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Foto: Microsoft

Die Zukunft der Arbeit

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Werden uns die Roboter erst nur die lästigen, öden und dreckigen Arbeiten abnehmen – und dann auch noch unsere Jobs?

15.11.2018
Text: RALPH BOLLMANN

Und wenn, wer ist dann wohl gefährdeter, der Lagerist oder der Röntgenspezialist, der Anwalt oder der Barkeeper? Oder gibt es am Ende sogar mehr Beschäftigte? Vielleicht sogar unter besseren Bedingungen? Und stellt sich bald die Frage: Warum soll überhaupt noch gearbeitet werden?

Schon dreimal hat er hier einen Workshop mitgemacht, erzählt Zack ganz begeistert, ein aufgeweckter kleiner Junge mit Rollstuhl. „Ich glaub’, das war Mittelalter“, berichtet er von seinen jüngsten Programmiererfahrungen, „wir haben ein mittelalterliches Reich gebaut.“ Er wirkt dabei nicht, als ob er schon an seiner späteren Karriere bastelt. Es macht ihm einfach nur Spaß. Seine Mutter, die zur internationalen Community in der Finanzmetropole Frankfurt gehört, denkt da schon weiter. Sie mokiert sich über deutsche Lehrer und Schüler, die Technologie vor allem als Gefahr für die Kleinen sehen und gar nicht merken, welche Möglichkeiten sie ihnen verbauen. Als Konsumenten machen die Kinder sowieso von Smartphone & Co. Gebrauch, das kann auch ein noch so analoger Unterricht nicht verhindern. Den aktiven Umgang damit können sie aber nur im Unterricht lernen.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Deshalb soll die Digitalwerkstatt hier im Frankfurter Nordend leisten, was in den Schulen nicht stattfindet. Rund 250 Euro zahlen die Eltern für einen dreitägigen Workshop. Deshalb kommen die meisten der sechs- bis zwölfjährigen Teilnehmer aus finanziell besser gestellten Familien, viele besuchen Privatschulen.

Die Eltern investieren das Geld, weil sie Studien über die Zukunft des Jobmarkts kennen. Sie wissen, dass die Digitalisierung das Arbeitsleben umpflügen wird. Und sie wollen, dass ihre Kinder dabei auf der Gewinnerseite stehen, auf der Seite derjenigen, die selbst die Computer und Roboter steuern, dass sie nicht das Schicksal erleiden, von Maschinen gesteuert zu werden. Es ist erst fünf Jahre her, dass zwei Wirtschaftswissenschaftler aus Oxford eine Schocknachricht verbreiteten. Stolze 47 Prozent der Arbeitsplätze, so hatten es Carl Benedikt Frey und Michael Osborne ausgerechnet, seien in den Vereinigten Staaten durch die Digitalisierung bedroht.


Die Forscher sprechen neuerdings von einer „Polarisierung des Arbeitsmarkts“. Niedrige und Topqualifikationen sind gefragt. In der Mitte gibt es Probleme.
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Computer und Roboter, so Frey, könnten uns Menschen „immer mehr Aufgaben abnehmen, die für uns gefährlich oder anstrengend sind oder zu denen wir einfach keine Lust haben“. Das bedeutete aus seiner Sicht aber auch: Die Arbeitskräfte, die solche Tätigkeiten erledigen, werden in Zukunft nicht mehr gebraucht. Das autonome Fahren werde beispielsweise die Trucker überflüssig machen, die heute noch schwere Lastwagen über die Autobahn steuern. Aber auch Büro- oder Anwaltsgehilfen könnten wegfallen.

Umgekehrt sagten die beiden Forscher der englischen Eliteuni ein Anwachsen der anspruchsvolleren Jobs voraus. „Die aktuelle Entwicklung erhöht eher die Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit“, sagte Frey. Das sei völlig anders als bei der ersten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert: Sie habe spezialisierte und relativ hoch bezahlte Handwerker durch Fließbandarbeit ersetzt, die mehr Arbeiter, aber weniger Qualifikationen erforderte. Inzwischen zeichnet sich jedoch ab, dass die Theorie vom Wegfall der einfachen Tätigkeiten nicht stimmt. Forscher der OECD, in der sich die hoch entwickelten demokratischen Marktwirtschaften zusammengeschlossen haben, sprechen neuerdings von einer „Polarisierung des Arbeitsmarkts“. Es gebe sowohl im niedrig qualifizierten als auch im hochqualifizierten Bereich mehr Jobs. In Deutschland stieg die Beschäftigung während der zurückliegenden zwei Jahrzehnte in beiden Segmenten um 3,4 beziehungsweise 4,7 Prozent, während die Zahl der Arbeitsplätze mit mittlerem Qualifikationsprofil zurückging.

