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Überfluss an den Märkten : Der Ölpreisverfall entzweit die Welt

Nicht jeden freuen die niedrigen Preise für Kraftstoff und Öl Bild: dpa

Wer in diesen Tagen eine Tankstelle ansteuert, kann sich freuen: Benzin ist so billig wie lange nicht mehr. Doch es gibt Länder, die den Trend mit Sorge betrachten - auch in Europa.

          Wer in diesen Tagen eine Tankstelle ansteuert, kann sich als Gewinner fühlen: Die Kraftstoffpreise sind so niedrig wie seit vier Jahren nicht mehr. Auch Heizöl ist in diesem Jahr deutlich billiger als in den vergangenen Jahren. Mit Verzögerung kommt beim deutschen Verbraucher eine Entwicklung an, die sich seit knapp fünf Monaten an den Weltmärkten vollzieht: Der steile Fall des Ölpreises um etwa 30 Prozent je Fass (159 Liter) auf aktuell nur noch knapp 80 Dollar. Der Preisrutsch liegt vor allem darin begründet, dass die Welt in Öl schwimmt, während die Nachfrage ins Stocken geraten ist. Jeden Tag werden 0,5 bis eine Million Fass mehr gefördert als die Welt verbraucht, denn Chinas Wachstum hat sich abgeschwächt und auch in Europa und Japan kommt die Wirtschaft nicht in Schwung.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf der anderen Seite sind mit Irak und Libyen zwei Produzenten an den Markt zurückgekehrt, mit denen aufgrund der instabilen innenpolitischen Lage kaum jemand gerechnet hatte. Hauptgrund für den Ölüberfluss ist jedoch die Energierevolution in Amerika: Das Fracking hat die Vereinigten Staaten innerhalb weniger Jahre zum größten Ölförderer der Welt aufsteigen lassen, der größte Konsument und Importeur waren sie ohnehin. Beim Fracking wird Öl dadurch gewonnen, dass Schiefergestein mit einer Mischung aus Wasser und Chemikalien aufgesprengt wird.

          Länder, die auf den Import von Öl angewiesen sind profitieren

          Die Folgen weisen weit über Amerika hinaus, nicht zuletzt spürt der deutsche Autofahrer sie in seinem Geldbeutel. Das zusätzliche Angebot drückt auf den Ölpreis und unterteilt die Welt in Gewinner und Verlierer, wobei die Linien nicht immer entlang der Landesgrenzen verlaufen. Positive Folgen hat der Ölpreisverfall zunächst einmal für die Weltwirtschaft. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass ein Rückgang des Ölpreises um 30 Prozent ein Wachstumsplus von 0,6 Prozent für das globale Bruttosozialprodukt bedeutet. Für Milliarden Menschen sind die niedrigeren Preise für Kraftstoff, Heizung und nicht zuletzt Lebensmittel, die mit hohem Energieeinsatz produziert und transportiert werden müssen, ein Segen. Es liegt auf der Hand, dass sie eher in Ländern zu finden sind, die auf den Import von Öl angewiesen sind, zum Beispiel China und andere asiatische Staaten. Aber auch Europa, die Türkei und der Mittlere Osten, in dem nicht alle Länder auf großen Rohstoffvorkommen sitzen, profitieren.

          Verlierer sind Staaten, die vom Ölexport leben. Besonders schlimm trifft es Länder, die sich auf die sprudelnden Einnahmen aus dem Ölverkauf verlassen und beim Planen ihrer Haushalte mit einem deutlich höheren Preis gerechnet haben. Sie reagieren zunehmend nervös. Der russische Präsident Wladimir Putin nennt den Preisrückgang eine Katastrophe und wittert eine Verschwörung des Westens mit dem Ziel, sein Land in die Enge zu treiben. Venezuela, dessen Staatseinnahmen sich zu 60 Prozent aus dem Ölverkauf speisen, versucht händeringend, mit anderen Staaten eine Drosselung der Förderquoten zu vereinbaren, um die Preise zu stabilisieren. Auch Nigeria, noch stärker als Venezuela vom Ölexport abhängig, kommt immer mehr in Bedrängnis. Selbst am Golf, wo die finanziellen Puffer deutlich größer sind und die Abhängigkeit von hohen Preisen deswegen nicht ganz so ausgeprägt, wird die Entwicklung mit Sorge verfolgt – schließlich hat man zu Zeiten des Arabischen Frühlings die eigene Bevölkerung mit teuren sozialen Segnungen ruhiggestellt.

          Preisverfall ein zweischneidiges Schwert

          Für die Vereinigten Staaten ist der Preisverfall ein zweischneidiges Schwert: Was den Besitzer eines spritfressenden Geländewagens freut, bereitet der jungen Schieferölbranche Kopfzerbrechen. Verharrt der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau oder sinkt sogar noch tiefer, werden sich einige Projekte nicht mehr lohnen. Ähnlich zwiegespalten ist die Situation in Brasilien: Während Kaffeebauern und Sojabohnenfarmer von gesunkenen Produktionskosten profitieren, lastet der Preisverfall auf den Ölhoffnungen des größten lateinamerikanischen Landes. Denn die Vorräte lagern tief unter dem Meer, die Förderung ist dementsprechend teuer und lohnt sich nur bei hohen Preisen.

          Doch auch in Europa ist die Freude über den niedrigen Ölpreis nicht ungeteilt. Denn er wirkt dämpfend auf die Inflationsrate, die in Europa ebenso wie in Japan und den Vereinigten Staaten unter der Zielvorgabe der Notenbanken bleibt. Schwächere Öl- und Rohstoffpreise verstärken deflationäre Tendenzen und diese wollen die Geldpolitiker unbedingt vermeiden.

          Erstaunlich ist, dass sogar die Internationale Energieagentur – als Interessenvertreter der ölimportierenden Länder geradezu prädestiniert, sich über fallende Ölpreise zu freuen – vor den Auswirkungen des niedrigen Preisniveaus warnt. Die aktuelle Überversorgung versperre den Blick für die Herausforderungen, welche die Energieversorgung der Welt in Zukunft mit sich bringe. Denn der Schieferölboom ist endlich. Der Ölverbrauch auf der Welt wächst hingegen unvermindert weiter. Deswegen muss auch zukünftig konsequent in Erdölförderung investiert werden. Andererseits müssen Möglichkeiten, Energie zu sparen, auch weiterhin systematisch erforscht und genutzt werden.

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