https://www.faz.net/-gqe-93ih1

Amerikas Isolationskurs : Donald Trumps Chance in Asien

Der amerikanische Präsident und Südkoreas Präsident Moon Jae-in Bild: AP

Der amerikanische Präsident ist in Südkorea angekommen. Diese Station seiner Asienreise ist eine heikle Angelegenheit. Nicht nur China ist wichtig.

          3 Min.

          Die Art, wie Donald Trump seit nun gut zehn Monaten sein Amt führt, hat viele in Asien verunsichert, verärgert und verletzt. Verunsichert hat sein schwankender Umgang mit Sicherheitspartnerschaften, verärgert hat sein Rückzug aus Handelsvorhaben, die als felsenfest und fortschrittlich galten, und verletzt haben seine teils dümmlichen Kommentare auf Twitter. Nun besucht der amerikanische Präsident Ostasien. Er macht in Japan, Südkorea, China, Vietnam und auf den Philippinen halt und wird an drei Gipfeln teilnehmen: am Wirtschaftsgipfel der Pazifik-Anrainer in Vietnam (Apec), am Treffen der zehn Länder Südostasiens (Asean) auf den Philippinen, und – nach der Rücknahme seiner Absage – am Ostasien-Gipfel (EAS). Die Erwartungen der Asiaten sind allerdings gering.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          In den vergangenen Jahrzehnten lebte Asien gut in einem Gleichgewicht zwischen China und Amerika und wusste sich die Interessen beider Seiten zunutze zu machen. Damit scheint es vorbei. Im Bodenschatzland Australien und dem reichen Stadtstaat Singapur tritt der durch Washingtons Isolationismus geförderte Konflikt deutlich zutage. Beiden ist der Handel mit China Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz. Beide verlassen sich aber traditionell auch auf eine Sicherheitspartnerschaft mit Amerika. Die Nähe definiert sich zudem durch Amerikas Rolle als Investor und bisher auch durch gemeinsame Anstrengungen zum Ausbau eines regelbasierten Welthandels. Gradmesser dafür war die Arbeit am Transpazifischen Handelsabkommen (TPP). Trump kündigte es kurz nach seinem Amtsantritt auf.

          Nordkorea-Konflikt : Trump in Südkorea eingetroffen

          Es folgte erst Schockstarre in Asien, dann Trotz. Die verbleibenden elf Staaten um Japan und Australien verhandeln nun weiter und halten den entstehenden Pakt offen für eine Rückkehr der Vereinigten Staaten nach der Ära Trump. Der hat bisher nicht einmal Botschafterposten in Asien besetzt und flirtet mit autoritären Führern, wie Rodrigo Duterte auf den Philippinen oder der thailändischen Junta. Trumps Kriegsdrohungen gegen Nordkorea haben zusätzlich erschreckt.

          Durch den nicht erwarteten Kurswechsel Amerikas sieht sich Asien immer stärker der aufkommenden Supermacht China ausgeliefert. Präsident Xi Jinping füllt Amerikas Machtvakuum mit hoher Geschwindigkeit. Das war so lange gut für die Asiaten, wie China sein Dominanzstreben in Hilfsbereitschaft verpackte. Doch macht sich spätestens seit dem jüngsten Parteitag der Kommunisten in Peking die Sorge breit, dass die Chinesen die ganze Region bestimmen wollen. 2050 will Peking eine Armee führen, die Kriege überall gewinnen kann – solche Ansagen schüren Furcht. Zumal China auf der wichtigsten Schifffahrtsroute der Welt, im Südchinesischen Meer, seit Jahren seinen ungesetzlichen Machtanspruch ohne großen Widerstand mit Beton und Waffen festigt. Die Initiative „Ein Gürtel, eine Straße“, mit der Peking mit mehr als umgerechnet 1000 Milliarden Euro die Infrastruktur ärmerer Staaten bis nach Afrika zum eigenen Nutzen ausbauen will, ist zwar willkommen. Doch wächst der Widerstand in Ländern wie Sri Lanka, Malaysia oder Pakistan gegen die Einflussnahme und dagegen, in eine Schuldenfalle gelockt zu werden.

          Dieses Szenario ruft nach einem Gegengewicht. Nur die Vereinigten Staaten könnten es liefern. Trump hat die Gelegenheit, dies der Region während seiner Reise zu versprechen. Bislang aber sieht es nicht nach so einer Zusage aus. Daher kommt es wohl zu den „enormen tektonischen Verschiebungen auf der weltpolitischen Bühne“, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jetzt auf seiner Asien-Reise skizzierte.

          Es wäre an der Zeit, dass Europa die Gunst der Stunde nutzt. Asien ist offen wie nie für Partnerschaften, die seine wachsende Abhängigkeit von China ausbalancieren. Vor Jahren hatte die damalige Außenministerin Hillary Clinton schon Amerikas Rückkehr in die Region angekündigt. Dazu kam es nicht. Trump wendete sich sogar rasch weiter von Asien ab. Gelingt es ihm nicht, die Asiaten in den nächsten elf Tagen von seiner Rückkehr zu überzeugen, steigt die Verantwortung für Europa und Japan. Strategen arbeiten an einer „indo-pazifischen-Partnerschaft“ der Demokratien, von Japan über Australien und Indonesien bis nach Indien, mit Europa als engagiertem Partner. Zwar kann diese keine militärische Sicherheit bieten, wie Washington dies könnte. Doch können Brüssel wie Tokio Einfluss ausüben, verlässliche Freundschaften schmieden, Handel und Investitionen fördern. Ohne sie wird Asien tiefer in die Abhängigkeit von Peking getrieben werden.

          Trump müsste verstehen, welche Chancen ein Asien jenseits Chinas bietet. Er müsste verstehen, dass diese Region das Kernstück des Wachstums der Welt bildet – bis 2030 dürften hier Zweidrittel des Wirtschaftswachstums geschaffen werden. Und er müsste akzeptieren, dass es ein stabiles Gleichgewicht zwischen Peking und Washington brauchte, um dieses Potential zu heben. Auch die Vereinigten Staaten profitierten davon. Leider spricht vieles dafür, dass der amerikanische Präsident in den nächsten Tagen zu laut sprechen wird, um zuzuhören.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          In einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Neuburg erhalten zwei Senioren die erste Corona-Schutzimpfung.

          Entwurf aus Spahns Ministerium : Auch Hausärzte sollen impfen

          Spätestens von Ende April an sollen auch Hausärzte eine Covid-19-Impfung verabreichen dürfen. Das sieht ein Papier des Gesundheitsministeriums vor, das der F.A.Z. vorliegt. Abweichungen von der Impfreihenfolge sollen aber weiter nicht erlaubt sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.