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Amerika gegen China : „Deutschland wäre einer der großen Verlierer“

  • Aktualisiert am

Beladen eines Containerschiffs im chinesischen Handelshafen von Qingdao Bild: dpa

Der Handelsstreit zwischen den größten Volkswirtschaften der Welt eskaliert. Fachleute warnen vor den Folgen gerade für Deutschland. Und aus Washington kommen plötzlich überraschend beschwichtigende Töne.

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          Angesichts des Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China fürchten Wirtschaftsforscher negative Auswirkungen insbesondere für Deutschland. „Gerade Deutschland wäre einer der großen Verlierer eines Handelskonflikts, auch wenn dieser hauptsächlich zwischen China und den Vereinigten Staaten stattfinden würde“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Er verwies darauf, dass das deutsche Wirtschaftsmodell stark abhängig sei von einem freien Welthandel.

          Selbst deutsche Exportunternehmen würden kaum von dem direkten Handelskonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China profitieren, da Deutschland ganz andere Produkte als die beiden Länder exportiere, sagte Fratzscher. Kurzfristig könne es vielmehr zu Umleitungen von Handelsströmen und größeren Preisschwankungen kommen. „Eine deutliche Abkühlung der guten Konjunktur, auch und gerade in Deutschland, wäre unweigerlich das Resultat einer Verschärfung des weltweiten Handelskonflikts“, warnte er.

          Deutschland zwischen den Fronten – wie sollen wir uns im Handelsstreit verhalten?

          Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, sagte, die Unsicherheit durch den Handelskonflikt könne dazu führen, dass sich Unternehmen auf der ganzen Welt mit Investitionen zurückhalten und damit die Weltkonjunktur ausbremsen. Die zuletzt angekündigten Gegenmaßnahmen Chinas bedeuteten vom Volumen und von der Struktur her eine massive Verschärfung der Eskalation. Auch die EU werde leiden, da ihre beiden wichtigsten Handelspartner betroffen seien.

          China hält sich unterdessen im Zollstreit die Tür für Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten offen. Dies sei weiterhin der bevorzugte Weg für die Regierung in Peking, „aber dazu gehören immer zwei“, sagte der chinesische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Cui Tiankai, nach einem Treffen mit dem amtierenden amerikanischen Außenminister John Sullivan. „Wir werden sehen, was die Vereinigten Staaten machen.“

          Der neue oberste Wirtschaftsberater des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Larry Kudlow, hatte zuvor signalisiert, dass die geplanten Extrazölle auf chinesische Produkte Teil einer Verhandlungsstrategie sein könnten. Es gehe um Gespräche, in denen alle Werkzeuge genutzt würden.

          Dem Fernsehsender Fox sagte er zudem, die angekündigten Zölle der Vereinigten Staaten und Chinas seien nur erste Vorschläge. „Ich bezweifele, dass es in den kommenden Monaten konkrete Schritte gibt.“ Kudlows überraschende Einlassungen folgten am Mittwoch unmittelbar auf Chinas Ankündigung, Strafzölle der Vereinigten Staaten seinerseits mit Zöllen im identischen Wert von 50 Milliarden Dollar zu vergelten.

          Diese Verschärfung im Handelsstreit der beiden größten Volkswirtschaften nährte massiv die Sorgen über Gefahren für die Weltwirtschaft. Nach Ansicht Kudlows, der vor wenigen Tagen dem früheren Investmentanker Gary Cohn im Weißen Haus nachfolgte, ist Trump „letztlich ein Anhänger des freien Handels“. Der Präsident wolle das Problem mit China so schmerzlos wie möglich lösen, sagte er. „Es gibt keinen Handelskrieg. Wir sind in der frühen Phase eines Prozesses, der Zölle einschließt, Kommentierungen der Zölle sowie zuletzt abschließende Entscheidungen und Verhandlungen.“ Es gebe bereits Gespräche auf inoffiziellen Kanälen.

          Die Vereinigten Staaten nehmen mit den angedrohten Strafzöllen Produkte der chinesischen Hochtechnologie-Industrien ins Visier. China dagegen würde neben der Auto-, Chemie- und Flugzeugindustrie auch den ländlichen Raum der Vereinigten Staaten treffen, wo Trump besonders viele Anhänger hat. Neben Sojabohnen zielt Peking auch auf andere Agrarprodukte wie Mais, Weizen und Baumwolle ab.

          Trumps Sprecherin Sarah Sanders sagte auf die Frage, ob und wie sehr den Präsidenten die massiven Auswirkungen des Handelskonflikts an den Börsen bekümmerten: „Es wird eine kurze Phase der Schmerzen geben.“  Aber mittel- und langfristig werde sich Trumps Politik auszahlen. Sanders sagte, man gehe nun durch eine mehrere Monate andauernde Phase der Überprüfung der Zölle, dieser wolle sie nicht vorgreifen. Die Situation sei Chinas Schuld und nicht die der Vereinigten Staaten. Mehrfach wich Sanders der Frage aus, ob die Zölle in jedem Fall kommen werden. Die Vereinigten Staaten erwarteten, dass Chinas seine Handelspolitik ändere, sagte Sanders. „Hoffentlich wird China das Richtige tun.“

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