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Zukunft der Software : Deutschlands Weg führt über Open Source

  • -Aktualisiert am

Marianne Janik ist die für Deutschland zuständige Geschäftsführerin des Software-Unternehmens Microsoft. Bild: F.A.Z.

Die häufig aufgemachte Dichotomie „proprietär vs. Open Source“ gibt es nicht mehr. Das muss beherzigen, wer Rückstände aufholen will. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Am 19. April dieses Jahres begannen sich die Rotoren zu drehen und Geschichte zu schreiben. 39,1 Sekunden dauerte der Jungfernflug von „Ingenuity“ – und machte den kleinen Helikopter zum ersten Luftfahrzeug, das einen kontrollierten, angetriebenen Flug auf einem anderen Planeten absolviert. Organisiert wurde die Mission von der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA, unterstützt wurde sie von mehr als 12.000 Entwicklern aus aller Welt: Sie steuerten via Open Source auf GitHub Code für die Software von Ingenuity bei.

          Das Beispiel zeigt eindrucksvoll, welches ungeheure Potential zur Entfaltung kommen kann, wenn unzählige Menschen zusammenarbeiten. Offene Software bedeutet, dass der Quellcode offenliegt und von allen, die sich beteiligen möchten, bearbeitet werden kann. Zugleich ist der Code nicht geschützt – jeder darf ihn verwenden, um damit eigene Lösungen zu entwickeln. Die kreativen und innovativen Kräfte, die daraus erwachsen, sind gewaltig.

          Für Nutzer – ob Unternehmen, Behörden oder Privatpersonen – wird künftig kaum ein Weg mehr an offener Software vorbeiführen. Schon heute nutzen fast alle Open Source, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. 96 Prozent der veröffentlichten Software-Anwendungen beinhalten einen Open-Source-Code, hat das Analysehaus Synopsis ermittelt. In der öffentlichen Debatte, und für den öffentlichen Sektor gilt das ganz besonders, wird dagegen nach wie vor häufig die Dichotomie „proprietär vs. Open Source“ aufgemacht. Dabei gibt es sie in dieser Form gar nicht mehr.

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          Die rasante Ausbreitung von Open Source hat dazu geführt, dass in zahlreichen Anwendungen Code aus verschiedenen Quellen läuft. Eine klare Grenzziehung zwischen offener und kommerzieller Software ist nahezu unmöglich geworden. Technologiekonzerne setzen auf Open Source. Microsoft hat mit GitHub die führende Entwicklerplattform für Open-Source-Software übernommen. Eine unternehmensweit gültige Richtlinie erleichtert es Mitarbeitern, Open Source zu nutzen, Code zu Open-Source-Datenbanken beizusteuern und Open-Source-Software zu veröffentlichen.

          35.000 Microsoft-Mitarbeiter besitzen gegenwärtig GitHub-Accounts und steuern Code zu Open-Source-Projekten bei – die Tektonik der IT-Welt verschiebt sich, Open Source wird künftig nahezu überall sein. „Open Source oder proprietär“ ist keine Entscheidung mehr zwischen der einen oder der anderen Seite, beide bieten vielfältige Optionen. Sich aus diesen clever zu bedienen und sie geschickt zu kombinieren, das ist der Weg, um digitale Rückstände aufzuholen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Warum die Open-Source-Revolution so bedeutend ist, wird sichtbar, wenn man sie in die großen Entwicklungslinien der Informationstechnologie einordnet. Die IT war anfangs von der Hardware geprägt. Erst ab den Achtzigerjahren begann der Aufstieg kommerzieller Software, ab der Jahrtausendwende etablierte sich Open Source als Alternative dazu.

          Aktuell sehen wir in der Cloud, dass Hardware und Software zusammenwachsen – und der Betrieb von Hardware plus Software zum Kern des Geschäfts von IT-Unternehmen wird. In den Cloud-Infrastrukturen der Hyperscaler ist Open Source schon jetzt vielfach der Code der Wahl: Selbst in unserer Azure-Cloud laufen mehr Virtual Machines, die auf dem offenen Linux-Betriebssystem basieren, als auf Windows. Linux ist die am schnellsten wachsende Plattform in Azure. In Bereichen wie Künstlicher Intelligenz, Big Data Analytics oder Quantencomputing ist die Bedeutung von offener Software noch größer.

          Open Source ist das vielleicht mächtigste Kollaborationstool der Welt. Denn im Kern ist es nichts anderes als ein Vehikel für Zusammenarbeit in der Software-Entwicklung. Es kennt keine Unternehmens- und keine Ländergrenzen, sondern schlägt Brücken zu Hunderttausenden Entwicklern rund um den Globus. Wer Software mit Open Source entwickelt, kann den größten verfügbaren Entwicklerpool überhaupt anzapfen und ihren Ideenreichtum für gemeinsame Innovationen nutzen. Das hat gerade angesichts des IT-Fachkräftemangels wesentliche Implikationen für die deutsche und europäische Wirtschaft.

