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Chinesicher E-Auto-Pionier Nio : „Deutschland ist hochinteressant für uns“

Analysten trauen William Li zu, dieses Jahr knapp 100 000 Autos zu verkaufen. Bild: Bloomberg

William Li, Gründer des ­chinesischen Herstellers Nio, verkauft daheim schon mehr ­Elektroautos als ­Daimler. Jetzt will er auch hierzulande angreifen.

          6 Min.

          Herr Li, Sie werden häufig als Chinas Elon Musk bezeichnet. Zu Recht?

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich glaube, die Leute nennen mich so, weil das eingängig und für alle verständlich ist. Aber Elon und ich sind sehr verschieden, auch wenn wir beide in der Autoindustrie arbeiten.

          Wo liegen die Unterschiede?

          Elon macht viele bemerkenswerte Dinge. Aber Nio ist schon sehr anders als Tesla. Für uns ist die Nutzer-Community sehr wichtig, wir wollen eine Gemeinschaft der Nio-Nutzer schaffen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich Soziologie studiert habe, neben Recht und Computerwissenschaften. Ich betrachte die Dinge nicht so sehr technologisch, sondern aus der Perspektive des Menschen.

          Sie haben Nio vor sieben Jahren gegründet und 2020 bereits mehr batterieelektrische Autos verkauft als Daimler. Wie haben Sie das ­hinbekommen?

          Na ja, im Vergleich zu Daimler sind wir immer noch ein kleines Unternehmen. Daimler verkauft insgesamt zehnmal so viele Autos wie wir in China. Aber es stimmt: Wenn man nur batterie­elektrische Autos betrachtet, haben wir Daimler überholt. Das liegt daran, dass wir uns ganz darauf konzentrieren. ­Batterieelektrische Autos sind die Zukunft. Wir bauen keine Autos mit Verbrennungsmotor.

          Nio konzentriert sich auf das ­Premiumsegment. Wer sind Ihre Hauptkonkurrenten: Tesla oder die deutschen Hersteller Audi, BMW und Daimler?

          Bisher waren wir ja ausschließlich im chinesischen Markt aktiv. Bei Elektroautos in der Preisklasse ab 50 000 Dollar haben wir dort einen Anteil von rund 50 Prozent. Tesla dagegen verkauft in China vor allem Autos mit deutlich niedrigerem Preis, deshalb sind kurz­fristig die deutschen Hersteller unsere wichtigsten Wettbewerber. Auf längere Sicht rechne ich damit, dass auch Apple ein bedeutender Konkurrent sein wird. Die Tech-Konzerne investieren massiv in die Technik für smarte Elektroautos.

          Nio ist in China bekannt für seinen Kundenservice. Sie bieten sogar Musik- und Kunstkurse für die ­Kinder ihrer Kunden an. Ist das die Zukunft der Autoindustrie?

          Ich glaube daran, dass die Zukunft in unserem Geschäft darin liegt, Communities, also Nutzergemeinschaften zu schaffen. Für Nio stand das immer im Mittelpunkt. Ich sage nicht, dass wir perfekt sind. Wir wollen noch einen sehr viel intensiveren Dialog mit unseren Kunden. Ich glaube, dieses Konzept funktioniert nicht nur in China.

          Ein ungewöhnlicher Service, den Sie anbieten, sind die wechselbaren ­Batterien. Wie funktioniert das?

          Die sogenannten Power-Swap-Stationen sind sehr wichtig für uns. Wenn die ­Batterieladung Ihres Nio-Autos zur Neige geht, steuern Sie einfach eine solche ­Station an, und dort wird binnen drei Minuten automatisch Ihre Batterie ge­gen eine voll aufgeladene ausgetauscht. Das dauert nicht länger als das Betanken eines traditionellen Autos mit Benzin. Und bei Bedarf können die Kunden die Batterie für den Alltag gegen eine leistungsfähigere austauschen, wenn sie zum Beispiel für die Fahrt in den Urlaub mehr Reichweite benötigen. In die Entwicklung dieser Technik und den Bau der Stationen hat Nio 2 Milliarden Dollar investiert. Bislang haben wir schon rund 4 Millionen Batterien für unsere Nutzer ausgetauscht. In China betreiben wir mehr als 400 Power-Swap-Stationen. Bis 2025 wollen wir weltweit über 4000 solcher Stationen aufbauen, denn unsere Kunden sind mit diesem Service sehr zufrieden.

