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Druckmaschinenhersteller : Manroland droht die Insolvenz

Druckmaschine von Manroland Bild: Manroland

Die Druckmaschinenindustrie leidet unter der digitalen Revolution. Die Allianz ist offenbar nicht mehr bereit, frisches Geld in Manroland zu investieren. Der angebliche Investor soll abgesprungen sein.

          Die Lage beim angeschlagenen Druckmaschinenbauer Manroland hat sich dramatisch zugespitzt. Die Verhandlungen mit einem neuen Investor sind offenbar gescheitert, dem Unternehmen mit seinen 6500 Mitarbeitern droht das Aus. Die Allianz, deren Tochtergesellschaft Allianz Capital Partners (ACP) die Mehrheit an Manroland hält, lud am Donnerstagabend zu einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung nach München, auf der die Situation „nochmals analysiert“ werden sollte. Für Freitag wurden in den Manroland-Werken Augsburg, Offenbach und Plauen Betriebsversammlungen einberufen, auf denen die Mitarbeiter über die Ergebnisse des Aufsichtsratstreffens informiert werden sollen. Weder ACP noch der zweite Großaktionär MAN wollten sich offiziell zum Stand der Dinge äußern. „Es sieht nicht gut aus“, hieß es aus dem Umfeld der Beteiligten.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Die Suche nach einem neuen Investor ist offenkundig ergebnislos verlaufen. Dem Vernehmen nach sind MAN und ACP nicht bereit, weiteres Geld nachzuschießen. Das aber habe ein Investor zur Voraussetzung für ein Engagement gemacht, heißt es aus dem Aufsichtsrat.

          Die wirtschaftliche Lage von Manroland habe sich im vergangen Vierteljahr wieder verschlechtert. Die Aufschwunghoffnungen, die Vorstandschef Gerd Finkbeiner wie viele seiner Branchenkollegen im Sommer noch hegten, wurden in den vergangenen Wochen bitter enttäuscht. In diesem Jahr sei sogar ein Verlust im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich nicht ausgeschlossen. Dass die Allianz in der angespannten Lage der Finanzmärkte noch einmal Geld in Manroland stecken wird, gilt unter Beobachtern deshalb als sehr unwahrscheinlich. Bei MAN steht die ehemalige Tochtergesellschaft ohnehin nur noch als Finanzbeteiligung in den Büchern, ihr Wert wurde bereits auf null abgeschrieben.

          MAN hatte die Mehrheit des damals noch unter MAN Roland firmierenden Unternehmens 2006 an ACP verkauft. Hoffnungen auf einen Börsengang oder einen schnellen Verkauf musste der Finanzinvestor bald begraben. Nachdem 2009 Fusionsverhandlungen mit Heidelberger Druckmaschinen gescheitert waren, schoss die Allianz nochmals 200 Millionen Euro zu. Nun droht dem Versicherungskonzern der Totalverlust. Die Allianz hält 75 Prozent der Anteile und 65 der Stimmrechte, die restlichen Anteile und Stimmrechte liegen bei MAN.

          Manroland beschäftigt etwa 6500 Mitarbeiter, davon 2400 am Stammsitz in Augsburg, 1900 in Offenbach und 700 in Plauen. Der Rest der Belegschaft arbeitet in den ausländischen Vertriebsniederlassungen. Die Zahl der Mitarbeiter ist in den vergangen fünf Jahren um mehr als 2000 gesunken, der Umsatz hat sich auf weniger als eine Milliarde Euro fast halbiert. Manroland hatte die Zahl der Kurzarbeiter in den vergangenen Wochen schon deutlich nach oben gefahren, aktuell sollen es 1700 bis 1800 sein. Im kommenden März läuft die Kurzarbeiterfrist aus, spätestens dann müsste der Konzern über einen neuerlichen Arbeitsplatzabbau verhandeln. Besonders das auf Bogendruckmaschinen ausgerichtete Werk in Offenbach gilt schon lange als gefährdet. Im Bogengeschäft, das auch von den beiden deutschen Branchenkonkurrenten Heideldruck und Koenig&Bauer betrieben wird, sind die Überkapazitäten am größten. Der verantwortliche Vorstand hatte das Unternehmen Mitte Oktober ohne Angabe von Gründen verlassen. Die Betriebsräte setzten gestern noch Hoffnungen auf die Politik. Die Regierungen der betroffenen Bundesländer Bayern, Hessen und Sachsen seien in die Verhandlungen involviert, hieß es. Der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch äußerte sich dazu nicht.

          Manroland, dessen Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, gehört neben Heideldruck und KBA zu den Pionieren des Druckmaschinenbaus. Das Trio dominiert noch heute den Weltmarkt. Die Dominanz hat die Probleme nicht verhindert. Obwohl das Druckvolumen nach wie vor leicht wächst – vor allem wegen der soliden Nachfrage im Verpackungsdruck – macht den Herstellern ihre eigene Produktivität zu schaffen. Eine Maschine ersetzt heute zwei bis drei alte, die Unsicherheit wegen der konjunkturellen Lage hat zudem die Investitionsbereitschaft der oft mittelständischen Kundschaft gelähmt. Und im Geschäft mit großen Zeitungsdruckmaschinen leiden die Unternehmen auch noch unter der digitalen Revolution. Amerikas Zeitungsindustrie, einer der wichtigsten Nachfrager, bestellt kaum noch neue Maschinen. Das Aus für Manroland würde in die Strategie von ACP passen. Der Finanzinvestor sucht aktuell auch einen neuen Eigentümer für den Automatenbetreiber Selecta, und hofft dort zumindest mit einem blauen Auge davon zu kommen. Manche machen auch den Wechsel von Allianz-Finanzvorstand Paul Achleitner an die Aufsichtsratsspitze der Deutschen Bank für das „Reinemachen“ verantwortlich. Er wolle seinem Nachfolger keine Baustellen hinterlassen, heißt es. Neben Selecta und Manroland hält ACP aktuell nur noch die Reederei Scandlines im Portfolio.

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