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Drogerien : Schlecker ist teuer

  • -Aktualisiert am

Windeln, Taschentücher, Deo - wo sind Drogerieartikel am billigsten? Bild: Dieter Rüchel - F.A.Z.

Wir waren einkaufen: Deo, Windeln und Shampoo bei vier Drogerien. Das überraschende Ergebnis: Schlecker muss hoffen, dass die Schnäppchenjäger nicht vergleichen. Denn dort ist's nicht so billig, wie es auf den ersten Blick scheint.

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          Nein, nicht weglaufen! Zu spät. Die Kassiererin ist wortlos aufgesprungen, eilt davon, lässt den Kunden irritiert zurück. Der will bei der Drogeriekette Ihr Platz Shampoo, Windeln und Deo kaufen. Erst steht der Käufer fünf Minuten in der Schlange und dann mit geöffnetem Portemonnaie an der Kasse - nur ohne Kassiererin. Aber nein, da kommt sie schon zurück, lächelt, triumphiert, spricht: „Hier, da gibt's noch die Creme zu dem Shampoo.“ - „Aber ich brauche nur ...“ - „Die ist umsonst.“ Na dann. Dove Intensiv-Creme. Reichhaltige Pflege. Nett.

          Das ist das Konzept, mit dem Ihr Platz im Wettbewerb unter den Drogerieketten Erfolg haben will: freundliche Atmosphäre, hilfsbereites Personal, Gesundheits- und Schönheitsartikel als Schwerpunkte im Sortiment. Diese Idee hat den Konkurrenten und deutschen Marktführer Schlecker so beeindruckt, dass er in der vergangenen Woche Ihr Platz gekauft hat und die Drogerie als „Premium-Zweitmarke“ weiterführen möchte.

          Am günstigsten war DM

          Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass sich der Verbraucher deshalb über sinkende Preise freuen kann. Schlecker haftet zwar ein Billigimage an - aber zu Unrecht, wie ein Test in Frankfurt gezeigt hat. Sechs typische Drogerieprodukte standen auf dem Einkaufszettel, die alle bei den großen Ketten Schlecker, Ihr Platz, Rossmann und DM im Regal stehen: Dove Shampoo, Pampers Windeln, Tempo Taschentücher, Hipp Baby-Brei, Axe Deodorant und Calgonit Geschirrspüler. Die Auswahl ist typisch für einen Drogerie-Einkauf, aber nicht repräsentativ.

          Am günstigsten war DM, wo nur 23,20 Euro für den Einkauf ausgegeben werden mussten. Die Windeln gab es sogar zum Teil über einen Euro billiger als bei der Konkurrenz. Das Unternehmen ist der zweitgrößte Drogeriekonzern des Landes, betreibt in Deutschland etwa 900 Filialen und beschäftigt rund 16.000 Mitarbeiter. Das sind statistisch 18 pro Filiale. Genug Personal, um zu Stoßzeiten noch eine zweite Kasse aufzumachen - was bei unserem Testkauf auch geschieht, zumindest wenn man bittet.

          Den Kunden werden die Arme schwer

          Anders beim Konkurrenten Rossmann. Dort huschen zwar hilfsbereite Angestellte durch die Gänge und weisen bereitwillig den Weg zum Baby-Brei. Leider hören sie schlecht: Die Kollegin an der Kasse kann klingeln, so oft sie will - niemand kommt, um die zweite Kasse zu öffnen. Den Kunden werden die Arme schwer vom Waschmittel. Zum Glück ist die Filiale groß und weitläufig eingerichtet, sonst müsste sich die Schlange um die Regale schlängeln. Wir bezahlen akzeptable 24,20 Euro für unseren Warenkorb.

          Allmählich wird es teurer: Trotz Gratiscreme müssen wir bei Ihr Platz am Ende 25,44 Euro für unseren Einkauf ausgeben. Über die im Vergleich zu Rossmann und DM kleinere Filiale und das geringere Angebot trösten allerdings das hilfsbereite Personal und das günstige Deo hinweg, das wir hier fast 20 Prozent billiger bekommen als beim teuersten Anbieter: Schlecker.

          Hoffen, dass die Kunden nicht vergleichen

          Wer hätte das erwartet? Schlecker tut schließlich alles, um billig auszusehen: kleine Filialen, enge Gänge und übervolle Regale. Keine Warenbänder, keine Schilder, keine Orientierung. Auch in der von uns getesteten Frankfurter Filiale kam sich der Kunde vor wie auf einer Schluchtenexpedition. Und dabei kann man sich schnell verloren fühlen: Der Konzern besitzt zwar über 10.000 Läden in der Bundesrepublik, aber in den meisten Filialen arbeitet nur eine Angestellte, - die sich um alles gleichzeitig kümmern muss.

          Vielleicht ist es dieser Trick, mit dem Schlecker zur größten Drogeriekette Deutschlands aufsteigen konnte: billig aussehen, Schnäppchenjäger locken - und hoffen, dass die anschließend die Preise nicht vergleichen. Mit 26,10 Euro bezahlten wir zwölf Prozent mehr als beim günstigen Konkurrenten DM. Allerdings garantiert Schlecker Einkaufserlebnisse, wie sie im standarisierten Einkaufsmarkt schon ausgestorben schienen. Weil es kein Kassenband zum Anstellen gibt, kommen die Kunden von allen Seiten und stehen im Kreis um die Kasse herum. Jeder will der Nächste sein. So ist Warten wenigstens nicht langweilig.

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