Betrachtet man nur die letzten zehn Jahre, fällt die Statistik sogar noch beeindruckender aus. Damals ließ die Bundesrepublik die wirtschaftliche Schwächephase hinter sich, die von der Wiedervereinigung verursacht wurde und das Land zum „kranken Mann Europas“ machte. Seitdem herrscht Hochkonjunktur, die Zahl der Beschäftigten wuchs um rund drei Millionen. Das Erstaunlichste daran ist: Mindestens eine Million dieser Jobs ist im gering qualifizierten Bereich entstanden.

Fast wie zu Hause: In Cworking-Räumen fühlt sich nichts an wie im traditionellen Büro Foto: Wework



Arbeitsmarktforscher reiben sich die Augen und wollen kaum glauben, was hier geschieht. Manche scheuen sich sogar noch, ganz offen darüber zu reden. Denn der neue Trend, sollte er sich verfestigen, hat gravierende Auswirkungen auf ganz viele Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft. Er würde die Politik, so wie sie in ganz vielen Bereichen bisher betrieben wurde, geradezu revolutionieren.

Zum Beispiel bei der Einwanderung. In diesem Herbst bastelt die Bundesregierung gerade an einem Gesetz, das Fachkräfte nach Deutschland holen soll. So steht es im Koalitionsvertrag: „Fachkräfte“. Bei dem Stichwort dachte man lange Zeit an Computerfachleute aus Indien, die exzellente Hochschulen besucht haben und mit ihren Programmierkenntnissen wahre Zauberdinge vollbringen. Längst geht es mindestens genauso sehr um ausgebildete Fachkräfte für die Altenpflege, um Fliesenleger oder Lokführer. In allen diesen Bereichen suchen die Arbeitgeber händeringend nach Beschäftigten. Inzwischen erstreckt sich die Suche aber auch auf Jobs, für die zwar Fertigkeiten wie Durchhaltevermögen oder Kommunikationstalent vonnöten sind, aber keine formale Ausbildung – zum Beispiel Hilfsarbeiter auf dem Bau und in der Landwirtschaft oder Kellner in der Gastronomie. Dieses Frühjahr vergammelte zum Beispiel ein beträchtlicher Teil des deutschen Spargels auf den Feldern, weil sich keine Erntehelfer mehr fanden.

Wer mit offenen Augen durch deutsche Städte geht, kann das Phänomen überall besichtigen. Selbst in Berlin, das bis vor kurzem als Hartz-IV-Hauptstadt galt, werben Putzfirmen mit Plakaten in der U-Bahn um Arbeitskräfte. Viele Unternehmen zahlen inzwischen 14 bis 15 Euro pro Stunde, weit über Mindestlohn, weil sie sonst keine Arbeitskräfte finden. Die Auftraggeber, ob Privathaushalte oder Betriebe, merken es an kurzfristigen Preissteigerungen von bis zu 20 Prozent. Sie akzeptieren es, weil sie froh sind, dass überhaupt jemand die Kloschüsseln reinigt und den verschimmelten Kaffeesatz aus der Espressomaschine klaubt.

Die letzte Konsequenz, gezielt Geringqualifizierte anzuwerben, scheuen Politiker und Experten freilich noch. Es schrecken die Erfahrungen aus der Wirtschaftswunderzeit, als man bewusst „Gastarbeiter“ ohne Berufsausbildung ins Land holte, um den Arbeitskräftebedarf zu decken und zugleich den einheimischen Facharbeitern keine Konkurrenz zu machen. Wenig später geriet die Schwerindustrie in die Krise, viele dieser dreckigen Jobs fielen weg, die Arbeitslosigkeit stieg bei den Einwanderern besonders krass an.

Fachleute fürchten, dass so etwas wieder passieren kann. Gespaltener Arbeitsmarkt hin oder her, in der nächsten Rezession könnten Geringqualifizierte als Erste ihren Job verlieren. Die Angst vor politischen Konsequenzen kommt erschwerend hinzu. Seit die AfD und neuerdings auch Teile der Linkspartei gegen „Lohndumping“ durch Eingewanderte polemisieren, fließen ihnen die Wählerstimmen der einheimischen Geringqualifizierten zu. Dabei bleibt die Angst vor einer schnellen Flaute bei den Servicejobs vermutlich unbegründet. Studien aus dem Silicon Valley zeigen, dass dort auf einen hochbezahlten Arbeitsplatz bei Google oder Facebook fünf neue Beschäftigungsverhältnisse im Dienstleistungsbereich entstehen. Irgendjemand muss ja schließlich dem digitalen Personal ganz analog die Wohnung putzen, das Essen servieren oder den Coffee to go in den Becher füllen.

