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Dioxin in Nahrungsmitteln : Abschied vom ländlichen Idyll

  • -Aktualisiert am

Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner spricht nicht gern über das Für und Wider einer industrialisierten Landwirtschaft Bild: dpa

Ministerin Aigner meidet eine eindeutige Positionierung zwischen bäuerlicher Landwirtschaft und exportorientierter Agrarindustrie. Die Quittung dafür bekommt sie jetzt, obwohl ihr im Dioxinskandal keine groben Fehler vorzuwerfen sind.

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          Wer kennt sie nicht, die liebevoll illustrierten Bilderbücher, die Titel tragen wie „Auf dem Lande“ oder „Das große Wimmelbuch vom Bauernhof“. Seite für Seite breitet sich dort eine zauberhafte Welt aus. Und während die Kinder über ihren Bilderbüchern sitzen, greifen die Eltern zur „Landlust“ und träumen sich weg aus ihrer Stadtwohnung. Auf dem Land, seufzen sie, ist die Welt eben noch in Ordnung.

          Nun haben die vergangenen Wochen aber gezeigt, dass die bäuerliche Welt mitnichten in Ordnung ist. Die Dioxinfunde im Tierfutter, in Eiern, im Hühner- und im Schweinefleisch haben Politik, Agrarbranche und Verbraucher wachgerüttelt. Wieder einmal - denn Lebensmittelskandale tauchen mit unschöner Regelmäßigkeit auf. Im aktuellen Fall stand am Anfang der Kette ein Unternehmen, das industrielle Fettsäuren in sein Futterfett gemischt und erhöhte Dioxinwerte verheimlicht hat. Das klingt nach krimineller Energie. Sich auf die Position zurückzuziehen, gegen Betrüger sei eben kein Kraut gewachsen, greift dennoch zu kurz.

          Mehr denn je ist die Landwirtschaft ein Massengeschäft

          Der Fall zeigt, dass strengere und häufigere Kontrollen notwendig sind. Zwar wird auch in Zukunft kein Weg daran vorbeiführen, dass sich die Betriebe in erster Linie selbst im Zaum halten sollen und staatliche Prüfer nur zu regelmäßigen Stichproben anreisen. Die Bundesländer können keine Heerscharen von Kontrolleuren für sämtliche Routinetests bereitstellen. Doch für die Eigenkontrollen muss es gesetzliche Regeln geben, was wie oft getestet wird. Auch die getrennte Produktion von Futter und Industriestoffen könnte helfen, Sicherheitslücken in der Nahrungsmittelkette zu schließen. Doch jenseits dieser Kontrollaufgaben hat der Skandal noch eine andere Ebene. Neben den kniffeligen Fragen technischer und regulatorischer Natur steht eine grundsätzliche Überlegung im Raum: Wie wollen wir essen?

          Bundesernährungsministerin Ilse Aigner streichelt ein Kälbchen: Wegen des Dioxinskandals ist sie nun angezählt

          So sehr wir uns auch wünschen, dass die Welt da draußen aussehen möge wie in den Bilderbüchern unserer Kindheit - mit Fachwerkidylle hat die Lebensmittelerzeugung wenig zu tun. Mehr denn je ist die Landwirtschaft ein Massengeschäft. Zwar unterscheiden die üppigen EU-Agrarsubventionen, ohne die Europas Landwirtschaft nicht überlebensfähig wäre, die Branche von anderen Wirtschaftszweigen. Doch auch ein Bauernhof ist ein Unternehmen, auch ein Futtermittelproduzent muss auf Kosten, Preise, Gewinne und Effizienz achten. Der Preiskampf verschärft noch die Lage.

          Auch billige Lebensmittel müssen sicher sein

          Lebensmittel sind heute so günstig wie nie zuvor. Noch vor wenigen Jahrzehnten mussten die Deutschen deutlich länger arbeiten, um sich ein Schweineschnitzel leisten zu können. Wenn die Preisschilder an der Kühltheke aber stets noch billigere Angebote versprechen, kann das nicht ohne Folgen bleiben für die Art und Weise, wie Fleisch, Milch und Eier erzeugt werden. Hühnereier werden nicht in Reetdachställen voller Sitzstangen und Strohnester gelegt, sondern in gigantischen Hallen mit Tausenden Tieren. Dass Hennen zusätzliches Fett ins Futter gemischt wird, liegt daran, dass Experten ausgerechnet haben, wie viel Gramm welcher Stoffe ein Hochleistungshuhn fressen muss, um möglichst viele Eier zu legen. Wer heute über Landwirtschaft reden will, muss Worte wie Raffinationsfettsäuren und Risikomanagement kennen.

          Trotzdem darf es nicht darum gehen, die Verbraucher zu beschimpfen, weil sie im Supermarkt zum billigsten Bierschinken greifen. Ihnen darf man nicht leichtfertig die Schuld geben für Skandale wie den Dioxinfall. Denn selbstverständlich müssen auch billige Lebensmittel sicher sein. Dafür hat der Staat mit Gesetzen und Kontrollen zu sorgen. Außerdem ist es eine Errungenschaft, dass Nahrung heutzutage günstig ist, dass auch Menschen, die wenig verdienen, sich Fleisch und Käse leisten können. Für eines aber ist in dem System, das diese niedrigen Preise gewährleistet, kein Platz: für eine Wohlfühl-Tierhaltung aus dem Bilderbuch. Man muss hochgerüstete Mastställe nicht schlimm finden. Aber wenn man sich darüber empört, dass die Landwirtschaft so anders aussieht als in der Kinderbuchabteilung, dann muss man sein Einkaufsverhalten ändern. Denn wir bestimmen an der Ladentheke mit, welche Extras für ein Mastschwein aufgewendet werden.

          Das war sicher kein Geniestreich

          Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner spricht nicht gern über das Für und Wider einer industrialisierten Landwirtschaft. Überhaupt meidet sie eine eindeutige Positionierung zwischen bäuerlicher Landwirtschaft und exportorientierter Agrarindustrie. Genau diese Furcht vor einer eigenständigen Stellungnahme aber mindert ihr politisches Gewicht. Die Quittung dafür bekommt sie jetzt, obwohl ihr im Dioxinskandal keine groben Fehler vorzuwerfen sind.

          Es war zwar nicht geschickt, erst nach zwei Wochen einen Aktionsplan vorzulegen. Und als erste Amtshandlung ausgerechnet die Futtermittelindustrie zum Meinungsaustausch einzuladen, war sicher auch kein Geniestreich. Doch die eigentliche Lebensmittelüberwachung und das akute Krisenmanagement sind in der Tat Ländersache. Dennoch ist die CSU-Frau nun wegen des Dioxinskandals angezählt - und nicht wegen fehlender Antworten auf große agrarpolitische Fragen.

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