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Drohender Lieferstopp aus Ägypten : Was macht Israel, wenn es kein Gas mehr bekommt?

Weit vor der Küste von Haifa: Israel macht sich mit eigener Gasförderung unabhängig von seinen Nachbarn. Bild: DAPD

Ägyptische Lieferanten wollen Israel nicht länger mit Energie versorgen. Trotz der Drohung ist in Israel keine Panik aufgekommen: Das Land könnte bald selbst Erdgas exportieren.

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          Von Panik war in Israel nichts zu spüren, als die ägyptischen Lieferanten am Wochenende ankündigten, das Land nicht mehr mit Erdgas zu versorgen. Das lag nicht nur daran, dass schon in der Nacht zum Dienstag der ägyptische Minister für internationale Zusammenarbeit, Faiza Abul Naga, signalisierte, man sei bereit, mit den israelischen Geschäftspartnern im ägyptisch-israelischen Gaskonsortium East Mediterranean Gas Company (EMG) über einen neuen Vertrag mit neuen Preisen zu verhandeln. Israel ist bald nicht mehr auf Erdgasimporte wie aus Ägypten angewiesen: Das kleine Land mit seinen knapp acht Millionen Einwohnern könnte innerhalb weniger Jahre selbst Erdgas exportieren.

          Ein 45-Milliarden-Dollar-Vorkommen

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Noch dominieren Kohle und Erdöl den Energiemix, doch Israel steht vor einem Umbruch. Vor drei Jahren galt das Gasfeld „Tamar“ weltweit als der größte Fund des Jahrzehnts. Dann aber wurde 2010 „Leviathan“ entdeckt. Dieses Feld, 130 Kilometer von der Hafenstadt Haifa entfernt, enthält etwa 450 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Das sind achtzig Prozent mehr als im „Tamar“-Vorkommen. Allein „Leviathan“ soll über Gas im Wert von mindestens 45 Milliarden Dollar verfügen. Hinzu kommt noch das dritte Vorkommen „Dalit“.

          Zugleich will Israel verstärkt auf Sonnenenergie zurückgreifen. Einheimische Techniker und Erfinder gehören in der Solartechnologie zwar zur Weltspitze. In den zurückliegenden Jahren wurde sie aber kaum genutzt. Bis 2020 sollen nun erneuerbare Energiequellen für rund zehn Prozent der Stromproduktion aufkommen. Das ist wenig im Vergleich zu den geplanten Anteilen von Erdgas (rund zwei Drittel) und Kohle (etwa ein Viertel).

          Leidvolle Erfahrung mit arabischen Boykotten

          Auch der Bedarf an Elektrizität wächst weiter: Im Jahrzehnt von 1990 bis 2000 verdoppelte er sich beispielsweise. Zugleich werden immer mehr energieintensive Meerwasserentsalzungsanlagen in Betrieb genommen. Für diesen Sommer, wenn überall die Klimaanlagen laufen, warnt das Infrastrukturministerium daher vor möglichen Engpässen. Der drohende Lieferstopp aus Ägypten traf Israel zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Erst im April 2012 wird voraussichtlich das erste Erdgas aus „Tamar“ fließen.

          Aber Israel hat sich aus leidvoller Erfahrung mit arabischen Boykotten nie von einem Lieferanten abhängig gemacht. Das geschah nicht erst nach Ausbruch der Arabellion vor gut einem Jahr. Durch die Gasleitung aus Ägypten flossen seit dem Sturz des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak im Februar 2011 ohnehin nur noch rund ein Drittel des vereinbarten Liefervolumens. Terroristen verübten insgesamt 14 Anschläge auf die Leitung, die über einen Abzweig auch Jordanien versorgt. Israel forcierte daraufhin die Ausbeutung des Erdgasvorkommens vor Aschkelon und kaufte mehr Kohle und Öl dazu.

          Politischer Zündstoff

          Rund die Hälfte der Kohle, die bisher der wichtigste Rohstoff für die Stromherstellung war, stammte in der Vergangenheit aus Südafrika. Dazu kamen Lieferungen aus den Vereinigten Staaten, Australien und Polen. Öl kauft Israel in Mexiko, Norwegen und Großbritannien – alles Staaten, zu denen das Land gute Beziehungen unterhält.

          Die jüngsten Gasfunde veranlassten auch die israelischen Nachbarn dazu, ihre Suche zu verstärken: Die Palästinenser, Syrien, der Libanon und Zypern hoffen auch auf ergiebige Felder. Sie bergen jedoch politischen Zündstoff. Die Seegrenze zum Libanon, mit dem sich Israel formell noch im Kriegszustand befindet, ist bisher nicht markiert. Aus dem Südlibanon beschoss zudem die libanesische Hizbullah-Miliz zuletzt im Sommer 2006 Nordisrael mit Hunderten von Raketen. Die Förderanlagen von „Leviathan“ lägen jetzt in Reichweite der schiitischen Miliz. In Israel erwägen Militärs, sie unter den Schutz des neuen Raketenabwehrsystems „Iron Dome“ zu stellen. Das könnte sich lohnen, denn manche Fachleute vermuten unter dem Gasfeld zusätzlich 3 Milliarden Fass Erdöl.

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