Noch ein sehr seltenes Bild: Roboter bringen Waren zum Kunden Foto: Starship

Viele dieser Beschäftigungen, mit denen die Menschen in der Digitalgesellschaft ihr Geld verdienen, sind also gar nicht neu. Es handelt sich bloß um Tätigkeiten, die früher gar nicht gegen Geld verrichtet wurden – zu Zeiten, als im Zweifel die Frau daheim die Stullen schmierte, die der Mann dann ins Büro mitnahm. So treibt die steigende Erwerbsquote der Frauen das Wachstum der Volkswirtschaften voran: Sie steigert Nachfrage und Angebot auf dem Arbeitsmarkt zugleich. Kritiker bemängeln, dass derlei Professionalisierung von Jobs, die bislang in keine Statistik Eingang fanden, nur statistisch den gesellschaftlichen Wohlstand steigere. In Wahrheit verbesserten sich weder Lebensqualität noch gesellschaftliche Produktivität, im Zweifel steige nur der Stresspegel für die Betroffenen.

Die Argumentation lässt freilich die gesellschaftliche Anerkennung außer Acht, die sich mit Erwerbsarbeit verbindet, und die Neuverteilung der Rollen zum Beispiel zwischen den Geschlechtern: Es ist jetzt eben auch der männliche Student, der im Coffeeshop jenen Latte Macchiato mixt, den sich die IT-Fachfrau dann ins Büro mitnimmt – wenn nicht in der hippen Start-up-Welt wiederum so viele Jungs das Sagen hätten.

Jungs zum Beispiel wie Frederik Brantner. Der Betriebswirt hat noch als Masterstudent in München ein Start-up gegründet, das Roboter für die Lagerlogistik entwickelt. Vor ein paar Jahren noch hatte er sich mit ein paar Kollegen in einem Coworking-Space eingemietet. „Friendsfactory“ hieß das Haus, und so sah es dort auch aus: Wenn man Brantner traf, um über die künftige Arbeitswelt zu reden, saß er im großen Gemeinschaftsraum am Tisch, als würde er es sich gerade in der WG-Küche bequem machen.

Brantners Firma Magazino ist gleich in doppelter Hinsicht interessant, wenn man schon heute mal nachschauen will, wie wir morgen und übermorgen arbeiten werden. Zum einen erprobt er im Betrieb neue Arbeitsformen, das wird später noch eine Rolle spielen. Zum anderen prägt sein Produkt die Arbeitswelt in vielen anderen Firmen. Denn wo seine Roboter im Lager zum Einsatz kommen, um Produkte an den richtigen Platz zu bringen oder von dort wieder abzuholen, weil ein Kunde sie bestellt hat: Dort werden Angestellte aus Fleisch und Blut womöglich nicht mehr gebraucht.

Das sind erst mal keine schlechten Aussichten. Wie es die Gewerkschaften schildern, macht das Arbeiten bei Versandhändlern wie Amazon nicht viel Freude. Für den Job gibt es wenig Geld, er langweilt und stresst zugleich, den ganzen Tag rennen die Leute in öden Wellblechhallen herum. Im Prinzip klingt es gut, wenn solche Arbeitsplätze dank Computern und Robotern wegfallen. Erst recht in einer Zeit, in der es sowieso mehr Arbeit gibt als Menschen, die sie erledigen könnten. Viele hatten sich das bereits sehr schön ausgemalt, in den fernen 1980er Jahren, als sich schon mal eine Debatte über die Folgen von Automatisierung entspann. Irgendwann, so dachte man damals, würden alle öden, schmutzigen oder sonstwie unangenehmen Jobs durch Maschinen erledigt. Die Menschen könnten dann allesamt kreativ sein, müssten nur noch wenige Stunden pro Woche arbeiten und bekämen dafür das gleiche Geld.

So argumentierte damals zum Beispiel die IG Metall, die 1990 am Ende einer spektakulären Tarifrunde in der Göppinger Stadthalle den Arbeitgebern die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich abtrotzte. Bei Metallbetrieben handelte es sich freilich um eine Branche, die standardisierte Produkte mit hohem Automatisierungsgrad herstellte oder im Export gutes Geld verdiente.

