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Doku-Film über Forum in Davos : Al Gores Freund war Bolsonaros militärischer Gegner

Bolsonaro betritt die Bühne in Davos und wird vom WEF-Gründer Schwab empfangen. Bild: dpa

Auf dem Weltwirtschaftsforum 2019: Jair Bolsonaro ist frisch gewählt – und gesundheitlich angeschlagen, was aber nur Insider wissen. In Davos trifft und irritiert er die Weltelite. Ein Dokumentarfilmer war dabei.

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          Jair Bolsonaro ist irritiert. Frisch gewählt, und – wie nur Insider wissen – zu dem Zeitpunkt gesundheitlich nicht im allerbesten Zustand, ist er kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten Brasiliens im Januar 2019 zum Weltwirtschaftsforum nach Davos gereist.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Was er dort sieht und hört, gefällt ihm nicht. Erst hält er eine steife Rede über seinen Plan für Brasilien, und es gibt kaum Applaus. Die Sorgen um den Regenwald beherrschen die Gedanken der Zuhörer. Könnte man Pfiffe klatschen, hätten die versammelten Politiker, Manager und Kulturschaffenden in Davos diese Art der Bekundung des Missfallens gerade erfunden. Dann geht es für Bolsonaro weiter, zu einem Treffen in kleinerem, wenn auch nicht kleinen Kreis. Doch der entsprechende Raum ist noch nicht frei, man wartet vor der Tür auf Einlass, steht eng beieinander. Bolsonaro wartet dort mit seinem Wirtschaftsminister und einem Übersetzer.

          Al Gores falscher Freund

          Der frühere amerikanische Vizepräsident Al Gore nutzt die Gelegenheit: „Ich bin mit Alfredo Sikris gut befreundet!“ Es folgt die Übersetzung, ein Blick Bolsonaros: „Oh, er war früher mein Gegner in einer militärischen Auseinandersetzung.“ Daraufhin Gore: „Da habe ich wohl die falsche Person ausgesucht.“ „Ach, nicht schlimm ...“ „Ich bitte um Entschuldigung, aber ich würde mit Ihnen gerne auch noch über den Amazonas sprechen, der liegt mir wirklich sehr am Herzen.“ „Ja, der Amazonas bietet einen Schatz an Ressourcen ... Mit den Vereinigten Staaten können wir diese Ressourcen gemeinsam nutzen.“ Darauf Gore, leicht konsterniert: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Sie richtig verstanden habe ...“

          Gore wendet sich mit ratlosem Gesichtsausdruck („always eager to talk“) wieder ab – und der Zuschauer denkt an eine der Eingangsszenen des neuen Films „Das Forum“, der vom 5. November an in ausgewählte Kinos kommt und am 20. Januar 2020, kurz bevor das Weltwirtschaftsforum zum 50. Mal stattfindet, auch im Fernsehen gesendet werden wird: Klaus Schwab, der inzwischen 81 Jahre alte Gründer des Forums, ist dort zu sehen.

          Und Schwab bezeichnet das Miteinanderreden, den Dialog, als Waffe im Kampf gegen die Diktatur. „In der Diktatur hat jeder die gleiche Meinung“, sagt Schwab. In Davos aber gehe es um das Reden und Redenlassen. So gesehen, ist die Szene mit Bolsonaro und Gore echt Davos.

          Die handzahme Greenpeace-Chefin

          In dem Moment führt sie nur zu erstaunten Gesichtern, zu gegenseitigem Unverständnis, und doch: Man hat einen besseren Eindruck voneinander, weiß, woran man ist – und kann darauf entsprechend reagieren. Bolsonaro wird in dieser Situation noch einige weitere erstaunliche Kurzgespräche mit anderen Davos-Gästen führen, auch Jennifer Morgan, die Geschäftsführerin von Greenpeace International, ist dabei, die vorher angekündigt hatte, sie werde Davos nutzen, um den dort Anwesenden die Leviten zu lesen, denn ihre Geduld sei am Ende, dem brasilianischen Präsidenten dann aber doch sehr handzahm gegenübertritt: „Ich habe von Ihrer Beteuerung gehört, den Amazonas schützen zu wollen, und freue mich darüber.“

          Was der brasilianische Wirtschaftsminister seinem Präsidenten nach all dem Händeschütteln sagt, hat Regisseur Vetter auf Bitten von Schwab in der endgültigen Fassung lieber aus dem Film herausgeschnitten. Es wäre allzu verletzend gewesen. Der Eindruck reicht auch so. Bolsonaros Entourage hält nicht viel von Davos: Dem Film von Vetter gelingt es, diese Widersprüche aufzuzeigen, ohne sie offen anzusprechen – die Bilder und Zitate reichen aus, um die Ambivalenz von Davos zu erfassen.

