Alltag waren eher verbal: die indische Familie, die als Letztes eingecheckt hatte, aber unbedingt nebeneinander sitzen wollte und laut wurde, als sie über sämtliche Reihen verteilt Platz nehmen musste, damit wir starten konnten. Oder ein junger Mann, der offensichtlich Flugangst hatte, deshalb eine Bloody Mary nach der anderen bestellte und immer unhöflicher wurde, als wir uns weigerten, nachzuschenken.

          Die meisten Passagiere waren ausgesprochen nett. Nur einer nicht, ausgerechnet ein Senator. So nennt die Lufthansa ihre Vielflieger, die mit Namen begrüßt und besonders zuvorkommend behandelt werden sollen. Auf der Passagierliste werden sie ausgewiesen, ich hatte mir eine auf den Getränkewagen gelegt. Ein älterer Passagier, dicke Brille, dicke Nase, dicker Bauch, war davon offenbar so beeindruckt, dass er meine Hand festhielt, als ich ihm den Becher mit Orangensaft reichte. Erst als ich sehr fest zog, ließ er los. Der restliche Flug: anzügliche Blicke. Ich hätte das wahrscheinlich wieder vergessen, wäre nicht eine Woche später ein Brief von ihm bei mir zu Hause angekommen. Von der Sorte: Wann sehen wir uns endlich wieder, ich kann Sie nicht vergessen. Und Sie haben ja auch bald Geburtstag... Wie er an meine Privatadresse gekommen ist, konnte (oder wollte) mir auch bei der Lufthansa niemand sagen. Da hatte ich aber bereits gekündigt - um Journalistin zu werden.

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