          Eine Fraunhofer-Studie im Auftrag der EU hat ausgerechnet, dass Open Source im Jahr 2018 bis zu 95 Milliarden Euro zur Wirtschaftsleistung der EU beigetragen hat – und fast eine Milliarde Euro an Personalinvestitionen erforderlich gewesen wären, um diese Entwicklungsleistung einzukaufen. Tendenz: weiter stark steigend. Viele Unternehmen in Deutschland setzen schon stark auf Open Source. Für viele unserer Kunden wie die Allianz, Siemens, Daimler oder Bosch spielt das Thema eine immer wichtigere Rolle. An der Open Manufacturing Platform, die Microsoft mit BMW ins Leben gerufen hat, arbeiten Unternehmen aus verschiedenen Branchen mit, denn in Bereichen wie Konnektivität oder Sicherheit haben sie viele identische Anforderungen. Dafür entwickeln sie gemeinsam Lösungen, die sie dann über die Plattform für alle bereitstellen. Das ermöglicht ihnen, einen viel stärkeren Fokus zu richten auf Anwendungen, die einen Wettbewerbsvorteil in ihrer Branche ausmachen. Nach Angaben von McKinsey sind Unternehmen, die Open Source einsetzen, um 30 Prozent innovativer.

          Wie leistungsfähig die Community ist, hat sich auch an der Corona-Warn-App gezeigt. Auch wenn sie politisch umstritten war, ist die auf Open Source basierende Lösung technisch hervorragend. Federführend waren die Telekom und SAP damit beauftragt, Hunderte Entwickler waren daran beteiligt, sie in weniger als 50 Tagen zu programmieren.

          An diesem Beispiel zeigt sich zugleich, dass auch die Rolle der Technologieunternehmen gerade einem erheblichen Wandel unterliegt. Sie sind künftig gefragt, um Open-Source-Entwicklungsprozesse zu moderieren. Sie bauen Brücken zwischen Unternehmern und Entwicklern, bringen die richtigen Communities zusammen, steuern komplexe Entwicklungsprojekte. Beim Thema Compliance zum Beispiel, wenn Software aufwendige rechtliche Anforderungen umsetzen und erfüllen muss, ist hoch spezialisiertes Wissen nötig, das nicht nur Coder braucht, sondern auch Juristen. Ihre Rolle ist es zum Beispiel, sich um den Betrieb von IT-Infrastrukturen zu kümmern und die Verfügbarkeit sicherzustellen. Auch in der Open-Source-Welt werden Unternehmensstrukturen gebraucht, die Vertrauen, Verlässlichkeit und Verantwortung garantieren.

          Es geht bei Open Source also aus Anwendersicht nicht um Entweder-oder-Entscheidungen. Sondern darum, aus der Vielzahl verfügbarer Optionen die optimal passenden Lösungen zu konfigurieren. Darum, die eigene Rolle zu hinterfragen und so zu definieren, dass die Zusammenarbeit mit Unternehmen und Communities die besten Ergebnisse bringt. Die für Open Source namensgebende Offenheit steigert dabei nicht nur das Innovationspotential. Sogenannte Container sorgen dafür, dass Anwendungen leichter in andere Umgebungen umgezogen werden können, etwa zu anderen Cloud-Anbietern. Das senkt Abhängigkeit und schafft Freiheit, die leistungsfähigsten Partner auszuwählen.

          „Werkzeug des Underdogs“

          Deutschland ist dank einer lebendigen Open-Source-Community gut aufgestellt. Die eingangs erwähnte Fraunhofer-Studie stellte fest, dass die europaweit meisten Beiträge aus Deutschland und Großbritannien kamen. Im Bereich Verschlüsselung, einem weiteren bedeutenden Zukunftsthema, kamen entscheidende Impulse aus der deutschen Open-Source-Community.

          Das Magazin Tech Republic hat Open Source einmal als „Werkzeug des Underdogs“ beschrieben, und es ist viel Wahres daran. Mit der Möglichkeit, in kürzester Zeit immense Innovations- und Entwicklerressourcen zu mobilisieren, ist es prädestiniert für die Aufholjagd. Wer an die Spitze kommen will, sollte nicht darauf setzen, alles allein zu machen. Sondern sich öffnen und die Potentiale nutzen, die sich daraus ergeben, mit klugen Köpfen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten zu können.

          Dr. Marianne Janik ist Deutschland-Chefin von Microsoft.

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