https://www.faz.net/-gqe-6z25z

Dioxin : Ein Eier- und Kommunikationsskandal

Aufgeschnittene Eier liegen auf einem Tisch in einem Landwirtschaftsbetrieb. Wie viele mit Dioxin belastete Eier in den Handel gelangten, kann derzeit noch niemand sagen. Bild: dapd

Über viele Wochen sind wohl Zehntausende mit Dioxin belastete Eier in den Handel geraten, ohne dass es auffiel. Das ist beispiellos, die Gründe bleiben unklar. Fest steht: Die Bio-Eier wurden wohl auch verarbeitet.

          Die Ermittlung der Ursache für einen der größten Dioxinskandale seit Jahren ist noch immer nicht gelungen. Als wahrscheinlich gilt, dass der Boden in der betreffenden Freiland-Hühnerhaltung kontaminiert war. Das kann etwa durch Verbrennungen geschehen oder dadurch, dass ein Fass mit Altöl versehentlich umkippt und die Hühner davon fressen. Inspekteure der nordrhein-westfälischen Behörden hatten über die Osterfeiertage den betreffenden Erzeugerbetrieb in Stemwede im Norden des Landes untersucht, der einer der größten Erzeuger von Bio-Eiern mit einer Tagesproduktion von 23.000 Eiern sei. Vermutlich waren in den vergangenen Wochen mehrere zehntausend Bio-Eier mit teils deutlichen Überschreitungen des gesetzlich vorgeschriebenen Höchstwertes des Giftes in den Handel geraten. Damit übertrifft dieser Lebensmittelskandal hinsichtlich der gesundheitlichen Gefährdung der Verbraucher den des vergangenen Jahres um ein Vielfaches.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dass die Quelle des Giftes auf dem Hof, der Freilandeier nach den Kriterien der EU-Bio-Verordnung erzeugt, im Boden zu finden ist, ergibt sich daraus, dass erste Futterproben der Lieferanten keine Auffälligkeiten ergaben. Das teilten die zuständigen Behörden mit. Eine zweite mögliche Ursache, Kontaminierung des Wassers, gilt als unwahrscheinlich, da nach konventionellen Kriterien gehaltene Legehennen auf demselben Hof keine mit Dioxin überlasteten Eier gelegt hatten.

          Die belasteten Eier wurden wahrscheinlich auch industriell verarbeitet - und dürften sich jetzt unter anderem in Bio-Nudeln finden Bilderstrecke

          Das Agrarministerium von Nordrhein-Westfalen erwartet nach Auskunft eines Sprechers vom Dienstag noch im Laufe dieser Woche Ergebnisse der amtlichen Bodenproben wie auch weiterer Futtermittelproben. Der betreffende Erzeuger musste seit Sperrung seines Betriebes, wie das Ministerium bestätigte, mehr als 700.000 Eier vernichten. Bis er beweisen könne, dass die Quelle des dioxinähnlichen Stoffes PCB nicht mehr existiere, werde der Hof geschlossen bleiben, hieß es am Dienstag. Auch blieb unklar, warum es so viele Wochen dauerte, bis die Öffentlichkeit von dem Fall erfuhr. Das Ministerium ermittelt, ob ein privates Labor, das erste Tests unternahm, zu spät informiert habe. Proben der mit dem PCB belasteten Eier waren schon am 15. Februar getestet worden, angeblich teilte das zuständige Labor seinem Auftraggeber, einem Eihändler aus Euskirchen, erst einen Monat später die Ergebnisse mit.

          Derweil waren schlimmstenfalls - genaue Zahlen lassen sich nicht recherchieren, da die Eier wohl verspeist sind - mehrere hunderttausend der Schaleneier in den Handel geraten. Sie seien in großen Supermarktketten in ganz Deutschland verkauft worden, sagte ein Sprecher des Agrarministeriums in Düsseldorf dieser Zeitung. Zudem seien die Eier - entgegen falschen Angaben des Erzeugers aus der vergangenen Woche - auch an die verarbeitende Industrie geliefert worden. Somit gilt als wahrscheinlich, dass sie sich noch in Bio-Nudeln oder -keksen befinden. Die Kommunikation des Skandals verzögerte sich aber noch über den 15. März hinaus. Zehn Tage später informierte der Händler den zuständigen Landkreis, der machte eigene Proben - der Verbraucher erfuhr letztlich erst kurz vor Ostern von der Dioxingefahr. Welcher der Akteure Meldepflichten verletzt hat, ermittelt das Agrarministerium.

          Vor mehr als einem Jahr hatte ein Dioxinskandal viele Wochen die Schlagzeilen beherrscht. Er hatte große wirtschaftliche Auswirkungen, da Hunderte Höfe, die kontaminiertes Futter bezogen hatten, gesperrt wurden. In den Eiern war aber kaum Dioxin angekommen. Weniger als zehn Eier mit leicht überhöhten Werten waren in vielen Stichproben gefunden worden. Die jetzt getesteten Bio-Eier enthielten bis zu zehn Mal so viel Dioxin, das krank machen kann, aber kaum jemand empörte sich, und die meisten Medien berichteten nur in kurzen Meldungen.

          Weitere Themen

          Neue Hoffnung in der Nachspielzeit?

          Klimagipfel in Kattowitz : Neue Hoffnung in der Nachspielzeit?

          In Kattowitz haben die Staatenvertreter in der Nacht und am Samstagvormittag weiter um Einigung in strittigen Punkten gerungen. Das Abschlussplenum wurde mehrfach verschoben. Doch nun gibt es ein positives Signal.

          Wo unsere Smartphones herkommen Video-Seite öffnen

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Darts-WM : Ritter mit Pfeilen

          Der Niederländer Michael van Gerwen hat in den vergangenen Jahren die Dartsszene dominiert. Nun scheint er aber mit dem Denken angefangen zu haben. Das ist ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.