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Gegen die Smartphone-Sucht : Voll analog, ey

Vier Stunden pro Tag verbringen wir Deutschen durchschnittlich am Handy. Bild: Picture-Alliance

Die Menschen hängen zu viel am Smartphone. Das wollen findige Unternehmer nun ändern. Womit? Mit guten alten Kartenspielen oder auch – na klar – mit Apps.

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          Mehr als vier Stunden am Tag schauen wir durchschnittlich auf unsere Smartphones, das hat eine Studie der Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik ergeben. Fast drei Viertel dieser Zeit verbringen wir in den sozialen Netzwerken. Kein Wunder: Nie wurde uns die Kommunikation so leicht gemacht wie heute.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Das wäre kein Problem, würden die Geräte vor allem Nutzen stiften. Daran kann man aber durchaus seine Zweifel haben: Vor kurzem veröffentlichten Forscher des King’s College in London eine Untersuchung: 23 Prozent der Nutzer bis 25 Jahre nutzen ihr Handy demnach auf problematische Weise. Das bedeutet: Das Smartphone hat negative Auswirkungen für die mentale Gesundheit.

          Depressionen, Stress und eine schlechte Schlafqualität gehören ebenso dazu wie Einsamkeitsgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl. Ausgerechnet die sozialen Netzwerke kommen als Verursacher für diese Krankheitsbilder in Frage. Durch die ständige Erreichbarkeit entsteht Stress. Der permanente Vergleich mit den Fotos, Likes und Kommentaren anderer Nutzer, so oberflächlich sie auch sein mögen, kann dem Selbstwertgefühl schaden.

          Handy statt Gespräch

          Wo früher Gespräche stattfanden, wird heute das Handy gezückt: Wohin muss ich fahren? Google weiß es. Welches Restaurant wird empfohlen? Trip Advisor hat einen Tipp. Was tun gegen Langeweile? Auf Twitter ist immer was los. Der Mensch, das soziale Wesen, wird zum Smombie – einem Smartphone-Zombie.

          Bei so viel Konzentration auf das digitale Geschäft lässt die Gegenbewegung nicht lange auf sich warten. Das niederländische Start-up Vertellis ist da ganz vorne mit dabei. „Echte Verbindungen in unserer digitalen Welt“, lautet der Werbespruch, der bis vor einigen Jahren noch niemanden in Verzückung versetzt hätte. Vertellis vertreibt ein Kartenspiel, das es in unterschiedlichen Varianten für Freunde, Paare und Familien gibt. Auf jeder Karte steht eine zunächst banal erscheinende Frage, zum Beispiel: Was war für dich dieses Jahr besonders wichtig? Auf welche Errungenschaft bist du besonders stolz? Welche positiven Gewohnheiten habt ihr als Familie? Ähnliche Spiele vertreiben auch die Hersteller Talk Box und Identity.

          Keine Spur von sozialer Verarmung

          „Es ist ein Spiel, bei dem man Punkte gewinnen kann, aber es geht vor allem um die tiefe Konversation“, erklärt Bart Kloosterhuis, der das Spiel miterfunden hat. „Wir fühlen uns in der digitalen Welt oft einsam und leiden unter Ängsten und Stress.“ Die Karten von Vertellis sollen die zwischenmenschliche Kommunikation wieder in die analoge Welt zurückholen. An der Entwicklung der Gesprächskarten sind deshalb Psychologen beteiligt. Co-Gründer Kloosterhuis war Karriere- und Lebenstrainer, bevor er auf die Idee zu Vertellis kam. Entstanden ist sie vor vier Jahren in seinem Freundeskreis. Handgeschriebene Fragen auf Karten sorgten für einen kurzweiligen Abend, die Idee war geboren. Inzwischen haben die Niederländer eine halbe Million Spiele verkauft.

          Aber sind Karten wirklich notwendig, um eine Unterhaltung mit seinen Liebsten zu führen? Sollte das nicht selbstverständlich sein? Wozu hat man sonst Freunde? Kloosterhuis erwidert: „Ich glaube, heutzutage gibt es zwar mehr soziale Bande, aber ihre Qualität ist schlechter, oberflächlicher geworden.“ Man könne zwar durch das Internet mit Menschen auf der ganzen Welt befreundet sein, aber für die Qualitätsmomente von Angesicht zu Angesicht müsse man arbeiten.

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