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Drogeriemarktkette : DM strebt nach Schlecker-Pleite zu neuen Rekorden

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Die Drogeriemarktkette DM will auch nach der Insolvenz des größten Konkurrenten Schlecker weiter wachsen. Im laufenden Jahr will das Unternehmen hundert neue Märkte eröffnen. Trotz des Ausscheidens von Schlecker gebe es genug Wettbewerb im Markt.

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          Die größte deutsche Drogeriemarktkette DM ist im Jahr der Schlecker-Insolvenz kräftig gewachsen. Alleine im Heimatmarkt wuchsen die Umsätze um 14 Prozent auf 5,12 Millairden Euro, insgesamt setzte die Gruppe 6,87 Milliarden Euro um - 11,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Erich Harsch, der Vorsitzende der Geschäftsführung, versuchte in Karlsruhe den Eindruck zu vermeiden, das Aus des ärgsten Wettbewerbers alleine habe das Geschäft von DM beflügelt.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          „Wir gehen davon aus, dass in dieser Zeit viel Positives über uns berichtet wurde“, sagte er. Deshalb habe DM auch neue Kunden außerhalb der Schlecker-Sphäre hinzugewonnen, die Loyalität der DM-Kunden sei ohnehin traditionell hoch - nur so lasse sich der Zuwachs von zuletzt monatlich zwischen 15 und 20 Prozent erklären. Der Marktanteil im Drogeriemarktgeschäft von DM nähert sich damit nach eigener Einschätzung der 20 Prozent-Marke.

          Gründer Götz Werner pflegte lange das Gegenbild  zu Schlecker

          Zu Zeiten der Schlecker-Schieflage wurde das von dem Anthroposophen und Kämpfer für ein bedingungsloses Grundeinkommen Götz Werner gegründete Karlsruher Kette häufig als Gegenbild zu dem lange mit der Belegschaft zerstrittenen Unternehmer Anton Schlecker gezeichnet.

          DM versteht sich als ein Unternehmen mit besonderem Menschenbild und besonderer Haltung, das seinen Mitarbeitern relativ viel Freiheit zubilligt, „singende Kindergärten“ ebenso fördert wie kulturelle Weiterbildungen für die Angestellten. Die konsequente Förderung selbständigen Denkens und Handelns und die Schaffung von Freiräumen für die persönliche Entwicklung seien der eigentliche Zweck des Unternehmens, meinte Harsch. „Der Verkauf von Zahnpasta und anderen Produkte ist dazu nur das Mittel.“ Werner hat seine Anteile vor zwei Jahren in eine gemeinnützige Stiftung eingebracht, zweiter Anteilseigner ist der Karlsruher Unternehmer Günter Lehmann.

          Nach wie vor gelte die Aussage, ein 1 Prozent Gewinn vor Steuern sei auskömmlich, jeder „Gewinn zuviel“ werde in die Zukunft investiert. Im Gespräch mit dieser Zeitung bezifferte der DM-Chef den Vorsteuergewinn im Geschäftsjahr 2011/12 auf 1,9 Prozent vom Umsatz, also etwa 130 Millionen Euro. In dem im Oktober begonnen neuen Geschäftsjahr werde die Gewinnspanne voraussichtlich wieder „zwischen 1,5 und 2 Prozent liegen“.

          DM hat etwa 800 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter eingestellt

          Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat DM die Zahl der inländischen Filialen um 89 auf 1345 erhöht. Auf Jahressicht steigt die Zahl der Beschäftigten um mehr als 4000 auf fast 44.000, gut 29.000 davon arbeiten in Deutschland. DM hat nach Harschs Worten etwa 800 ehemalige Schlecker-Mitarbeiter eingestellt, ohne die aus der Schlecker-Insolvenz übernommenen neun „Ihr Platz“-Märkte. DM verhandle noch über eine kleinere Zahl weiterer Märkte, so dass am Ende etwa 20 übernommen werden könnten. Zum Vergleich: Der niedersächsische Konkurrent Rossmann betreibt mehr als 100 ehemalige Schlecker und Ihr-Platz-Filialen.

          DM-Chef Harsch bleibt ambitioniert. Im laufenden Jahr soll die Zahl der inländischen Märkte um weitere 100 steigen, für das Deutschland-Geschäft habe sich das Unternehmen ein Wachstum von 8 Prozent vorgenommen. Die Gruppe werde im Kalenderjahr 2012 „sicher die 7 Milliarden Euro-Umsatzmarke knacken“.

          Der Umsatz im Ausland, wo die Kette in Österreich und Osteuropa nochmals so viele Filialen wie in Deutschland betreibt, ist im Vorjahr mit einem Plus von 4,3 Prozent auf 1,76 Milliarden Euro langsamer gewachsen. Die Währungsverwerfungen in Osteuropa machten sich nach Harschs Worten zwar weiter negativ bemerkbar, an Drogeriemarktartikeln sparten die Menschen aber auch in der Schuldenkrise kaum.

          Der DM-Geschäftsführer wehrte sich in Karlsruhe gegen den Eindruck, der Ausfall von Schlecker und Ihr Platz führe zu einer stärkeren Marktmacht der verbliebenen Anbieter. Zuvor war bekannt geworden, dass Konkurrent Rossmann von den Herstellern seiner Eigenmarken offenbar spürbare Preissenkungen erwartet. Harsch sagte, es habe eine Umverteilung auf viele verschiedene Anbieter im Lebensmitteleinzelhandel stattgefunden. „Wenn man die aktuelle Wettbewerbsposition und die zahlreichen Anbieter von Drogeriewaren auch im Lebensmittelhandel von diesem Hintergrund betrachtet, dann sind wir von einer Konzentration beim Handel mit Drogeriewaren sehr weit entfernt. Sowohl Schlecker als auch Ihr Platz seien in den vergangenen Jahren beim Verkauf von Drogeriewaren keine „Big Player“ mehr gewesen, sondern kontinuierlich unter Marktanteile von 5 Prozent gerutscht. Als stärkste Konkurrenten im Drogeriemarktsegment bezeichnete Harsch Aldi und Kaufland gefolgt von Lidl und Rossmann.

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