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Finanzminister zu Wirecard : Scholz rügt Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsbehörden

  • Aktualisiert am

Olaf Scholz Bild: dpa

Erstmals äußert sich der Bundesfinanzminister zum Wirecard-Skandal – und stellt schärfere Regeln in Aussicht. Er kritisiert nicht nur das Unternehmen.

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          Im Skandal um den Finanzdienstleister Wirecard sieht Bundesfinanzminister Olaf Scholz mögliche Versäumnisse in der Aufsicht über das Unternehmen. „Der Fall Wirecard ist in höchstem Maße besorgniserregend“, sagte der SPD-Politiker.

          Nach der Strafanzeige durch die Aufsichtsbehörde Bafin gegen vier Vorstandsmitglieder sei die Staatsanwaltschaft gefragt, mögliche Manipulationen durch das Unternehmen rückhaltlos aufzuklären. „Kritische Fragen stellen sich auch der Aufsicht über das Unternehmen, insbesondere mit Blick auf die Rechnungslegung und die Bilanzkontrolle“, sagte Scholz. „Hier scheinen Wirtschaftsprüfer wie Aufsichtsbehörden nicht effektiv gewesen zu sein.“

          Scholz nahm auch die seinem Ministerium unterstellte Bafin ins Visier. „Die Bafin hat eigene Fehler bereits eingeräumt, sie müssen schleunigst identifiziert und abgestellt werden“, sagte der Finanzminister, der schärfere Regeln in Aussicht stellte. „Wir müssen schnell klären, wie wir unsere regulatorischen Vorschriften ändern müssen, um auch komplexe Unternehmensgeflechte flächendeckend, zeitnah und schnell überwachen zu können“, sagte Scholz. „Das sind wir Anlegern, Beschäftigten und Investoren schuldig – und dem Finanzplatz Deutschland.“

          Wirecard droht Liquiditätsengpass

          Der Finanzminister nahm damit erstmals ausführlich Stellung zu dem Finanzskandal, der das Unternehmen und die ganze Branche erschüttert. Der Zahlungsdienstleister hat eingeräumt, dass ein in den Büchern geführtes Vermögen von 1,9 Milliarden Euro aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht existiert.

          Der zurückgetretene Firmenchef Markus Braun wurde mittlerweile festgenommen. Die Staatsanwaltschaft München verdächtigt ihn der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation. Die Behörde hatte am Tag zuvor einen Haftbefehl gegen Braun beantragt.

          Der 51 Jahre alte Österreicher hat sich den Angaben zufolge noch am Montagabend den Strafverfolgern gestellt. Er wird nun der Ermittlungsrichterin vorgeführt werden, die über die Haftfortdauer entscheidet.

          Die Staatsanwaltschaft wirft dem Beschuldigten vor, gemeinsam mit weiteren Tätern die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen des Münchner Dax-Konzerns durch vorgetäuschte Einnahmen aus Geschäften mit sogenannten Drittpartnern aufgebläht zu haben, „um so das Unternehmen finanzkräftiger und für Investoren und Kunden attraktiver darzustellen“, hieß es.

          Besonders im Fokus der erst seit wenigen Tagen laufenden Ermittlungen stehen angebliche Bankguthaben auf Treuhandkonten bei zwei philippinischen Banken über mehr als 1,9 Milliarden Euro. Wirecard hatte am Montag mitgeteilt, dass der Milliardenbetrag „mit überwiegender Wahrscheinlichkeit“ nicht existiere. Deswegen prüft der Konzern die nachträgliche Korrektur seiner Bilanzen: „Mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorangegangener Geschäftsjahre können nicht ausgeschlossen werden.“

          Parallel dazu laufen mit den Gläubigerbanken die Verhandlungen über die Verlängerung von Kreditlinien über insgesamt 1,85 Milliarden Euro. Wirecard droht ein Liquiditätsengpass, sollten die Kredite gekündigt werden. An der Börse legte der Aktienkurs von Wirecard am Dienstag zum ersten Mal seit Tagen zu. Er tendierte um mehr als 20 Prozent fester im Tagesverlauf.

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