          Der Nio ET7 hat 650 PS und soll mehr als 1000 Kilometer Reichweite ermöglichen.
          Der Nio ET7 hat 650 PS und soll mehr als 1000 Kilometer Reichweite ermöglichen. : Bild: Nio

          Und was kostet der?

          Wer bei uns ein Neufahrzeug kauft, bekommt gratis eine Wallbox fürs Laden daheim dazu und kann außerdem viermal monatlich kostenlos seine Batterie an einer Power-Swap-Station tauschen. Wer daheim keine eigene Ladestation montieren kann, weil er zum Beispiel in einer Hochhauswohnung lebt, bekommt sechs Batteriewechsel monatlich gratis.

          Jetzt wollen Sie auch den europäischen Markt erobern. Noch aber ist Nio in Europa völlig unbekannt. Wie wollen Sie das ändern?

          Als wir Nio 2014 gegründet haben, kannte uns auch in China niemand. Heute sind wir dort eine populäre Marke. Wir erwarten natürlich nicht, dass wir über Nacht weltberühmt werden. Unser Plan ist ganz einfach: Wir wollen den Nutzern den bestmöglichen Service bieten, damit sie uns an Freunde und Verwandte weiterempfehlen. Ich glaube fest daran, dass Mund-zu-Mund-Propaganda sehr wirkungsvoll ist. Genauso hat es auch in China funktioniert.

          Eine starke Marke ist wichtig im ­Premiumsegment. Haben Sie als ­chinesischer Hersteller da ein ­Handicap in Europa?

          Natürlich ist es nicht einfach, wenn man neu auf einen Markt kommt. Aber Nio bietet ein globales Produkt an, kein rein chinesisches. Unser Designzentrum ist in München. Ich selbst bin vor der Covid-Pandemie in kein anderes Land so häufig gereist wie nach Deutschland. Wir haben auch Entwicklungszentren im kalifornischen San José und in Großbritannien, unsere Mitarbeiter stammen aus mehr als 40 Ländern, und unsere Aktionäre kommen aus der ganzen Welt. Wir sind also für ein chinesisches Unternehmen eher untypisch. Auch wenn China bisher unser einziger Absatzmarkt war: Nio ist bereit für Europa und den Weltmarkt.

          In Norwegen liefern sie nächsten Monat die ersten Autos aus. Wann folgt Deutschland?

          Norwegen ist nur der Anfang. Wir bereiten den Einstieg in den gesamten europäischen Markt intensiv vor, und Deutschland ist hochinteressant für uns. Wir wollen den deutschen Kunden so schnell wie möglich unsere Autos anbieten. Aber wir wollen auch gut vorbereitet sein. Nio hat dafür ein starkes Team aufgebaut. Unser neuer Europachef Alex­ander Schwarz hat sehr viel Erfahrung in der Technologiebranche, er hat für Airbnb, Paypal und Ebay gearbeitet.

          Know-how in der Autoindustrie ist nicht so wichtig für den Job?

          Wir benötigen für diese Aufgabe keinen Manager, der Experte darin ist, wie man Autos baut und verkauft. Ich selbst hatte auch keine Erfahrung in der Autoproduktion, als ich Nio gegründet habe. Das Wissen, das Alexander Schwarz über Nutzer-Communities mitbringt, ist sehr wertvoll für uns.

          Kann man nächstes Jahr in Deutschland Nio-Autos kaufen?

          Das ist das Ziel, auf das wir hinarbeiten. Wahrscheinlich erreichen wir es etwas später im Jahr, weil wir mit unserem neuesten Modell, der Premium-Limousine ET7, auf den Markt kommen möchten. Aber spätestens im vierten Quartal 2022 wollen wir in Deutschland am Start sein.

          Wird Nio in Europa eigene Lade­säulen aufstellen und ein Netz von Batterietauschstationen aufbauen?

          Ja, beides. Zugleich wollen wir bei den Ladesäulen mit Partnern zusammenarbeiten. Wir sind aber auch bereit, unsere Batterietauschstationen für andere Autohersteller zu öffnen, falls diese das Konzept übernehmen wollen. Wir sind offen für Kooperationen.

          Bauen Sie auch eine Fabrik in Europa, so wie Tesla in Brandenburg?

          Wir haben heute schon viele europäische Zulieferer wie Bosch und Continental. In China fertigen wir anders als Tesla unsere Autos nicht selbst, sondern kooperieren mit Fertigungsunternehmen. Auch in Europa ist es denkbar, dass andere Hersteller für uns die Produktion übernehmen.

