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Foreign Branding : Ø, wie ist das schøn!

Brav und bieder kommt dagegen der bloße Ersatz des deutschen durch das nordische Umlautzeichen nach dem Kølner Muster daher. Deutlich anspruchsvoller ist da schon das Wortspiel des Getränkehändlers, der das dänisch-norwegische Wort für Bier (Øl) in seinen Namen einbaut. Und fast schon genialisch-verwegen wirkt die Idee, sich für eine teure amerikanische Eiscreme einen Phantasienamen auszudenken, mit dem kein Skandinavier etwas anfangen kann, der für viele Leute außerhalb Skandinaviens aber typisch skandinavisch aussieht. Zur Sicherheit warb der Gründer von Häagen-Dazs, ein polnischer Einwanderer in New York, für sein Eis anfangs auch noch mit Karte von Dänemark, obwohl die Dänen gar kein Ä im Alphabet haben.

Das Ö aus Skandinavien

Aber zurück zum Ø. Was hat es mit diesem eigentümlichen Zeichen auf sich? Die Antwort liefert die Sprachgeschichte, Kapitel Schriftentwicklung. Das Ø ist im dänischen und norwegischen Alphabet schlicht und ergreifend der Buchstabe, der wie das deutsche Ö ausgesprochen wird. Richtig gelesen: Die Schweden haben kein Ø, sondern wie die Deutschen ein Ö und auch ein Ä. Wer’s nicht glaubt, setze sich bei Ikea mal auf die Sofas Söderhamn oder Färlöv.

Jeder, der im Mittelalter eine germanische Sprache mit dem römischen Alphabet schreiben wollte, musste irgendwie die germanischen Umlaute unterbringen, die es bei den Römern nicht gab. Dafür schrieb man, in Deutschland genauso wie in Skandinavien, zuerst O und E (beziehungsweise A und E) einfach dicht zusammen. Um Zeit, Pergament und Tinte zu sparen (knappe Güter!), wanderte das E irgendwann in verkleinerter Form über oder sogar in das O hinein. Von dort ist es nur noch ein kleiner Abstraktionsschritt, es durch zwei Pünktchen oder einen Querstrich darzustellen.

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Warum Deutsche und Schweden die Pünktchen gewählt haben, Norweger und Dänen aber den Strich? Die Schweden haben sich in diesem Punkt wohl schlicht dem deutschen Einfluss ergeben. Und für die Deutschen haben die Pünktchen einen klaren Vorteil. „Das Deutsche nutzt, anders als die skandinavischen Sprachen, die Umlaute systematisch, um Pluralformen wie Hände, Söhne, Züge zu bilden“, erläutert die Mainzer Linguistin Damaris Nübling. „Die Buchstaben ä, ö und ü machen in diesen Fällen schnell transparent, wie die Grundform lautet: Hand, Sohn, Zug.“ Im deutschen Alphabet haben die Umlaute deshalb auch nicht den Rang vollwertiger Buchstaben, sie stehen vielmehr wie Trittbrettfahrer hinter A, O und U.

In Norwegen und Dänemark stehen die Sonderzeichen Æ, Ø und Å dagegen ganz am Ende des Alphabets. Warum aus diesem Trio wiederum gerade das Ø als Exportschlager in Deutschland Karriere macht, liegt auf der Hand. Erstens kann man bei der Aussprache nichts falsch machen. An den Feinheiten von Æ und Å dagegen mühen sich Deutsche, die Dänisch oder Norwegisch lernen, oft ziemlich lange ab. Zweitens sieht es elegant aus und ermöglicht grafische Kreativität. Ein Beispiel: Der größte dänische Energiekonzern, der sich vor kurzem von Dong (die Abkürzung für „Dänisches Öl und Erdgas“) in Ørsted (so hieß ein in Dänemark berühmter Physiker) umbenannt hat, schreibt seinen neuen Anfangsbuchstaben mit einem kurzen geraden Strich oben in der Mitte. Das sieht wie ein „Power“-Knopf aus. Drittens ist im Dänischen „Ø“ allein schon ein ganzes Wort. Es bedeutet „Insel“. Poesie auf kleinstem Raum.

Das Ø in seiner unzweifelhaft schönsten Form hat übrigens der dänische Designer Arne Jacobsen 1937 entworfen, für die Beschriftung des Rathauses in Aarhus. Schlank und klar und typisch nordisch sehen die Buchstaben dieses Jacobsen-Alphabets aus, es sind moderne Klassiker geworden, die es schwarz auf weiß inzwischen auch auf Tellern und Tassen zu kaufen gibt. Es mag ein Zufall sein, aber im größten Kaufhaus von Kopenhagen war ausgerechnet die Tasse mit dem Ø am vergangenen Wochenende ausverkauft.

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