Viele öde Arbeiten für den Menschen fallen hier weg, aber ganz ohne Lageristen geht es auch nicht Foto: ITG

Das lässt sich beileibe nicht auf alle Wirtschaftszweige übertragen, und die neuen Trends der digitalen Welt machen manche Rationalisierungsgewinne sogar zunichte. Das liegt daran, dass sich das Konsumverhalten zunehmend individualisiert. Der Verbraucher darf sich das Produkt am heimischen Rechner so konfigurieren, wie er es gern haben möchte. Wenn es dann zum Beispiel aus dem 3D-Drucker kommt, kostet das Gerät keine Jobs. Es schultert bloß den Mehraufwand, den es ohne Digitalisierung gar nicht gäbe.

Der Roboterbauer Brantner erklärt das an einem anderen Beispiel. Im Handel mit Schuhen war die Lagerlogistik früher ziemlich einfach. Einmal im Quartal bekamen die Schuhgeschäfte einen standardisierten Mix sowohl an Modellen als auch an deutschlandtypischen Größen geliefert. Das entsprach der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, wie sich die alte Bundesrepublik gern sah. Dafür brauchte bloß der Gabelstapler eine Europalette aus dem Regal zu ziehen, und schon waren Dutzende neuer Schuhe unters Volk gebracht.

So einfach ist es heute nicht mehr. Schuhe kaufen viele Leute inzwischen nicht mehr in altmodischen Ladenketten, die auf Namen hören wie Leiser oder Stiller. Sie bestellen zum Beispiel beim Online-Marktführer Zalando. Anders als im Fachgeschäft begnügen sie sich aber nicht mit den Modellen, die in der Auslage gerade verfügbar sind. Sie erwarten, dass sie jeden beliebigen Schuh sofort bekommen, von heute auf morgen. Und natürlich bestellen sie mindestens zwei Größen zum Probieren, und mindestens eines der Paare schicken sie hinterher wieder zurück, im Zweifel auch beide.

Brantners Roboter übernehmen also nur einen Teil des Mehraufwands, der in den Warenlagern durch die neue Konsumwelt entsteht. Komplett ersetzen können sie die Beschäftigten nicht, zumindest nicht zu vertretbaren Kosten und angesichts des Umstands, dass sich die Welt des Versandhandels rasend schnell wandelt: Fest installierte Anlagen wie etwa Laufbänder würden sich gar nicht rechnen für Dienstleister, deren Verträge mit den großen Online-Händlern maximal fünf Jahre laufen.

„Es gibt noch nicht den ultimativen Roboter, der alles ersetzen kann“, sagt Brantner deshalb. „Das menschenleere Lager wird es nicht geben.“ Der Automat besetzt bestimmte Nischen, und er ersetzt Arbeitskräfte, die es zurzeit ohnehin nicht gibt. Selbst aus Polen kommt inzwischen der erste Auftrag für Magazino, weil auch dort das Personal knapp wird.


Vermutlich muss sich der Malocher im Amazon-Lager weniger Sorgen machen als der Kardiologe, der Röntgenbilder analysiert, denn das kann der Computer besser.
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Vermutlich muss sich der Malocher im Lager von Amazon deshalb weniger um seinen Arbeitsplatz fürchten als zum Beispiel Brantners Bruder, der als Kardiologe arbeitet. Bislang brauchte es Herzspezialisten mit langjähriger Berufserfahrung, die auf schwiemeligen Ultraschallbildern oder verwirrenden CTs krankhafte Veränderungen erkennen konnten. Künftig erledigen das Computerprogramme vermutlich schneller, billiger und vor allem viel zuverlässiger. Arbeit gibt es dann noch für Programmierer und Krankenpfleger.

Wie das Leben der hochqualifizierten Wissensarbeiter dann aussieht, das ist freilich eine andere Frage. Auch damit hat Brantner seine Erfahrungen gemacht. Vor ein paar Jahren, im behaglichen Wohnzimmer der Friendsfactory, hat er noch die Verschmelzung von Leben und Arbeit gefeiert. Natürlich würden seine Leute auch mal die Nächte durcharbeiten, sagte er da, auch Praktikanten frisch von der Uni, die 600 bis 1000 Euro pro Monat bekamen und zeitweise die Hälfte der Belegschaft ausmachten.