          Greta kommt gerade recht

          Schwab führt tatsächlich Gutes im Schilde. Er will den Zustand der Welt verbessern, Menschen, auch Sünder, wie er selbst sagt, wie der Pfarrer zu einem Gottesdienst zusammenbringen. Ideen für Besseres anstoßen. Aber Davos ist eben auch ein großer Geschäftsanbahnungs-Treffpunkt, sonst würde niemand die hohen Kosten für eine Teilnahme zahlen.

          So hat Schwab den Club of Rome zwar schon 1973 auf dem Forum zum Thema gemacht. Aber er weiß auch, wie wichtig der Auftritt von Greta in diesem Jahr zu PR-Zwecken war, hatten doch Donald Trump, Emmanuel Macron oder Theresa May aus innenpolitischen Gründen kurzfristig abgesagt. Absagen sind immer schlecht. Davos lebt von denjenigen, die kommen. Bono von U2 wird älter; da kommt eine Greta gerade recht.

          Bolsonaro geht essen in einem Supermarkt in Davos

          Schwab war immer auf der Suche nach dem Neuen, hat die Zukunft umarmt, was er im Rahmen des technischen Wandels im Abspann des Films ohnehin der ganzen Welt empfiehlt – und auch davon profitiert. Manager vor der größtmöglichen Videoleinwand, die ihr Konterfei zeigt? So etwas gab es zuerst in Davos – und es hat die Unternehmenslenker bei ihrer Eitelkeit gepackt. Social Media? In Davos schon lange eine Selbstverständlichkeit.

          Beerdigung statt Hochzeit

          Schwab hat den richtigen Riecher für historische Entwicklungen, wird so immer wieder auch zu ihrem Begleiter, muss aber auch mit dem einen oder anderen Kolbenfresser leben: Dafür steht eine Szene exemplarisch, die Vetter im Film als Videodokument aus den Archiven mühevoll rekonstruiert und zusammengefügt hat.

          Peres und Arafat sollten im Jahr 2001 in Davos dem Friedensprozess neues Leben einhauchen, tatsächlich aber musste Schwab einer trickreichen Volte Arafats zusehen: Angeblich hat er die Rede im Hotel vergessen, Peres entgegen der Absprache dann den Vortritt gelassen, dann doch die Rede aus der Tasche gezogen – und mit Israel abgerechnet. Aus einer vermeintlichen Hochzeit wurde eine Beerdigung, wie Peres konsterniert feststellt. Auch das ist Davos.

          Zusammen mit der Sequenz zu Bolsonaro sind die Szenen aus Treffen Arafat/Peres der zweite Grund, der schon ausreichen würde, um den Film „Das Forum“ zu einem sehenswerten Dokumentarstück werden zu lassen. Im Jahr 2020 möchte das Forum übrigens frei von Plastik sein. Schwab geht mit der Zeit. Ob seine Gäste das auch tun? Diese Frage muss und kann sich jeder Zuschauer am Ende des Films selbst beantworten.

          Der Film

          Zwischen Brexit und Regenwald Mit dem Blick hinter die Kulissen des Weltwirtschaftsforums wird am Montag das Leipziger Dokfilm-Festival eröffnet. Vetter ist es mit dem Produzenten Christian Beetz gelungen, zum ersten Mal in der fünfzigjährigen Geschichte des Davoser Treffens dort hinter den Kulissen zu drehen. Zwei Jahre haben die Dreharbeiten gedauert. Es geht um den Klimawandel, den Brexit, den brennenden Amazonas-Regenwald, den zunehmenden Populismus sowie Handelsspannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China. Beraten wurde Vetter unter anderen von Jürgen Dunsch, dem langjährigen Wirtschaftskorrespondenten dieser Zeitung für die Schweiz und vorherigem Leiter des Unternehmensressorts. Kno.

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