          Trotz des Europastarts fehlt Nio auf der bevorstehenden Automesse IAA in München. Warum?

          Das liegt vor allem an der Covid-Pandemie. Außerdem wollten wir den Leuten auf der Automesse die Marke Nio umfassend vorstellen und erklären. So weit sind wir noch nicht.

          Die Batterieherstellung braucht viel Energie. In China kommt der Strom vor allem aus Kohlekraft­werken. Wie klimafreundlich sind Ihre E-Autos wirklich?

          Den Klimafußabdruck zu verkleinern ist eine Herausforderung, der sich die gesamte Autoindustrie stellen muss. Alle müssen dazu etwas beitragen. Wir arbeiten mit unseren Zulieferern zusammen, um die CO2-Emissionen in der Fertigung zu verringern. Wir wollen da ein Vorbild sein.

          In Zukunft werden Autos immer mehr persönliche Daten ihrer ­Besitzer sammeln. Wie überzeugen Sie in Europa skeptische Kunden davon, dass ihre Daten ausgerechnet bei einem chinesischen Unter­­-nehmen sicher sind?

          Bei Nio gibt es da sehr strikte Regeln. Und in Europa halten wir uns an das Datenschutz-Regelwerk der EU. Es ist wichtig, dass Nio die Latte sehr hoch legt, wenn es um die Privatsphäre und die Daten der Nutzer geht. Sonst werden wir nicht das Vertrauen der europäischen Kunden gewinnen.

          Den Finanzmarkt haben Sie schon erobert: An der Börse ist Nio derzeit mehr wert als der viel ­ größere BMW-Konzern. Ist der unter­­bewertet oder Nio über­bewertet?

          Die Investoren stimmen mit ihrem Geld ab. Tesla ist aktuell 700 Milliarden Dollar wert, ein Vielfaches des Börsenwerts von Nio. Der Aktienkurs eines Unternehmen hängt von den Zukunftsaussichten eines Unternehmens ab, und der Automarkt steht vor einer Revolution, die neue Chancen bringt. Es geht nicht mehr nur darum, Autos zu verkaufen, sondern es gibt viele neue Möglichkeiten. Apple ist auch viel mehr als nur ein Elektronikhersteller, Amazon ist nicht nur ein Einzelhändler.

          Nio war Anfang 2020 fast pleite und schreibt weiter hohe Verluste. Wie ist die Finanzlage aktuell?

          Im Frühjahr haben wir mit 21 896 Fahrzeugen einen neuen Quartalsrekord aufgestellt und eine solide finanzielle Leistung erzielt. Zur Jahresmitte verfügten wir über Barmittel in Höhe von umgerechnet 7,5 Milliarden Dollar. Die wachsende Nachfrage nach unseren Autos ist für uns ein klares Zeichen, unsere Ladeinfrastruktur weiter auszubauen, unsere Service- und Vertriebsabdeckung zu erhöhen und unsere Produkt- und Technologieentwicklung voranzutreiben.

          Wann erreichen Sie die Gewinnzone?

          Wir sehen uns selbst immer noch als Start-up und arbeiten ganz klar an einer langfristig positiven Entwicklung.

          Das harte Vorgehen der Regierung in Peking gegen chinesische Tech­konzerne wie den Fahrdienst Didi alarmiert die Börse. Gerät auch Nio ins Visier?

          Es stimmt, die chinesische Regierung hat kürzlich die Regeln für Datenschutz und Cyber-Security verschärft. Aber wir halten uns, wie gesagt, strikt an die Regeln. Negative Auswirkungen auf unsere Geschäftstätigkeit kann ich nicht erkennen.

          Werden chinesische Hersteller wie Nio, Li Auto und XPeng den Automarkt der Zukunft beherrschen?

          In der Autoindustrie gilt nicht das ­Prinzip „The winner takes it all“. Davon bin ich überzeugt. Natürlich werden einige neue Hersteller den Durchbruch schaffen, und einige etablierte Unter­nehmen werden in der neuen Ära technologisch nicht mehr mithalten können. China ist der größte Automarkt der Welt und auch der größte Markt für elektrische Autos. Deshalb haben chinesische Unternehmen große Chancen, aber eben auch Herausforderungen. Dasselbe gilt für die deutschen Her­steller. Es gibt viel zu gewinnen.

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