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Ehemaliger Arcandor-Chef : Middelhoffs Armbanduhr offenbar gepfändet

  • Aktualisiert am

Thomas Middelhoff Bild: dpa

Der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff hat wieder Ärger mit der Justiz: Einem Medienbericht zufolge hat ein Gerichtsvollzieher seine Piaget-Armbanduhr gepfändet. Listenpreis: 20.000 Euro.

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          Er sei nicht Pleite, hatte der frühere Arcandorchef Thomas Middellhoff behauptet, als er Ende Juli bei einem Gerichtstermin Auskunft über seine Vermögensverhältnisse geben musste – umgangssprachlich ist auch von Offenbarungseid die Rede. Doch daran mehren sich Zweifel. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ musste der ehemalige Spitzenmanager am 20. August im Landgericht Essen seine Uhr hergeben. Die Uhr - laut „Spiegel“ eine Piaget – soll ein Listenpreis von 20.000 Euro haben. Ein Gläubiger, ein Fonds des Berliner Wohnungsbauunternehmens Gewobag, dem Middelhoff knapp eine Millionen Euro schuldet, soll die Taschenpfändung beantragt haben. Es ist nicht das erste Mal: Schon vor einigen Wochen musste Middelhoff am Rande eines laufenden Gerichtsverfahrens eine Taschenpfändung über sich ergehen lassen.

          Der frühere Arcandor-Chef ist derzeit von vielen Seiten unter Beschuss: In Essen muss er sich in einem Untreueprozess verantworten. Dabei geht es unter anderem um teure Flüge mit Privatjets und Hubschraubern auf Kosten des damals schon stark schlingernden Handelskonzerns Arcandor. Vor einem Jahr wurde Middelhoff dazu verurteilt, dem Insolvenzverwalter des Kaufhauskonzerns rund 3,4 Millionen Euro wegen umstrittener Boni zu zahlen. Der Insolvenzverwalter fordert aber weit mehr.

          Verdacht auf Falschaussage unter Eid

          Zudem fordern verschiedene Gläubiger Geld von Middelhoff. Auch der Troisdorfer Projektentwickler Josef Esch und der Unternehmensberater Roland Berger wollen vom ehemaligen Spitzenmanager Geld zurück. Middelhoff selbst hat wiederholt versichert, nicht pleite zu sein – allenfalls zur Zeit nicht flüssig. Er besitze noch ausreichend Vermögen, beispielsweise verfüge seine Familie über Festgelder in Millionenhöhe beim Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim. Die Privatbank sperre sich dagegen, diese Gelder freizugeben, er erwarte aber, dass sich das Problem bald löse.

          Was Middelhoff alles vorgeworfen wird


            Worum geht es eigentlich bei den Prozessen, in die Thomas Middelhoff verwickelt ist?

            Die Zahl der Zivil- und Strafprozesse, in die der frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff verwickelt ist, ist kaum noch überschaubar. Im Zentrum steht der Prozess, bei dem Middelhoff in Essen als Angeklagter wegen des Verdachts der Untreue vor dem Landgericht steht. Er soll den Kaufhauskonzern (vor allem) mit Privatreisen geschädigt haben. Daneben war Middelhoff als Zeuge im Strafprozess gegen die frühere Führungsriege der Kölner Bank Sal. Oppenheim am Landgericht Köln vorgeladen, verweigerte aber weitgehend die Aussage. Zu groß war wohl die Gefahr, dass er Munition gegen sich selbst für den Prozess in Essen geliefert hätte.

            Welche finanziellen Forderungen gibt es gegen ihn?

            Gerichtsvollzieher nutzten mehrfach die Anwesenheitspflicht des Managers, um ihn mit Millionenforderungen ehemaliger Geschäftspartner oder des Arcandor-Insolvenzverwalters zu konfrontieren. Die größte Summe verlangt dabei der Karstadt-Insolvenzverwalter: insgesamt knapp 180 Millionen Euro.