„Ich hab’ so Spaß bei dem, was ich mache“, sagte Brantner damals. „Unsere Leute sind alle intrinsisch motiviert. Wenn ich denen eine Prämie zahlen würde, wären sie beleidigt.“ Lieber lobte er seine Mitarbeiter auf Facebook. „Verdammt stolz auf das Magazino Team“, schrieb er, „zwei Nächte, und ein kompletter Kommissionierautomat steht.“ Nur so könne ein Start-up funktionieren. Inzwischen hat sich einiges geändert. Das Unternehmen zählt heute mehr als hundert Mitarbeiter, es hat seine eigenen Büros im Münchener Westen bezogen. Und bei den Mitarbeitern pendeln sich längst Routinen ein: Spätestens gegen zehn sind die meisten in der Firma, nach sechs Uhr abends sind nicht mehr viele Leute anzutreffen. Theoretisch dürften die meisten auch zu Hause arbeiten, praktisch tun sie das nur, wenn es dafür einen bestimmten Grund gibt wie kranke Kinder oder Handwerker im Haus.

Die neue Arbeitswelt hat sich also der alten stark angeglichen. Nur wenige Besonderheiten gibt es noch, zum Beispiel das Mittagessen. Zu den mehr als hundert Angestellten zählt längst auch eine Köchin. Punkt zwölf steht das Essen auf dem Tisch. Einmal am Tag können sämtliche Mitarbeiter also gar nicht anders, als sich an einem Ort zu treffen und zu kommunizieren. Das Essen, sagt Brantner, habe sich bei Befragungen als der wichtigste Faktor für die Zufriedenheit der Beschäftigten herausgestellt. Andererseits: So viel anders als in der Kantine alten Stils ist das nun wieder nicht, auch ohne Currywurst und Pommes.


Jeder kommt, wann und solange er will, und ob man vom Café oder von zu Hause arbeitet, ist auch egal – das klappt tatsächlich schon.
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Um wirklich zu sehen, was in der Arbeitswelt der Zukunft grundlegend anders sein könnte als in der Vergangenheit: Dafür muss man vielleicht zu einem Unternehmen, das zu den Giganten der Branche zählt und so etwas wie das Traditionsunternehmen unter IT-Firmen ist. Microsoft hat vor ein paar Jahren im Münchener Norden seine neue Deutschlandzentrale bezogen. Die Firmenchefs haben sie von Anfang an als ein Architektur gewordenes Modell künftiger Arbeitswelten konzipiert.

Feste Arbeitsplätze gibt es in dem Gebäude längst nicht mehr. Was sich früher mal ganz altmodisch Büro nannte, heißt jetzt „Smart Workspace“. Er unterteilt sich in vier verschiedene Komfortzonen. Für „hochkonzentriertes Alleinarbeiten“ gibt es den „Think Space“, für „kreativen Austausch“ den „Share & Discuss Space“. Der „abstimmungsintensiven Zusammenarbeit im Team“ dient der „Converce Space“, und als „Klassiker“ steht weiterhin der „Accomplish Space“ zur Verfügung: Schreibtische, die tatsächlich so aussehen, wie man sich Schreibtische vorstellt. „Traditionelle Bürokonzepte passen nicht mehr in eine Arbeitswelt, in der alles im Fluss ist“, heißt es in München.

Lästermäuler könnten behaupten, dass die „Spaces“ früher einfach nur banalere Namen trugen, „Großraumbüro“ zum Beispiel, „Konferenzraum“ oder „Cafeteria“. Am Ende sammelt sich jedes Team dann wieder in einer eigenen „anchor area“, wo man sicher sein kann, die engeren Kollegen auch tatsächlich anzutreffen. Und die offenen Bereiche, hat man bei Microsoft festgestellt, werden am Ende doch nicht so stark genutzt wie ursprünglich gedacht. Ein Glück, dass das Gebäude hoch flexibel ist und sich die Zonengrenzen jederzeit verschieben lassen.

Aber ganz so wie früher ist es am Ende doch nicht. Auch weil es jenseits der räumlichen Verhältnisse noch ein paar Dinge gibt, die sehr anders sind als in der Bürokultur des 20. Jahrhunderts. Das gilt vor allem für die Arbeitszeit. Seit vielen Jahren schon beruht das Jobmodell bei Microsoft auf Vertrauensarbeitszeit, die Mitarbeiter dürfen arbeiten, wann sie wollen, gerne auch von zu Hause oder von unterwegs im Café. Für Frischluft sorgen immerhin elf Dachterrassen. Darauf, dass alle Beschäftigten gleichzeitig kommen, sind die Raumkapazitäten gar nicht ausgelegt.

