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Earth Overshoot Day : Die Menschheit lebt über ihre Verhältnisse

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Würden alle Menschen auf der Welt so leben wie Deutschland, bräuchte es 3 Erden, um den Ressourcenverbrauch zu kompensieren. Bild: AFP

Die Corona-Pandemie hat den Erdüberlastungstag in diesem Jahr drei Wochen nach hinten verschoben. Eine Trendwende ist das aber nicht, sagen Umweltschützer.

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          Umweltschützer schlagen Alarm: Vom heutigen Samstag an lebt die Menschheit auf Pump, errechnet die Non-Profit-Organisation Global Footprint Network. Die Ressourcen, die von jetzt an in diesem Jahr noch verbraucht werden, können ihrer Analyse zufolge bis zum Jahresende nicht nachwachsen. Der „Earth Overshoot Day“ liegt nach Angaben der Organisation drei Wochen später als im vergangenen Jahr. Da war er noch am 29. Juli. Der Grund für die Verschiebung ist das Coronavirus. Die Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmen, haben den Ressourcenverbrauch der Menschheit um fast 10 Prozent sinken lassen.

          Svea Junge
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dass der ökologische Fußabdruck plötzlich geschrumpft ist, dürfe aber „nicht mit Fortschritt verwechselt werden“, warnte Laurel Hanscom von Global Footprint Network. Man sei noch weit entfernt von den erforderlichen Veränderungen, um das ökologische Gleichgewicht herzustellen. So brauchte die Menschheit noch immer 1,6 Erden, um ihren Ressourcenverbrauch zu kompensieren. Würden Menschen überall so leben wie in Deutschland, wären es sogar drei Erden.

          Um der globalen Ressourcenverschwendung Einhalt zu gebieten, gilt die Kreislaufwirtschaft als Lösung. Kern des Konzeptes ist, dass Materialien und Stoffe möglichst oft wiederverwertet und Abfälle vermieden werden. Statt im Müll zu landen, sollen Produkte repariert werden. Ihr Design soll darauf ausgerichtet sein, dass verbaute Rohstoffe recycelt werden können.

          200 Milliarden Wertschöpfungspotential

          „Wir können die Rohstoffe aus Klima- und Umwelt-, aber auch aus Knappheitsgründen nicht ewig ausbeuten“, sagt Reinhard Hüttl, Vizepräsident der Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) und Leiter der „Circular Economy Initiative“. Deutschland stehe auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft immer noch am Anfang, auch wenn das Konzept schon seit vielen Jahren diskutiert werde. Er beklagt, der Aspekt der Effizienz habe lange zu sehr im Fokus gestanden. „Das hat dazu geführt, dass sich die Recyclingquoten nicht so im Sinne des Ressourcenschutzes entwickelt haben wie erhofft“, sagt Hüttl.

          Bild: Global Footprint Network, National Footprint and Biocapacity Accounts 2019, Foto: Imago

          Gleichwohl gebe es Stoffe, bei denen schon jetzt hohe Quoten erzielt würden, etwa bei Metallen – insbesondere bei Kupfer und Stahl. Gleiches gelte auch für Glas und Papier. Bei Kunststoffen und Verpackungen im Allgemeinen bestehe aber noch großer Nachholbedarf. Viel ungenutztes Potential sieht auch Sascha Roth vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu): „Im Vergleich zu anderen Staaten ist Deutschland sicherlich im vorderen Bereich, aber Deutschland verpasst noch wahnsinnig viel.“

          Dass das auch in ökonomischer Hinsicht gilt, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Demnach beläuft sich das Wertschöpfungspotential durch eine Kreislaufwirtschaft in Deutschland bis 2030 auf 140 bis 200 Milliarden Euro im Jahr – vorausgesetzt, es werden mindestens 50 bis 70 Prozent der Ressourcen zirkulär wiederverwendet. Eine Kreislaufwirtschaft dieser Größenordnung braucht es nach Einschätzung der Autoren, damit Deutschland seine Ressourcen nicht übernutzt. Derzeit seien lediglich 10,4 Prozent der eingesetzten Produktionsmittel sekundäre, also wiederverwertete, Rohstoffe.

          Sharing Economy als Chance

          Doch die Entwicklung hierzulande geht nur schleppend voran. Selbst wenn Deutschland seine Bemühungen verdoppeln würde, wäre das Ziel einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft erst in 195 Jahren erreicht, bemängeln die Autoren. „Das ist kein nachhaltiger Pfad“, kritisiert Alexander Meyer zum Felde, Fachmann für Kreislaufwirtschaft bei BCG. „Die Anstrengungen reichen nicht aus – auch wenn wir uns gerne als Recyclingweltmeister sehen.“

          Damit mehr Ressourcen ein zweites Leben bekommen, braucht es ökonomische Anreize, meint Sascha Roth vom Nabu. Um etwa die Recyclingquoten von Plastik zu erhöhen, sei es vorstellbar, jeden Kunststoff, der neu auf den Markt komme, mit einer Steuer zu belasten, recyceltes Plastik aber nicht. Auch eine zweckgebundene Abgabe auf Einwegprodukte, um Mehrwegprodukte zu fördern, schlägt er vor. „Dann würde der Markt anders aussehen“, sagte Roth.

          Thomas Schomerus vom Institut für Nachhaltigkeitssteuerung an der Leuphana Universität Lüneburg plädiert dafür, Unternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen – auch mit strikter Regulatorik. „Viele Unternehmen meinen, es sei viel zu teuer, viel zu aufwendig, um aus Abfällen sekundäre Ressourcen zu machen.“ Der Widerstand sei groß.

          Chancen biete das Modell der Sharing Economy, bei dem Kunden Produkte leasen, statt zu kaufen. Da das für Hersteller aber aufwendiger und teurer sei, brauche es Anreize wie zum Beispiel Steuererleichterungen, um das Modell attraktiver zu machen.

          Aber auch die Verbraucher müssten stärker eingebunden werden. „Man kann nicht immer nur verbieten, sondern muss auch Anreize schaffen, zum Beispiel in Form von einem Pfand“, sagt Schomerus. Um beim Verbraucher die Wertschätzung und das Bewusstsein für Ressourcen und Materialien zu stärken, sollten Produkte zudem noch viel stärker im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit gelabelt werden. Vor allem bei Lifestyleprodukten wie Handys wollten die Kunden kein altes Gerät. Das müsse sich ändern.

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