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Ehec : Erreger öffentlichen Ärgers

Ausgerechnet beim Bio-Gärtner aus Bienenbüttel nahm eine der schlimmsten Lebensmittelkatastrophen ihren Ausgangspunkt. Das passt nicht ins Bild. Jetzt gilt es vor allem zu klären, welche Produzenten die Hygiene der Wertschöpfungskette des Lebensmittels besser im Griff haben.

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          Der Gärtnerhof von Bienenbüttel passt nicht ins Bild. Mit „Bio-Anbau seit 1978“ rühmt sich der Betrieb. Ausgerechnet hier nahm eine der schlimmsten Lebensmittelkatastrophen ihren Ausgangspunkt.

          Das Bild war bis zur Causa Bienenbüttel so schön geordnet. Es gibt darauf die gute Lebensmittelversorgung und die böse. An der guten arbeiten kleine Biobauern in unserer Nachbarschaft. Sie verkaufen ohne nennenswerte Gewinnsucht auf dem Wochenmarkt der nächsten Stadt - weiter wird nicht gefahren - nur heimisches Gemüse, das dem natürlichen Jahresrhythmus entsprechend gerade reif ist. Die Bauern und Gärtner produzieren wenig und verzichten auf Kunstdünger und Pestizide. Am Ende dieses Produktionsprozesses im Einklang mit der Schöpfung steht das gesunde Lebensmittel.

          Die böse Lebensmittelversorgung wird von profitgierigen landwirtschaftlichen Industriebetrieben geleistet in enger Kooperation mit Zwischenhändlern. Sie produzieren auf riesigen Flächen, sie nutzen die Erkenntnisse der Chemie und der Biologie, um die Ernten zu maximieren und die Ware haltbar und transportfähig zu machen. Sie nehmen keine Rücksicht auf Jahreszeiten und Distanzen. So kommen die Bohnen eben aus Afrika und die Äpfel aus Neuseeland, wenn hier gerade keine heimischen zur Verfügung stehen.

          Gärtner oder Großbauer

          Diese vermeintlich böse und vom Schöpfungsgedanken entfremdete Lebensmittelproduktion wurde bisher reflexartig für Lebensmittelskandale aller Art verantwortlich gemacht, im Januar für den Dioxinskandal und jüngst auch für den Ehec-Erreger. Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellt.

          Man male sich nur einmal aus, welchen Aufruhr die Ökofront angezettelt hätte, wäre der arme Gärtner aus Bienenbüttel nicht einer der Ihren, sondern ein unverbesserlicher konventioneller Großbauer, der mit Gentechnik liebäugelte, mit Kunstdünger nicht geizte und 10 000 Schweine hielte.

          Der Mann stünde am Pranger, seine physische Unversehrtheit wäre schwer zu garantieren, und kein Politiker würde seine schützende Hand über ihn halten. Im Vergleich dazu wird der Biogärtner geradezu mit Glacéhandschuhen angefasst, er habe nichts zu befürchten, sagt der niedersächsische Landwirtschaftsminister. Der Zeitgeist ist mit Ökobauern deutlich gnädiger als mit Massentierhaltern.

          Rückkehr in die Zeit vor der industriellen Revolution birgt auch Gefahren

          Dabei ist die Vermutung, dass Biobetriebe regelmäßig weniger belastete Lebensmittel liefern als konventionelle Lebensmittelproduzenten, schlicht und einfach haltlos. Ein paar aufgeklärte Verbraucher wenden jetzt ein, darum ginge es ja auch gar nicht im Ökolandbau. Dafür produzierten Biobauern umweltschonender. Doch auch dieser Beweis ist noch nicht erbracht, steht der geringeren Belastung durch Kunstdünger doch der größere Flächenverbrauch für Ökofrüchte gegenüber.

          Die neue Frage, die jetzt vor allem zu klären ist, lautet: Welche Produzenten haben die Hygiene der Wertschöpfungskette des Lebensmittels besser im Griff? Von den Protagonisten einer industriellen Lebensmittelproduktion darf man mit Fug und Recht annehmen, dass sie den Einsatz von Chemie und Physik nicht scheuen, um Lebensmittel vor dem Verderben zu bewahren. Sie spritzen, konservieren, pasteurisieren und bestrahlen (in Deutschland nur bei einigen wenigen Lebensmitteln erlaubt). Bei einer Lebensmittelproduktion dagegen, die Fäkalien als Beitrag zur Kreislaufwirtschaft idealisiert und bei den Anbaumethoden bewusst in die Zeit vor der industriellen Revolution zurückfällt, muss man sich nicht wundern, wenn man auch die Krankheiten dieser Zeit erntet.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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