State of the art: Moderne Kuka-Roboter setzen einen Passat zusammen Foto: dpa



Flexible Arbeitszeiten sind bei Microsoft schon deshalb nötig, weil die Firmenzentrale im Bundesstaat Washington nahe der amerikanischen Westküste sitzt, wo die Uhren der Münchener Zeit um satte neun Stunden hinterhergehen. Würden die Leute an allen Standorten im Nine-to-Five-Job arbeiten, wäre mündliche Kommunikation praktisch unmöglich: Wenn der Münchener Software-Fachmann um 17 Uhr das Büro verließe, würde die Kollegin in Redmond gemächlich ihre Cornflakes löffeln, in dem Bewusstsein, dass bis Arbeitsbeginn immer noch eine Stunde bleibt. So bleibt also gar nichts anderes, als auch abends mal eine Konferenz anzuberaumen – natürlich nicht über ein altmodisches Festnetztelefon, das es auch in der Firma längst nicht mehr gibt. „Die Telefonanlage ersetzen wir durch Skype for Business und machen die Vernetzung von Teams via Yammer möglich“, frohlocken die Leute von Microsoft. „In der neuen Unternehmenszentrale in München-Schwabing realisieren wir unsere Vision vom Büro der Zukunft.“

Der Gefahr, dass sich die allzeit flexiblen Mitarbeiter eher über- als unterfordern, ist sich der Konzern bewusst. Für das Thema gebe es eine „große Sensibilität“, heißt es, und entsprechende Programme. Aber auch: „Jeder Einzelne ist in der Pflicht.“

Dass der Digitalgesellschaft die Arbeit ausgeht, wie es die Oxford-Ökonomen Frey und Osborne vor fünf Jahren prophezeiten, das glaubt heute jedenfalls nur eine Minderheit der Forscher. Die Frage ist eher, so die allgemeine Auffassung, wie sich das Volumen tatsächlich auf die unterschiedlichen Qualifikationsstufen verteilen wird und ob die real existierenden Menschen mitkommen beim Tempo der virtuellen Veränderung und den daraus resultierenden Konsequenzen für Arbeit und Leben. Und was der 50-jährige Sparkassenangestellte, den im Zeitalter der Banking-App kein Kunde mehr braucht, stattdessen macht. Das schafft Ängste, die sich derzeit auch in politischen Eruptionen zeigen.

Bedrohte Berufe

Wann immer über die Zukunft der Arbeit diskutiert wird, wird eine Zahl genannt: 47 Prozent. So viele Berufe sind nach Ansicht der vielzitierten Studie „The Future of Employment“ der Universität Oxford aus dem Jahr 2013 von der Digitalisierung bedroht. Aber wie kam diese Zahl zustande? Der Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne hatten, gemeinsam mit zehn Kollegen, eine Liste von 70 Berufen untersucht und bewertet, wie groß jeweils der Anteil der Arbeit ist, der schwer zu automatisierende menschliche Fähigkeiten erfordert – zum Beispiel soziale Intelligenz, Kreativität und Überredungskunst. Die Ergebnisse rechneten sie auf alle 702 Berufe hoch, irgendwo zogen sie eine rote Linie: Die Jobs ab einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent wurden als „stark gefährdet“ eingestuft. Es handelt sich also, wie die Studie selbst einräumt, um eine „subjektive Einschätzung“. Was dabei herausgekommen ist, sehen Sie hier: Wir haben 50 Berufe ausgewählt, angeordnet nach der Wahrscheinlichkeit, dass sie Opfer der Computerisierung werden.

Insgesamt deutet jedoch vieles darauf hin, dass sich die Leute auch auf längere Sicht um Jobs nicht zu sorgen brauchen, auch wenn es andere sind als heute. Und dass der demographische Wandel die Lage zusätzlich entspannt, vor allem für die Jüngeren. Die Kinder aus der Frankfurter Digitalwerkstatt werden vermutlich ihren Weg in die neue Arbeitswelt finden. Ihre Eltern könnten derweil tun, was Eltern viel zu selten machen, wenn es um die Karrierechancen für die Nachwuchs geht: Sie könnten sich auch mal entspannen.  








Nach der Arbeit

Wir müssten heute viel weniger arbeiten. Warum tun wir es nicht?

