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DIW-Studie : Vermögen ungleicher verteilt als gedacht

Luxusjachten in Cannes Bild: Reuters

Eine neue Studie hat den Einfluss der Superreichen auf die Vermögenskonzentration beleuchtet. Deren Anteile blieben bislang unberücksichtigt. Die Ergebnisse überraschen.

          2 Min.

          Wie stark ist die Vermögensverteilung zugunsten einer kleinen Oberschicht konzentriert? Diese Debatte geht mit einer neuen Studie in die nächste Runde. Bislang basieren die meisten Studien auf Daten aus Befragungen. So hatte die Europäische Zentralbank (EZB) vor gut zwei Jahren eine große Untersuchung vorgelegt, für die sechzigtausend Haushalte nach ihren geschätzten Vermögen befragt wurden. Allerdings wandten einige Verteilungsforscher ein, dass bei einer solchen Befragung die Superreichen nicht enthalten sind – weil sie nicht antworten oder ihre Zahl zu klein ist, so dass sie in der Stichprobe nicht erfasst werden. Im vergangenen Jahr hatte der EZB-Ökonom Philip Vermeulen daher die ursprünglichen Daten um Informationen aus der „Forbes“-Liste der Milliardäre ergänzt. Sein Ergebnis: Die Vermögensballung ist deutlich größer als bislang ausgewiesen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Nun haben drei Ökonomen um Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) den Datensatz nochmals erweitert, indem sie auch nationale Reichenlisten verwenden. Sie betrachten Deutschland, Frankreich, Spanien und Griechenland. Zusätzlich zur „Forbes“-Liste ziehen sie die „Manager Magazin“-Liste über die Reichsten in Deutschland heran. Die 200 Topfamilien kommen auf ein mittleres Vermögen von je 1,5 Milliarden Euro. Die Liste des „Challanges“-Magazins der 500 reichsten Franzosen weist für diese mittlere Vermögen von 1,1 Milliarden Euro aus, die entsprechende „El-Mundo“-Liste über die 100 reichsten Spanier spricht von 1,5 Milliarden Euro mittlerem Vermögen. Die jüngste verfügbare „Greek Rich List“ kommt für 2010 auf immerhin 29 griechische Familien mit einem mittleren Vermögen von fast 200 Millionen Euro.

          Bezieht man die Topvermögensbesitzer in die Verteilungsforschung ein, so steigt der Anteil des obersten Prozents der Bevölkerung am Gesamtvermögen erheblich. Rein nach den Daten der Befragungen hält das reichste Prozent in Deutschland rund 24 Prozent am Gesamtreichtum von knapp 9 Billionen Euro. Berücksichtigt man die Superreichen, steigt der Anteil auf rund 32 Prozent. Betrachtet man nur das oberste Promille der Bevölkerung, ist der Effekt noch größer: Nach den lückenhaften Daten der ursprünglichen EZB-Studie kommt das oberste Tausendstel auf rund 4 Prozent des Gesamtvermögens, nach der DIW-Studie sind es etwas über 17 Prozent. Das reichste Promille der Bevölkerung – das sind etwa 40.000 Haushalte – habe ein Nettovermögen von 11 Millionen Euro je Haushalt und ein Gesamtvermögen von 1,5 Billionen, sagt DIW-Ökonom Bach.

          Sind auch die Vermögen der Mittelschicht falsch geschätzt?

          Ebenfalls sehr viel, aber nicht ganz so viel Vermögensanteil hält das reichste Promille der Bevölkerung in Frankreich und Spanien. Dort sind es etwas mehr als 10 Prozent beziehungsweise 8 bis 10 Prozent. In Griechenland ist die Datenlage so schwierig, dass die Schätzungen zu unterschiedlicheren Ergebnissen führen. Rund 5 Prozent in der unteren Variante bis fast 14 Prozent des Gesamtvermögens nach einer anderen Rechenvariante hält dort das oberste Promille. Das Gesamtvermögen in Griechenland schätzen die DIW-Forscher auf rund 630 Milliarden Euro. Angesichts der hohen Staatsverschuldung des Landes sind Berichte über den Reichtum der Wohlhabenden, die zudem oft einer effektiven Vermögensbesteuerung entgehen, derzeit von Brisanz.

          Die bisherigen Studien über die Vermögensverteilung sind nicht nur umstritten, weil sie den Anteil der Superreichen möglicherweise unterschätzen. Umstritten ist auch, ob die Vermögen der Mittelschicht korrekt angesetzt sind. Hierbei spielen in Deutschland die Rentenanwartschaften eine wichtige Rolle. Da sie im umlagefinanzierten Rentensystem nicht mit angespartem Kapital unterlegt sind, werden sie in Vermögensstatistiken üblicherweise ignoriert. Der Münsteraner Ökonom Ulrich van Suntum hat jüngst aber in einer Studie darauf hingewiesen, dass durch die Nichtberücksichtigung der impliziten Rentenvermögen der Wohlstand eines Großteils der Bevölkerung unterschätzt wird. Tatsächlich läge die Vermögensungleichheit geringer als gedacht.

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