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Droht eine neue Ölkrise? : „200 Dollar für das Fass“

  • Aktualisiert am

„Niemand weiß wirklich, was in den Böden schlummert“: Leonardo Maugeri glaubt nicht an ein baldiges Ende der weltweiten Ölförderung Bild: Getty Images

Der Energieexperte Leonardo Maugeri fürchtet eine Blockade der Straße von Hormus durch das iranische Militär: "Die Folge wäre eine Krise von furchterregenden Ausmaßen.“

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          Herr Maugeri, könnte die Welt einen Ausfall der Öllieferungen aus Iran verkraften?

          Theoretisch gäbe es keine Probleme, die Tagesproduktion Irans von 2,5 Millionen Barrel am Tag von anderswo zu decken. Die Reservekapazitäten reichen.

          Was würde passieren, wenn Iran aber die Meeresenge von Hormus im Persischen Golf blockierte?

          Die Folge wäre eine Krise von furchterregenden Ausmaßen. Durch die Straße von Hormus passieren 20 Prozent der Ölproduktion der Welt. Die Meeresenge ist der neuralgische Punkt der Energiewirtschaft.

          Heißt das, die Preise würden schwindelerregende Höhen erreichen?

          Im Fall der Blockade regierten Horrorvorstellungen die Märkte. Daher könnte der Ölpreis auch auf mehr als 200 Dollar je Barrel steigen.

          In Amerika überlegen manche, ob die amerikanische Marine ihrerseits die Straße von Hormus nur für die iranischen Öltanker sperren könnte. Was hieße das?

          Zwar gäbe es in diesem Fall keinen faktischen Mangel, aber der psychologische Effekt wäre ebenfalls enorm. An den Märkten würde man damit rechnen, dass Iran mit Bomben auf saudische Tanker reagieren könnte oder mit Terroranschlägen. Man würde eine gewaltsame Instabilität einkalkulieren, der Ölpreis läge vielleicht nicht jenseits von 200 Dollar, aber bestimmt bei 150 Dollar je Barrel. Auch eine Blockade der Amerikaner würde deshalb eine Ölkrise auslösen, weil Iran mit Gewalt reagieren würde. In jedem Fall bestünde das Paradox darin, dass der Ölmarkt von der Politik in Turbulenzen gestürzt wird, während die Ölförderkapazitäten wachsen und der Verbrauch immer unter den Voraussagen bleibt.

          Auch ohne Politik wird das Öl doch sowieso knapp, oder?

          Davon, dass es schon bald nicht mehr genügend Rohöl geben könnte, habe ich schon als Jugendlicher oft gehört. Aber über dieses Thema können wir noch mal im nächsten Jahrhundert reden. Ein aktuelles Beispiel liefert dazu der amerikanische Gasmarkt, mit einer sinkenden Gasförderung seit den achtziger Jahren. Amerika richtet sich darauf ein, Importland für Gas zu werden. Doch wegen der gestiegenen Energiepreise wurde bekannte, aber teure Technik rentabel. Die Förderung von Schiefergas wuchs seit dem Jahr 2000 von null in die Größenordnung des gesamten Gasverbrauchs von Deutschland, und die Gaspreise sind nun wieder gefallen, auf ein Drittel des europäischen Werts.

          Die bekannte „Peak Oil“-Theorie besagt, dass die Ölförderung ihren Gipfelpunkt längst überschritten hat.

          Niemand weiß wirklich, was in den Böden schlummert. Sicher ist nur, dass dort noch immense Ressourcen liegen. Alles hängt nur von der Technologie und den Preisen ab.

          Besteht eine Art Schweinezyklus, mit Wechsel zwischen Knappheit und Investitionen, Überproduktion und Mangel?

          In der Ölbranche gibt es beträchtliche zeitliche Verzögerungen für vielerlei Effekte. Die Branche investiert nicht sofort, wenn die Preise für ein oder zwei Jahre steigen, sondern sie muss zuversichtlich sein, dass die Preise für lange Zeit hoch bleiben. Wer heute investiert, sieht die ersten Öltropfen dann vielleicht in acht oder zwölf Jahren. Daher wird die Exploration von der Überlegung geleitet, wo der Ölpreis in zwanzig Jahren liegt.

          Wird jetzt viel investiert?

          Wir haben seit 2006 einen historischen Boom von Investitionen in der Öl- und Gasbranche, allein 2011 liegen sie bei rund 600 Milliarden Euro. Was daraus geworden ist, sehen wir aber erst 2016 oder 2018. Es könnte sogar sein, dass ohne weitere politische Krisen in fünf Jahren der Ölpreis wieder deutlich sinkt.

          Muss nicht die zusätzliche Förderkapazität mit immer höheren Risiken erkauft werden?

          Es gibt große Risiken, weil die neuen großen Fördergebiete in ökologisch sensiblen Regionen liegen oder weil es sich um sogenannte unkonventionelle Lagerstätten handelt, wo die Ölproduktion größere Umweltschäden anrichtet. Andererseits sitzen etwa die Vereinigten Staaten auf mehr unkonventionellem Öl, als ganz Saudi-Arabien an konventionellem Öl besitzt.

          Die Unfälle im Golf von Mexiko haben auch technische Risiken offengelegt.

          Solche Unfälle dürften nicht passieren. Man muss sich fragen, ob nicht viele Ölkonzerne zu sehr an den Ausgaben für Personal und Instandhaltung gespart haben.

          Können uns alternative Energien helfen?

          Bei der Sonnenenergie bin ich skeptisch. Denn bisher wird viel ausgegeben für ein karges Resultat.

          Müssen wir nicht auf jeden Fall erst einmal starten mit den Investitionen in alternative Energien?

          Derzeit ist nur China so reich, dass es einfach in alle Möglichkeiten erst einmal investieren kann, sozusagen mit Ausgaben von 100, weil sich bestimmt 10 davon als Treffer erweisen und in Zukunft rentieren werden. Europa oder Amerika können sich aber nur Ausgaben von 10 leisten.

          Was halten Sie von Deutschlands Beschluss, aus der Kernkraft auszusteigen?

          Deutschland ist bisher ein seriöser Kernkraftbetreiber gewesen, und man musste nie Angst haben wie in Italien, dass sich die Mafia in den Bau von Atomkraftwerken einmischen würde. Wenn die Kernkraftwerke erst einmal abgeschaltet sind, wird Deutschland immer mehr von russischem Gas abhängen und Russland wird den direkten Zugang zu den deutschen Konsumenten verlangen.

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