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IWF-Veröffentlichung zum Klima : Ein Blauwal ist tausend Bäume wert

Die Fluke eines Blauwals, der nahe der kalifornischen Küste schwimmt. Bild: AP

Der Internationale Währungsfond sieht in Walpopulationen eine natürliche Lösung gegen das CO2-Problem. Wale seien in vielerlei Hinsicht wichtig für das Ökosystem – und gehörten deshalb ganz nach oben auf die Tagesordnung der Klimapolitik.

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          Große Wale könnten eine außergewöhnlich wichtige Rolle im Klimaschutz spielen. Darauf haben Autoren des Internationalen Währungsfonds in einem jetzt veröffentlichen Aufsatz hingewiesen. Sie begründen das mit der erstaunlichen Fähigkeit der größten Säugetiere, Kohlendioxid zu binden. Meeresbiologen haben herausgefunden, dass große Wale im Schnitt über ihre Lebenszeit 33 Tonnen Kohlendioxid (CO2) binden. CO2 wird als Treibhausgas für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht. Wenn die Tiere sterben, sinkt ihr Körper auf den Meeresboden und hält das Kohlendioxid für Jahrhunderte fest. Die 33 Tonnen oder 33.000 Kilogramm eingefangenen Treibhausgase wirken eindrucksvoll im Vergleich zu Bäumen, die jährlich gerade rund 20 Kilogramm des Treibhausgases absorbieren.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Eine globale Umweltpolitik, die die Walbestände auf ihr Niveau vor dem Beginn der Industrie-mäßigen Fischerei zurückführt, hätte nach Einschätzung der Wissenschaftler bedeutende Auswirkungen auf die Emissionen. Zur Zeit schwimmen nach Schätzungen von Meeresbiologen rund 1,3 Millionen Wale durch die Meere, in ihren besten Zeiten waren es vier Millionen bis fünf Millionen. Bestände einiger Arten wie der gewaltigen Blauwale sind um 97 Prozent geschrumpft. Die IWF-Autoren schreiben, die Erhöhung der Walbestände könnte ein Durchbruch im Klimaschutz bedeuten.

          Wale liefern Nährstoffe für Plankton

          Ihr Nutzen beschränkt sich offenbar dabei nicht auf die Eigenschaft der CO2-Aufnahme. Sie beflügeln zudem das Wachstum von Phytoplankton, mikroskopisch kleiner oft einzelliger Organismen. Diese steuern mindestens 50 Prozent des Sauerstoffs in der Atmosphäre bei, indem sie 37 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr absorbieren, 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Das entspricht der Leistung von 1,7 Billionen Bäumen oder dem Vierfachen von dem, was der Amazonas–Regenwald zu leisten vermag. Wale scheiden genau die Substanzen aus, die das Plankton zum Wachsen benötigt: Eisen und Stickstoff. Weil sie gleichzeitig mit ihren mächtigen Körpern die Meere auf der Suche nach Nahrung aufwühlen und durchmischen, gelangen die nährreichen Substanzen zum Phytoplankton.

          Ein Minimum von 1 Prozent Wachstum der Plankton-Produktivität würde hunderte Millionen zusätzliche Tonnen Kohlendioxid absorbieren. Nach Darstellung der IWF-Autoren würde das der Leistung von zwei Milliarden Bäumen entsprechen.

          Natürliche Öko-Hilfe

          Im Unterschied zur klassischen landbasierten Carbon Capture-Technologie und vergleichbaren High-tech-Lösungen hat das Walprogramm den Vorteil, dass es keine neuen Risiken produziert. „Die Natur hatte Millionen Jahre, die walbasierte Carbon-Absorbierungs-Technik zu perfektionieren. Alles was wir tun müssen ist es, die Wale am Leben zu lassen.“

          Die Ökonomen des Währungsfonds haben den Wert eines Wals ermittelt. Es ist der Barwert seiner CO2-Absorbierung, die sich wiederum nach dem Marktpreis von CO2 richtet. Dazu addieren die Forscher den Wert, den Wale bei der Förderung der Fischerei und des Ökotourismus spielen. Sie kommen zum Ergebnis, dass ein Wal zwei Millionen Dollar wert ist. Die Ermittlung des Wertes ist hilfreich für die Bemessung von Kompensationen für Fischer und Reeder, die Walschutzauflagen in Kauf nehmen müssen.

          Die IWF-Autoren finden, dass Walschutz ganz nach oben auf die Tagesordnung der Klimapolitik gehört.

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