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Fluten und Dürren : Eine halbe Billion Euro Schaden durch Wetterextreme

Juli 2021: Ein komplett zerstörtes Haus in Marienthal im Ahrtal. Bild: dpa

Wetterextreme haben in Europa einen Schaden von gut 500 Milliarden Euro angerichtet. Das hat die Europäische Umweltagentur errechnet. Vor allem Deutschland war betroffen.

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          Fluten, Hitzewellen, Orkane: Die Extremwetterereignisse in Europa nehmen zu. Sie kosten Menschenleben, führen aber auch zu enormen wirtschaftlichen Schäden. Die Europäische Umweltagentur (EEA) hat errechnet, dass wetter- und klimabedingte Extremereignisse in den vergangenen 40 Jahren Schäden in Höhe von etwa einer halben Billion Euro angerichtet haben.

          Othmara Glas
          Volontärin

          So belaufen sich die Gesamtschäden durch Überschwemmungen, Stürme und andere Extremwetterereignisse zwischen 1980 und 2020 in den 27 Mitgliedsländern der Europäischen Union sowie der Schweiz, Norwegen, Island, Liechtenstein und der Türkei auf 450 bis 520 Milliarden Euro, wie die EEA in einem am Donnerstag vorgestellten Bericht analysiert hat.

          Tödliche Hitzewellen

          Die Zahl der Todesfälle durch Wetterextreme liegt in diesem Zeitraum zwischen 85.000 und 145.000. Mehr als 85 Prozent davon sind auf Hitzewellen zurückzuführen. Allein während der verheerenden Hitzewelle im Jahr 2003 starben demnach mindestens die Hälfte aller Wettertoten der vergangenen vier Jahrzehnte.

          Allgemein sind schätzungsweise gerade einmal 3 Prozent aller extremen Wetterereignisse für immerhin 60 Prozent aller wirtschaftlichen Verluste verantwortlich gewesen, wie die in Kopenhagen ansässige EU-Behörde schreibt. Dazu zählen die Elbe-Flut von 2002 ebenso wie Orkan Anatol, der 1999 über Nordeuropa hinwegfegte.

          Den insgesamt höchsten wirtschaftlichen Schaden aller 32 analysierten Staaten hatte Deutschland als bevölkerungsreichstes EU-Mitglied mit etwa 110 Milliarden Euro. Die im vergangenen Jahr im Ahrtal entstandenen Flutschäden sind da noch nicht eingerechnet. Dahinter folgen Frankreich und Italien. Die geringsten Schäden hatten Liechtenstein, Island, Malta und Estland. Je Einwohner gerechnet, hatte die Schweiz die höchsten Verluste und die Türkei die geringsten.

          Wo Wetterextreme auftauchen, ist Zufall

          Wouter Vanneuville, EEA-Fachmann für die wirtschaftlich Anpassung an den Klimawandel, betont, dass man einzelnen Staaten keinen Vorwurf machen könne. Hohe Schadenszahlen in den vergangenen vier Jahrzehnten bedeuteten nicht zwangsläufig, dass sich ein Land nicht gut genug an extreme Wetterereignisse angepasst habe. „Es gibt einen riesigen Zufallseffekt bei den Extremereignissen“, sagt er. Manche Länder seien anfälliger dafür als andere. Man könne nicht sagen, welche EU-Länder am besten darauf vorbereitet seien.

          Als wetter- und klimabedingten Extremereignissen zählt die EU-Behörde in erster Linie Stürme, Überschwemmungen, Waldbrände, Hitze- und Kältewellen sowie Starkregen und Dürren. Erdbeben und Vulkanausbrüche fallen nicht darunter, da diese nicht mit dem Wetter und Klima zusammenhängen. Die EEA stützt ihre Analyse auf zwei Datenbanken, weshalb es unterschiedliche Angaben der Verluste und Todesfälle gibt. Die Datenbank Natcatservice des Rückversicherers Munich Re hat konservativere Bewertungen als die Datenbank Catdat der Karlsruher Denkfabrik Risklayer.

          Nur ein kleiner Teil der Schäden war versichert

          Beide Datenbanken geben auch an, dass nur etwa ein Viertel bis ein Drittel der Schäden insgesamt versichert waren. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den jeweiligen Ereignissen. So waren zwar 37 bis 54 Prozent aller Verluste durch meteorologische Ereignisse wie Stürme abgedeckt, doch nicht mal ein Viertel aller Schäden durch hydrologische Ereignisse wie Überflutungen waren versichert und nur 7 bis 16 Prozent der klimatische Schäden wie Hitzewellen. Besonders gut versichert waren die Benelux-Staaten, Norwegen und Dänemark, Litauen und Rumänien hingegen kaum.

          Nach Daten der Weltwetterorganisation WMO hat die Zahl wetterbedingter Katastrophen global betrachtet in den vergangenen 50 Jahren zugenommen. Dabei stieg zwar die Zahl der Schäden, es kamen jedoch weniger Menschen ums Leben. Ein klarer Trend zu höheren Schadenszahlen in Europa lässt sich aus der EEA-Analyse derzeit nicht ablesen.

          Mehr Wetterextreme in Zukunft wahrscheinlich

          „Der Grund, warum man keinen Trend sieht, ist nicht, dass der Klimawandel nicht real wäre, sondern dass bereits viele Maßnahmen ergriffen werden“, sagt Fachmann Vanneuville. Alle EU-Mitgliedstaaten hätten mittlerweile Anpassungsstrategien oder entsprechende Pläne. Dennoch rechne Vanneuville mit einem Anstieg der Schadenszahlen, unter anderem deshalb, weil sich mehr wirtschaftliche Vermögenswerte in flutanfälligen Küstengebieten befänden.

          Die meisten Meteorologen und Klimaforscher sind davon überzeugt, dass extreme Wetterphänomene in den kommenden Jahren weltweit zunehmen werden. Sie plädieren für eine Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels. So heißt es im Abschlussbericht des EU-Forschungsprojekts Peseta IV, dass bei einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius anstelle von 3 Grad Celsius bis zum Ende dieses Jahrhunderts in Europa jährlich bis zu 60.000 Todesfälle durch Hitzewellen und Dürreverluste in Höhe von 20 Milliarden Euro im Jahr vermieden werden können.

          Die Schäden durch Überschwemmungen an Flussläufen könnten um die Hälfte auf etwa 24 Milliarden Euro jährlich reduziert werden, an Küsten sogar um mehr als 100 Milliarden Euro je Jahr.

          Der G-20-Risikoatlas schätzt, dass sich allein die jährlichen Schäden durch Flussüberschwemmungen bis zur Mitte des Jahrhunderts auf etwa 21 Milliarden Euro in der EU und den europäischen G-20-Staaten belaufen werden. Bis 2100 werden sogar Kosten von 30 bis 40 Milliarden Euro angenommen – einen relativ moderaten Temperaturanstieg angenommen. Sonst drohen sogar Verluste von mehr als 70 Milliarden Euro.

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