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Geld im Ausland : Diskrete Anleitung zur Fluchthilfe

Scheingeschäfte
          5 Min.

          Die Unterhaltung spielt sich auf jedem besseren Tennisplatz ab: „Luxemburg oder Liechtenstein? Schweiz oder Österreich? Wo liegt das Geld sicherer?“ In manchen Kreisen, gewiss nicht nur unter den jetzt angeprangerten Managern, gehört Steuerflucht zum Volkssport. „Angesehene Bürger, die nie auf die Idee kämen, einen Apfel vom Nachbarbaum zu stehlen, verstecken ihr Geld im Ausland und brüsten sich auch noch damit“, berichtet CSU-Chef Erwin Huber vom gehobenen bayerischen Stammtisch.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mittelständler, Handwerker, Gastronomen – kaum eine Berufsgruppe fehlt in den Statistiken der Steuerflüchtlinge. Mal wurde das verfrachtete Vermögen rechtmäßig erworben und versteuert, mal schwarz erwirtschaftet. Oft sind es ältere Menschen, die ihr Erspartes ins Ausland getragen haben, berichten Mitarbeiter von Banken. Die Motive dafür sind vielfältig: Sie wollen die Zinsen auf ihr Vermögen nicht versteuern, das Erbe vor dem Fiskus schützen oder vorsorgen für den Fall, dass ihre Firma in stürmische Zeiten gerät. Zunächst ist an dem Konto im Ausland nichts Unanständiges (sofern das Geld aus legalen Quellen stammt), das erklären die Bankberater ihren Kunden augenzwinkernd: „Und ob Sie die Zinsen dann zu Hause in Ihrer Steuererklärung angeben, ist Ihre Sache.“

          Mit Wohltätigkeit hatte das nie etwas zu tun

          Als besonders sichere Variante haben sie seit Jahren eine Stiftung in Liechtenstein gepriesen. Mit Wohltätigkeit hatte das nie etwas zu tun, immer ging es darum, keine Steuern zu zahlen und für den deutschen Fiskus dank der anonymen Konstruktion mit einem Treuhänder jede Spur zu verwischen. Und zur Gründung braucht es nicht einmal Millionen.

          Bild: F.A.Z.

          Ein Teil der Steuerflüchterkonten, die jetzt im Visier der Fahnder stehen, wird direkt in Liechtenstein geführt. „Ein Teil aber auch bei deutschen Banken“, sagt Jan Olaf Leisner, Anwalt vieler Steuersünder in München. „Das Geld verlässt Deutschland dann physisch gar nicht.“ Nach Liechtenstein müssen die Kunden nur einmal, ganz am Anfang. Sie besuchen einen Treuhänder und richten eine Stiftung ein. Danach bucht die deutsche Bank das Geld vom Konto ihres Kunden in Deutschland auf die Stiftung in Liechtenstein. „Um die Herkunft zu verschleiern, läuft die Buchung über Sammelkonten – nur ein Code verrät, welches Geld woher kommt“, sagt Leisner. Als die Steuerfahnder vorige Woche in vielen Banken zwischen Rostock und München zuschlugen, nahmen sie deshalb nicht nur Listen mit Kontobewegungen mit. Ihr besonderes Interesse galt den „Gift-Mappen“, wie die Fahnder sagen. Die verraten, welche Buchung zu welchem Mensch gehört.

          Quellensteuer bringt Boom nach Luxemburg

          Zu gern sind die Banken seit jeher behilflich, wenn es darum geht, die „Steuerlast zu optimieren“, wie sie ihre Leistungen anpreisen. Schon als Gerhard Stoltenberg 1989 die Quellensteuer auf Kapitalerträge einführte, provozierte er damit eine Flucht nach Luxemburg. Schnell bezogen deutsche Banken dort geräumige Büros in vorzeigbarer Lage. Bald machten sie knapp ein Drittel des Finanzplatzes Luxemburg aus, wie die Wirtschaftsprüfer von KPMG in einer Studie feststellten.

          Der Andrang in Luxemburg war enorm. Das war wie im wilden Westen, erinnern sich Banker. Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen nörgelte, der Ansturm in Luxemburg sei ja erfreulich. Aber langsam werde es in der Dependance der Bank dort einfach „räumlich zu eng“. Andere deutsche Banken richteten am Luxemburger Flughafen provisorische Schalter ein, „richtige Bretterbuden“, wie die Banker erzählen, um all das eingeschleuste Geld annehmen zu können.

          Hunderte ertappt

          So manchem Kunden freilich ist die Überweisung nach Luxemburg schlecht bekommen: Nach einer Razzia in der DG Bank im Jahr 1997 ertappte der Staat Hunderte von Steuerflüchtlingen. Ähnliche Aktionen erlebten Commerzbank, Dresdner und Deutsche Bank. Luxemburg hat darunter gelitten. Die Branche der Steuervermeider nicht. Das Geld deutscher Privatanleger half, Prachtbauten von ehemaligen Dorfbanken zu finanzieren, etwa in den österreichischen Skidörfern im Kleinen Walsertal, einer alpinen Oase.

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