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Discounter : Lidl überrascht mit Forderungen nach Mindestlohn

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„Wir sind nicht Schlecker” Bild: ddp

Die Branche war überrascht. Lidl hat in einem Brief an den Bremer Wissenschaftler Rudolf Hickel vorgeschlagen, das Lohndumping im Handel durch Mindestlöhne einzudämmen. Der Vorstoß zielt in eine Richtung: Schlecker.

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          geg. FRANKFURT, 17. Februar. Die Branche war überrascht. Klaus Gehrig, Vorstand der Lidl-Muttergesellschaft Schwarz Unternehmenstreuhand und oberster Aufseher des zweitgrößten deutschen Discounters Lidl, hat in einem Brief an den Bremer Wissenschaftler Rudolf Hickel vorgeschlagen, das Lohndumping im Handel durch Mindestlöhne einzudämmen. Er reagierte damit offiziell auf einen öffentlichen Vorwurf des Bremer Wissenschaftlers im Fernsehen, die Discounter würden ihren Wettbewerb auf dem Rücken der Mitarbeiter austragen, die schlecht bezahlt würden. "Wir teilen Ihre Auffassung, dass im Einzelhandel unbedingt Mindestlöhne eingeführt werden müssen. Damit würde die Möglichkeit und der Missbrauch von Lohndumping unterbunden", schreibt Gehrig.

          Lidl nimmt zu dem Brief offiziell keine weitere Stellung. Aber aus weiteren Passagen, wonach Lidl schon heute alle Mitarbeiter über Tarif bezahle, wonach das Verkaufspersonal in den Filialen im Durchschnitt etwa 13 Euro in der Stunde bekomme und wonach die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit bei Lidl mit 5,8 Jahren wesentlich über den branchenüblichen 3 Jahren liege, zielen aber in eine Richtung: Schlecker. Der Drogeriediscounter Schlecker aus Ehingen bei Ulm war in die Schlagzeilen geraten, weil er im Rahmen der Umstellung von kleinen auf große Filialen den Mitarbeitern kündigt und ihnen dann das Angebot vorlegt, in der neuen Filiale unter schlechteren Bedingungen wieder eingestellt zu werden. Davon distanziert sich Lidl.

          Inzwischen hat auch Schlecker auf die Negativschlagzeilen reagiert. Vor wenigen Tagen kündigte die Geschäftsführung an, mit der Gewerkschaft Verdi verhandeln zu wollen. In die Kritik ist inzwischen auch der Drogeriemarktfilialist Müller geraten, bei dem geprüft wird, ob er das Instrument der Leiharbeit überstrapaziert. Zudem wird fast allen Discountern vorgeworfen, Mitbestimmungsrechte und Betriebsratswahlen zu unterlaufen.

          Der Vorstoß der Neckarsulmer zielt aber auch in Richtung Branchenverband. Der HDE arbeitet derzeit mit der Gewerkschaft einen neuen Tarifvertrag aus, für den dann eventuell die Allgemeinverbindlichkeit beantragt werden soll. "Gemeinsam mit der Gewerkschaft erarbeitet der HDE eine neue Tarifstruktur, zu der auch ein für alle verbindliches tarifliches Mindestentgelt gehören soll", sagte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Lidl gehen die Verhandlungen des Verbands, die erst 2011 abgeschlossen sein sollen, offenbar nicht zügig genug.

          Der Vorstoß zu einem Mindestlohn findet zudem vor einer für die gesamte Branche ungewohnten Wirtschaftslage statt. In der Vergangenheit konnten sie allen negativen Berichten über schlechte Behandlung der Mitarbeiter ihr Wachstum entgegensetzen, das immer mehr Menschen einen Arbeitsplatz biete, die ansonsten schwer am Arbeitsmarkt unterkommen. Im abgelaufenen Geschäftsjahr haben die Discounter erstmals Marktanteile verloren. Sie haben ihre 44 Prozent des Vorjahres am deutschen Lebensmittelmarkt nicht halten können. Lidl habe im vergangenen Jahr nur noch um 0,2 Prozent zugelegt, obwohl man 80 weitere Märkte eröffnet habe. Auch im Ausland geht die Expansion langsamer als bisher. Damit entfallen Karrieremöglichkeiten, die bisher niedrige Gehälter erträglich machten. Als Ablenkung von anderen Negativschlagzeilen ist der Brief offenbar nicht gedacht. Lidl musste zwei Käsesorten vom Markt nehmen, deren Verzehr bisher mindestens sechs Menschen in Deutschland und Österreich das Leben kostete.

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