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Raus aus der Corona-Krise : Wir brauchen einen European Vision Fund

  • -Aktualisiert am

Ab ins All: die europäische Ariane-Rakete Bild: For free use except for advertis

Das Digitale ist nichts, was Ingenieure Schritt für Schritt entwickeln und kontrollieren. Es ist ein radikaler Bruch, folgenreicher als alle technischen Revolutionen der letzten 200 Jahre. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Die Merkel-Regierung hat den Rambo in sich entdeckt. Sie zückt die „Bazooka“, verschießt Konjunkturmilliarden und großkalibrige Förderkredite. Das soll suggerieren: Wir kümmern uns, alles wird wieder wie früher, wir ballern uns den Weg frei – und zwar zurück in die Vergangenheit. Der Europäische Wiederaufbau-Fonds und das deutsche Konjunkturprogramm sind da. Die Lufthansa erhält mehr Geld, als sie selbst an der Börse noch wert ist, Adidas-Aktionäre bekommen durch staatlich verbilligte Milliardenkredite Millionen geschenkt. Sogar deutsche Start-ups und Wagniskapitalgeber drängt es unter den Rettungsschirm.

          Doch unsere Old-Economy-Nostalgie ist ein Verdrängungs-Symptom. Ausgerechnet jetzt, in der Krise, in der die digitale Disruption voll durchschlägt, verdrängen wir die Herausforderungen der Zukunft, vor denen wir stehen. Allenfalls reden wir von der „Digitalisierung“, als wäre sie ein Prozess, den wir endlich mal „anstoßen“ müssen.

          Das ist ein fataler Fehler. Das Digitale ist nichts, was Ingenieure Schritt für Schritt entwickeln und kontrollieren. Es ist ein radikaler Bruch, folgenreicher als alle technischen Revolutionen der letzten 200 Jahre. Video-Konferenzen im Homeoffice, Herzklappen aus dem 3D-Drucker, Social Media und E-Commerce – so sieht heute schon unser digitales Leben aus. Die neunziger Jahre sind vorbei, die gemütliche Deutschland AG kommt nicht mehr zurück.

          Wir dürfen jetzt nicht in die Vergangenheit investieren. Wir müssen die Krise nutzen, um anders aus ihr herauszukommen, als wir hineingeraten sind.

          Mehr „Moonshot“-Projekte

          Wie blicken wir nach vorn, wie investieren wir in die Zukunft? Indem wir Geld in sogenannte Deep-Tech-Forschung stecken, in Künstliche Intelligenz, Bio- und Gesundheitstechnologie. Das hat die deutsche Politik im Konjunkturpaket berücksichtigt.

          Doch es braucht mehr als staatliche Fördergelder nach dem Gießkannen-Prinzip. Wir brauchen keinen Fonds zur Wiederherstellung der Vergangenheit, sondern einen „European Vision Fund„ mit Blick nach vorn. Dieser Fonds sollte in ganz Europa investieren. Es muss sich um einen Staatsfonds handeln, bold im Investment, frei von Fördermittel-Muff. Dafür holt der Fonds führende europäische Wagniskapitalgeber an Bord.

          Nur so gibt es genügend Wagniskapital, um in Unternehmen mit „Moonshot“-Potential zu investieren. Das sind nach einer von Google geprägten Definition Gründungen, die sich auf das Leben von mindestens einer Milliarde Menschen auswirken.

          Ähnlich, wie in der Old Economy die Autohersteller Zulieferer um sich scharten, schaffen solche digitalen Hyperunternehmen ein Ökosystem, das Technologie-Start-ups gedeihen lässt und Talente aus der ganzen Welt anzieht. Das ist das Silicon-Valley-Prinzip.

          In Krisenzeiten schlägt ein European Vision Fund zwei Fliegen mit einer Klappe. Er pusht die Wirtschaft der Zukunft und erwirbt zugleich Firmenanteile besonders günstig, weil in der aktuellen Jahrhundertrezession die Bewertungen aufstrebender Technologie-Unternehmen dramatisch niedriger sind als noch vor wenigen Monaten. Diesen Vorteil muss der Staat jetzt nutzen.

          Unabhängiger von Amerika und China

          Im Moment halten sich die privaten, meist amerikanischen, Wagniskapitalgeber mit Investitionen außerhalb ihres Heimatmarktes stark zurück, also auch in Europa. Das wird sich nicht ändern, wenn ihre im zurückliegenden Boom eingesammelten Mittel in den kommenden Jahren knapper werden – darum wird dieses Geld vorrangig in amerikanische Unternehmen fließen. Das aber bedeutet für uns Europäer: Wir müssen dringend handeln, um „Digital Champions“ zu schaffen.

          Jetzt, in der Krise, ist der richtige Zeitpunkt, um mit staatlichem Wagniskapital das dem Standort Europa entgegengebrachte Misstrauen bei Moonshot-Gründungen zu kompensieren, ja: überzukompensieren.

          Nur so gewinnen wir technologische Autonomie gegenüber China und den Vereinigten Staaten zurück, denn: In Zukunft wollen wir weder beim Ausbau unserer Mobilfunknetze auf China angewiesen sein, noch Google und Apple um ein Betriebssystem-Plätzchen für unsere Corona-Tracing-App bitten müssen.

          Ein European Vision Fund ermöglicht beides: Hohe Frühphasen-Investitionen in Moonshot-Kandidaten, wie sie internationale Wagniskapitalgeber Europa bisher nicht zutrauen einerseits. Und europäische Spätphasen-Finanzierungsrunden, die mit amerikanischen Größenordnungen mithalten können andererseits. Nur so verhindern wir, dass europäische Technologie-Unternehmen von außereuropäischen Tech-Konzernen übernommen werden. Nur so schaffen sie es aus eigener Kraft an die Börse.

          Der Tech-Jargon spricht hier von einem „Arms Race“, einem Rüstungswettlauf. Das klingt kriegerisch, und das ist es auch. Was im 20. Jahrhundert das Wettrüsten war, ist heute der technologische Wettlauf um die Vorherrschaft in Künstlicher Intelligenz. Nur wer über relevante Technologie-Unternehmen verfügt, kann mithalten. Sie sind heute von strategischem, ja geopolitischem Interesse.

          Das unterscheidet sie von Digital-Commerce-Gründungen wie Müsli- und Hundefutter-Start-ups, deren staatliche Förderung wir in Zukunft einstellen. Sie können sich ihr Geld in der Höhle des Löwen oder von anderen „Business Angels“ holen. Systemrelevant sind sie nicht.

          Ein European Vision Fund würde das europäische Tech-Ökosystem erstarken lassen. Europäische Hyperunternehmen entstünden, das Rennen um die SAP-Nachfolge und um die Konkurrenz zu den GAFA-Unternehmen Google, Apple, Facebook und Amazon wäre eröffnet. Wir gewännen die Hoheit über unsere Daten zurück, konsumierten nicht nur, sondern bauten die Zukunft. Europa spürte seine Selbstwirksamkeit, der Tech-Optimismus der Bürger wüchse, ihre Zukunftsängste nähmen ab. Nutzen wir jetzt die Krise. Machen wir uns auf in eine starke europäische Zukunft.

          Andreas Barthelmess ist Ökonom, Start-up-Unternehmer und Gründer des Think Tank 30 Deutschland (Club of Rome). Zuletzt erschien von ihm das Buch „Die große Zerstörung“ im Dudenverlag.

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