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Drogen per Post : Tödlicher Rausch frei Haus

Eine der gefährlichsten Drogen, die der Postbote bringt, heißt Fentanyl. Ihre Wirkung ist bis zu 50 Mal so stark wie die von Heroin. Bild: AFP

Eine neue Drogenwelle hat Amerika erfasst. Postboten helfen ungewollt dabei, die gefährlichen Substanzen im ganzen Land zu verteilen.

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          Wer hätte schon den Briefträger verdächtigt? Doch es ist wahr. Eine Drogenwelle hat die Vereinigten Staaten erfasst, und die staatliche Post United States Postal Service trägt dazu bei. Ihre Postboten helfen ungewollt dabei, die gefährlichen Substanzen über das Land zu verteilen. Eine der gefährlichsten Drogen, die der Postbote bringt, heißt Fentanyl. Ihre Wirkung ist bis zu 50 Mal so stark wie die von Heroin.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Legal wird Fentanyl Schwerstkranken seit den sechziger Jahren zur Schmerzlinderung verschrieben, der illegale Konsum verschafft Drogensüchtigen Hochgefühle und tötet. Einzelne Bundesstaaten verzeichnen inzwischen mehr Fentanyl-Drogentote als Opfer der Heroinsucht. In Ohio allein ließen im vergangenen Jahr mehr als 1000 Menschen ihr Leben nach einer Überdosis Rauschmittel, die Fentanyl erhielten. Der Superstar Prince war im April nach der Einnahme von Fentanyl gestorben.

          Der Anti-Drogen-Polizei DEA zufolge kommt ein Großteil der synthetischen Droge aus China, mexikanische Labors liefern offenbar ebenfalls, nachdem sie sich die nötigen Zutaten aus China beschafft haben. Die Drogenlieferanten aus dem Ausland machen sich den Umstand zunutze, dass die amerikanische Bundespost und der Zoll Pakete selten durchleuchten. Weil Lieferungen vor allem aus China im vergangenen Jahrzehnt dramatisch zugenommen haben, kommen die Beamten nicht mehr mit den Überprüfungen nach. 340 Millionen Pakete erreichen die Vereinigten Staaten auf dem Postweg ohne Strichcodes oder andere elektronisch lesbare Markierungen, die Auskunft über Inhalt und Herkunft der Sendung geben.

          Dealer nutzen staatliche Postsysteme in aller Welt

          Das zwingt die Zollinspektoren und andere Ermittler, die Pakete einzeln per Hand zu untersuchen. Sie müssen sich auf Stichproben beschränken, um verdächtige Päckchen zu identifizieren. Im Unterschied zur privaten Konkurrenz liefert die staatliche Post die Sendungen aus, wenn sie die Empfänger-Adresse identifizieren kann, es sei denn, Ermittler stoppen die Auslieferung. Sie folgt damit internationalen Regeln der Universal Post Union, einer Behörde der Vereinten Nationen.

          Die internationalen Bringdienste Fedex, DHL und UPS hingegen müssen elektronische Daten sämtlicher Pakete zum Zoll schicken, bevor die Lieferungen das Land erreichen. Das macht die Identifizierung von illegalen Drogen einfacher. Für die Post gilt die Regel im Prinzip auch, doch es wurde eine Ausnahme gemacht in Absprache mit dem Finanzministerium und dem Heimatschutz.

          Drogendealer wissen das. Deshalb nutzen sie staatliche Postsysteme in aller Welt. Das zeigte ein Testkauf von Legalscript. Das ist eine Organisation, die illegalen Online-Apotheken das Handwerk legen will, um das Internet sicherer zu machen. Sie hatte 29 Pakete bei illegalen Online-Apotheken bestellt. Alle Pakete wurden von Amerikas Staatspost zur gewünschten Adresse gebracht. Keine einzige Sendung war von der Post, der Anti-Drogen-Polizei oder dem Zoll durchleuchtet worden. Legalscript kommt deshalb zum Ergebnis, dass die Staatspost erste Wahl für illegale Drogenversender sei.

          Reform der Post stockt im Kongress

          Parlamentsanhörungen haben bisher kein Ergebnis gebracht. Die Post ist ein Politikum. Teile der Republikanischen Partei wollen sie privatisieren und weisen auf die indirekten Subventionen, die sie erhalte. Sie sind für die Aufstockung des Sicherheitspersonals nicht zu gewinnen. Die Demokraten wollen ihre staatliche Finanzierung sichern. Die Reform der Post stockt allerdings im Kongress. Auf Drängen der Amerikaner kooperieren wenigstens die chinesischen Sicherheitsbehörden. Sie fangen immer wieder Fentanyl-Sendungen ab, die auch dort für nichtmedizinische Anwendungen verboten sind.

          Doch die Produzenten stellen sich darauf ein: Statt der fertigen Substanz liefern sie nun die chemischen Zutaten und Geräte zur Herstellung der Pillen wie Tablettenpressen. In den Vereinigten Staaten müssen solche Importgüter zwar teilweise gesondert Kontrollen unterzogen werden, schlüpfen aber eben doch oft mit der Post durchs Sicherheitsnetz. Die Ausweichstrategie der Produzenten vermittelt auch einen Eindruck davon, dass die Produktion der tödlichen Droge nicht kompliziert ist: Simple Chemie ersetzt die alte aufwendige landwirtschaftliche Produktion von Opium und seine Weiterverarbeitung.

          Ermittlungsprotokolle von überführten Kriminellen zeigen, dass eine neue Klasse von Dealern entstanden ist. Sie gehören nicht mehr zwangsläufig zu Gangs, die mit langen klandestinen Wertschöpfungs- und Lieferketten verbunden sind. Heute nutzen amerikanische Dealer das Darknet, um Drogen zu bestellen. Sie mischen die Substanz dann mit Heroin oder verkaufen Fentanyl pur. Eine groteske Dimension bekommt die Drogenlogistik dadurch, dass sie nach Analyse von John Walters, oberster Drogenbekämpfer unter Präsident George W. Bush, vom amerikanischen Steuerzahler subventioniert wird aufgrund der Regeln der Vereinte-Nationen-Organisation Universal Postal Union.

          Die Gebühren richten sich grob nach dem ökonomischen Entwicklungsstand mit der Folge, dass die amerikanische Post für chinesische Pakete, die in Los Angeles ankommen und die an die Zieladresse irgendwo im Land ausgeliefert werden, 2,67 Dollar von der chinesischen Post erhält. Gewöhnlich würde die Post für diese Lieferung laut Walters mehr als 5 Dollar in Rechnung stellen. Chinesische Online-Verkäufer bieten immer häufiger Lieferung frei Haus an. Manchmal ist Spielzeug in den Päckchen, manchmal ein Handy. Und manchmal Fentanyl.

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