            Warum will der Arcandor-Insolvenzverwalter Geld von Middelhoff?

            In einem Fall geht es um Boni, die Middelhoff bei dem Kaufhaus zu Unrecht kassiert haben soll. Das Urteil des Essener Landgerichts, das dem Verwalter 3,4 Millionen Euro zugesprochen hat, liegt derzeit beim Oberlandesgericht Hamm in Berufung. Am Landgericht Hagen hat der ehemalige Manager im Gegenzug einen Mahnbescheid gegen die Insolvenzverwaltung über 120 Millionen Euro beantragt, weil er sich von deren Vorwürfen und Klagen geschädigt sieht. In dem weitaus größeren der beiden Ex-Karstadt/Quelle-Verfahren dreht es sich um 175 Millionen Euro, die der Insolvenzverwalter geltend macht. Hierbei geht es um Sonderboni und Privatflüge. Das Landgericht Essen gab ihm im Juni 2012 allerdings nur in einem kleinen Teil der Vorwürfe recht, bezifferte dessen Ansprüche aber noch nicht. Das Oberlandesgericht Hamm prüft die Berufung dagegen und hat einen Sachverständigen eingeschaltet.

            Wer macht noch Ansprüche gegen Middelhoff geltend?

            Der Unternehmensberater Roland Berger fordert einschließlich Zinsen rund 7,5 Millionen aus einem früheren Gemeinschaftsprojekt mit Middelhoff und dem Investor Florian Manfred Lahnstein (Sohn des früheren SPD-Politikers). Middelhoff hat die Forderungen erst vor einem Notar anerkannt – nun macht er aber Gegenforderungen geltend. Der Immobilienentwickler Josef Esch verlangt Pacht für eine Luxusjacht in Höhe von 2,5 Millionen Euro. In beiden Fällen sind bereits Gerichtsvollzieher eingeschaltet. Und die Bank Sal. Oppenheim, die seine Guthaben von rund 25 Millionen Euro eingefroren hat, will weitere 50 Millionen Euro für Kredite, mit denen Middelhoff wiederum Esch-Fonds gekauft hat. Er kontert mit Forderungen von 200 Millionen Euro. Darüber soll im November in erster Instanz vor Gericht verhandelt werden.

            Und was hat Middelhoff mit den Kirch-Erben zu tun?

            Zu allem Überfluss ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft gegen Middelhoff wegen Verdachts der Falschaussage im Milliardenstreit der Kirch-Erben gegen die Deutsche Bank. Wie fast die gesamte frühere Spitze der Deutschen Bank bis hin zum jetzigen Ko-Vorstandschef Jürgen Fitschen soll er falsch ausgesagt haben.

          Demütigungen blieben dem früheren Spitzenmanager zuletzt nicht erspart. Für Aufsehen sorgte sein spektakuläres Verlassen des Essener Gerichtsgebäudes Ende Juli. Um neugierigen Fragen von Journalisten zu entgehen, flüchtete Middellhoff nach eigener Aussage „wie eine Katze“ aus einem der rückwärtig gelegenen Fenster an einem Regenrohr entlang, kletterte auf ein Garagendach und sprang dann aus rund drei Meter Höhe herunter auf die Straße.

          Laut „Spiegel“ steht Middelhoff auch unter dem Verdacht, unter Eid nicht die Wahrheit über sein Vermögen gesagt zu haben: Der Staatsanwaltschaft Essen liege seit Kurzem eine Strafanzeige vor. Bei seiner Vermögensauskunft Ende Juli habe Middelhoff drei Armbanduhren angegeben, die nun gepfändete Piaget sei aber nicht darunter gewesen. Ob er sie absichtlich oder aus Versehen verschwiegen habe, sei unklar. Eine Sprecherin des Gerichts bestätigte den Vorgang, das Gericht prüfe die Vorwürfe.

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