08.11.2018
Text: HARALD STAUN

Wie weit sie einmal gehen würden, war nicht annähernd vorstellbar, als vor etwa zweihundert Jahren die Maschinen begannen, den Menschen im großen Stil die Arbeit wegzunehmen. Kaum jemand hätte für möglich gehalten, dass die Nachfahren der mechanischen Webstühle einmal in der Lage sein würden, Aktien zu handeln, Flugzeuge zu fliegen und Herzpatienten zu operieren. Inzwischen nehmen Maschinen den Menschen nicht nur jene Tätigkeiten ab, die besonders schweißtreibend, monoton oder ungesund waren, sondern zeigen auch in vielen kritischen Bereichen, dass sie sicherer und zuverlässiger funktionieren als der Mensch. Und trotzdem verbreiten Maschinen seit zweihundert Jahren vor allem Angst. Noch immer herrscht eine allgemeine Skepsis, die ihren Namen jener legendären Protestbewegung verdankt, die zu Beginn der Industrialisierung aus Wut über die schlechten Arbeitsbedingungen Fabriken zerstörte: Der Luddismus lebt.

In der Debatte um die spektakulären Zahlen ging nicht nur unter, dass es sich bei der Studie eher um eine subjektive Bewertung als um eine empirische Analyse handelte. Noch leiser als die Kritik an den Methoden der Forscher blieb seltsamerweise der Jubel über die Prognose: Dass schon in einem guten Jahrzehnt niemand mehr im Telefonmarketing, an der Kasse, als Datenerfasser – oder überhaupt arbeiten müsse, schien kaum jemand als Versprechen zu begreifen. Die Automatisierung ist heute weiter, als man je träumen konnte; die Vorstellung von einem Leben ohne Arbeit aber ist für die meisten so fern wie eh und je.

Auch vor fünf Jahren etwa, als der Ökonom Carl Benedikt Frey und der Informatiker Michael Osborne von der Universität Oxford ihre Thesen zur Zukunft der Arbeit veröffentlichen, war der Aufschrei groß (siehe auch Seite 137): In den Vereinigten Staaten, prognostizierten die Wissenschaftler, könnte schon bis zum Jahr 2030 rund jeder zweite Job durch Automatisierung wegfallen.

Kinder in der Digitalwerkstatt: Sie haben gute Berufsaussichten: Wenn sie die richtige Ausbildung bekommen. Foto: Alex Schelbert

Das war nicht immer so: Im Jahr 2030, so hatte es sich etwa der britische Ökonom John Maynard Keynes im Jahr 1930 ausgemalt, würden dank der Automatisierung nicht nur sämtliche existentiellen Nöte verschwunden sein; in der Welt seiner Enkel wäre auch der Lebensstandard um das Achtfache gestiegen. Die Menschen, zumindest die in den Industrienationen, müssten daher, um all ihre Wünsche zu befriedigen, nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten. Tatsächlich sank die Arbeitszeit vor allem nur zum Anfang des 20. Jahrhunderts radikal (in Deutschland von 82 Stunden im Jahr 1825 auf 42 Stunden 1932), danach aber, um es mit den Worten von Rudi Dutschke zu sagen, nur um „lumpige vier bis fünf Stunden pro Woche“. In Abwandlung eines beliebten Zitats von Slavoj Žižek könnte man sagen: „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als ein Ende der Arbeit.“

Warum Keynes’ Prognose so fundamental danebenlag, dazu gibt es viele Erklärungen: Eine beliebte These besagt, Keynes habe unterschätzt, wie gerne die Menschen arbeiten; die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und die Suche nach gesellschaftlicher Anerkennung, nicht die ökonomische Notwendigkeit, sei der wahre Antrieb für die zentrale Rolle der Arbeit. Seine Existenz über seinen Beruf zu definieren ist allerdings ein Phänomen, das mit dem Beginn der Industrialisierung erst aufkam. Als Jäger und Sammler arbeiteten die Menschen zwei bis drei Stunden pro Tag, selbst die Bauern im Mittelalter hatten mehr Freizeit als die Angestellten von heute. Plausibler ist daher die Begründung, dass die meisten Arbeitenden kaum von der gesteigerten Produktivität profitieren: In den Vereinigten Staaten etwa ist der Stundenlohn bei unteren und mittleren Einkommen seit Jahrzehnten – je nach Studie – gar nicht oder nur gering gestiegen. Die meisten können es sich einfach nicht leisten, weniger zu arbeiten.

