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Ehemalige Kolonie : Die Deutschen wollen nicht zurück nach Tsingtau

Das deutsche Erbe wird hochgehalten: Mitwirkende des Bierfestes in Qingdao Bild: dpa

Die chinesische Hafenstadt umgarnt Unternehmen mit ihrer Kolonialgeschichte. Doch die gehen lieber nach Schanghai. Auch der deutsch-chinesische Ökopark kommt nicht vom Fleck.

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          Das Bierzelt tobt. Zweijunge Männer trinken um die Wette, die Lederhosenkapelle heizt die Stimmung an. Die Lufthansa, die dieses Oktoberfest in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao ausrichtet, kann sich über enormen Andrang freuen. Doch trotz des deutschen Frohsinns und der Vergangenheit der kaiserlichen Kolonialgründung „Tsingtau“ feiern hier fast nur Chinesen. Unter den 8,7 Millionen Einwohnern gibt es gerade einmal 200 Deutsche.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Ginge es nach der Stadtregierung, wären es viel mehr. „Wir halten das Erbe hoch und bemühen uns um ein enges Verhältnis zu Deutschland“, sagt Ye Min, stellvertretende Generaldirektorin des Handelsbüros von Qingdao. „Trotzdem sind die deutschen Geschäftsleute sehr zurückhaltend.“ Ye wurde in Gießen in Volkswirtschaft promoviert und spricht fließend Deutsch. Ihr ist es ein echtes Anliegen, engere Bande zu knüpfen, doch die Zahlen sind ernüchternd. Mit einem Investitionsbestand von 388 Millionen Dollar rangiert Deutschland nur auf Platz 11, noch hinter Kanada und Großbritannien.

          Gebaut nach deutschem Nachhaltigkeitsstandard

          „Die Deutschen gehen lieber in die Nähe von Schanghai“, klagt Ye. Dabei sei die Lebensqualität im Badeort Qingdao viel höher, nicht zuletzt dank der deutschen Hinterlassenschaften. Hier sprudelt Chinas berühmtestes Bier aus dem Fass, gebraut in der von den Besatzern errichteten Brauerei „Tsingtao“. Es gibt europäische Kirchen, prächtige Kolonialbauten, breite wilhelminische Alleen. Sogar einige Ausdrücke haben sich gehalten. Ein Kanaldeckel heißt hier „Gu Li“, eine Dame „Da Ma“. Wichtiger noch sei die deutsche Infrastruktur, sagt Ye. Bis heute funktioniere das Wassersystem tadellos. Überschwemmungen wie kürzlich in Peking, als die Kanalisation versagte, könne es in Qingdao nicht geben. Allerdings macht das ehemalige Siedlungsgebiet nur einen Bruchteil der heutigen Stadt aus.

          Wie im Bierzelt präsentiert sich Deutschland in der Region vor allem in Blau-Weiß. 30 der 100 deutschen Unternehmen in der Provinz Shandong stammten aus Bayern, sagt Manuel Rimkus, Leiter der bayerischen Vertretung. Sie ist die einzige offizielle deutsche Einrichtung in der Stadt. Damit mehr Landsleute den Weg hierher finden, gibt es in Qingdao einen „deutsch-chinesischen Ökopark“. Er liegt auf der anderen, der westlichen Seite der Bucht von Jiaozhou (Kiautschou) in einer riesigen Industriezone. Um die Fahrzeit zur Innenstadt zu verkürzen, eröffneten 2011 ein neuer Tunnel und eine Brücke, die quer über den Meerbusen führt. Das 42 Kilometer lange Bauwerk gilt als die längste Meerbrücke der Welt.

          Den Ökopark haben im Juli 2010 die Wirtschaftsminister beider Länder ins Leben gerufen. Noch steht hier erst ein Präsentations- und Besucherzentrum, doch die Stadt hat Großes vor. Auf 10 Quadratkilometern will sie umweltgerechte Unternehmen ansiedeln und einen energiesparenden Stadtteil für bis zu 80.000 Menschen errichten. 15 Prozent der Energie sollen aus erneuerbaren Quellen stammen. Gebaut werde nach dem deutschen Nachhaltigkeitsstandard DGNB, wobei man möglichst viele deutsche Unternehmen zum Zuge kommen lassen wolle, sagt der stellvertretende Direktor des Projekts, Shen Lei. Der Masterplan der Anlage stammt vom Hamburger Architekturbüro GMP. Finanziert wird das Projekt bisher ausschließlich aus China.

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