Aber wie machen sie das eigentlich? Dass trotz der kräftigen Unterstützung der Maschinen überhaupt noch genug Arbeit da ist, versteht sich schließlich nicht von selbst. Obwohl die Jobs in der Produktion kontinuierlich wegfallen, sind die Arbeitslosenzahlen weltweit stabil oder rückläufig. Am meisten neue Stellen entstehen bekanntlich im Dienstleistungssektor. Um welche Jobs es sich dabei genau handelt, hat der Anarchist und Anthropologe David Graeber in einem gerade auch auf Deutsch erschienenen Buch untersucht: Laut Graeber verdankt sich dieses Wachstum weniger der wundersamen Vermehrung von Friseuren oder Pizzalieferanten, sondern der Entstehung ganz neuer Branchen und Berufsbilder, vor allem in Bereichen wie Verwaltung, Personalwesen oder Werbung. „Bullshit-Jobs“ nennt Graeber diese Jobs, Jobs, die selbst jenen, die sie ausüben, unnötig vorkommen: „Es ist, als würde sich irgendjemand sinnlose Tätigkeiten ausdenken, nur damit wir alle ständig arbeiten.“ Bullshit-Jobs sind keine Scheißjobs, im Gegenteil: Oft zeichnen sie sich gerade dadurch aus, dass man eher so tut, als würde man etwas tun. Die Arbeit besteht darin, an einem Computer zu sitzen, Mails zu beantworten, Youtube-Videos zu gucken. Zwischendurch macht man kreative Pausen, gelegentlich hat man eine Idee. Oder man macht es gleich wie der spanische Beamte, dessen Fall vor zwei Jahren bekannt wurde: Sechs Jahre lang erschien er nicht zur Arbeit, ohne dass es seine Vorgesetzen merkten. Stattdessen blieb er zu Hause und las Spinoza.

Damit kam der Beamte dem Ideal einer Zukunft sehr nahe, wie sie sich die Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens vorstellen.

Das Handwerk von morgen: Dass sich Menschen kreativ am 3D-Drucker austoben, statt am Fließband zu stehen ist eine Zukunftsperspektive der „Post Work“ - Bewegung Foto: Reuters

Als Jäger und Sammler arbeiteten die Menschen nur zwei bis drei Stunden am Tag, selbst im Mittelalter hatten die Bauern mehr Freizeit als heute.
MAX MUSTERMENSCH

Längst hat sich die Idee von einer Forderung linker Theoretiker zu einem Projekt jenseits politischer Ideologien entwickelt, schließlich fragt man sich auch auf Vorstandsebene mittlerweile, wer all die Produkte kaufen soll, die in Zukunft aus den 3D-Druckern kommen. Die meisten Einwände gegen eine solche Subvention sind selbst der beste Beleg dafür, wie stark viele Gesellschaften vom moralischen Wert und dem sinnstiftenden Potential der Arbeit geprägt sind. Arbeit, so beschreiben es viele Anhänger einer wachsenden „Post Work“-Bewegung, sei längst ein Fetisch unserer Zeit, eine Art Religion. Philosophie studieren, Rosen züchten, alte Möbel restaurieren, mehr Zeit für die Kinder haben: All das gilt heute noch eher als Lebensmodell für Romantiker, die am Stadtrand in einer Wagenburg leben, denn als Element einer fortschrittlichen Zukunftsvison. Dabei definieren sich in der sogenannten Freizeitgesellschaft längst auch erfolgreiche Manager oft eher über ihre exzentrischen Hobbys als über die beruflichen Erfolge. Und aus den Personalabteilungen großer Unternehmen hört man immer öfter, dass sich heute qualifizierte Mitarbeiter kaum noch durch sichere Festanstellungen oder hohe Gehälter gewinnen lassen, sondern eher durch flexible Arbeitszeiten und herausfordernde Aufgaben.

Eine der wichtigsten Aufgaben bei der Gestaltung des Arbeitsmarkts der Zukunft dürfte es daher sein, Szenarien für eine Welt ohne klassische Erwerbsarbeit zu entwerfen, identitätsstiftende Tätigkeiten jenseits des Berufs. Dass Menschen sich verstärkt den Dingen zuwenden, für die Roboter sich nicht eignen, ist eine solche Perspektive. Es mag eher altmodisch klingen, von einer neuen Zeit des Handwerks und der Kreativität zu träumen, wie es unter den „Post Work“-Theoretikern beliebt ist, von Menschen, die ihre großzügig bemessene Freizeit damit verbringen, ihre eigenen Kleider zu entwerfen oder sich fürs Gemeinwohl zu engagieren. Aber die Alternative klingt auch nicht verlockender: die Angst, dass die Gesellschaft in ein paar wenige Profiteure der Produktivität und eine Masse ausrangierter Arbeiter zerfällt, eine „useless class“, die, wie der israelische Historiker Yuval Noah Harari befürchtet, ihre Zeit mit Virtual-Reality-Games totschlägt. Ein wenig klingt das wie der Alltag in Graebers Bullshit-Jobs. Womöglich hat die Zukunft der Arbeit längst begonnen.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 15.11.2018 15:15 Uhr