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Wework in Deutschland : Büros mit Internet, Gratiskaffee – und Billardtisch

Tummelplatz für Freiberufler: Büro von Wework in San Francisco Bild: Bloomberg

Das Jungunternehmen Wework bietet Arbeitsplätze für kreative Unternehmen. Ein wichtiger Partner dabei ist Hudson’s Bay. Auch der Kaufhof in Frankfurt ist von der Zusammenarbeit betroffen.

          3 Min.

          Es sind zwei sehr ungleiche Partner: auf der einen Seite Hudson’s Bay, das älteste Unternehmen Nordamerikas und ein traditionsreicher Einzelhändler, zu dem Warenhausketten wie Saks Fifth Avenue und die deutsche Kaufhof-Gruppe gehören. Auf der anderen Seite Wework, der Senkrechtstarter der amerikanischen Start-up-Szene. Das New Yorker Unternehmen wurde erst 2010 gegründet, wird aber heute schon mit 20 Milliarden Dollar bewertet. Es zählt damit zum elitären Kreis der „Einhörner“ mit Milliardenbewertungen, nur wenige Start-ups wie der Fahrdienst Uber oder der Zimmervermittler Airbnb liegen noch vor ihm.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Tatsächlich versteht sich Wework als eine Art Airbnb, nur eben nicht für Ferienwohnungen, sondern für Büros. Wework mietet Räumlichkeiten an, peppt sie technisch und optisch auf und vermietet sie dann weiter. Das kommt so gut an, dass Hudson’s Bay darin in einigen seiner Filialen eine bessere Verwendung sieht als im eigentlichen Handel. Nach der jetzt vereinbarten Kooperation will der Händler in mehreren seiner Geschäfte, darunter Galeria Kaufhof in Frankfurt, Fläche an Wework vermieten. Seinen mehr als einhundert Jahre alten Laden der Kette Lord & Taylor an der Fifth Avenue will er sogar ganz an eine Investorengruppe um Wework verkaufen. Hier soll Wework künftig nicht nur Bürofläche für Andere anbieten, sondern auch seine eigene Unternehmenszentrale haben.

          Vorreiter auf dem Gebiet des „Coworking“

          Der Kern des Geschäfts von Wework ist Untervermietung. Aber das Unternehmen erhebt den Anspruch, viel mehr zu bieten als das und rechtfertigt damit auch seine üppige Bewertung, mit der es traditionelle Immobilienfirmen weit hinter sich lässt. Der 38 Jahre alte Mitgründer und Vorstandsvorsitzende Adam Neumann nennt Wework gerne ein „physisches soziales Netzwerk“, der Zeitschrift „Forbes“ sagte er, die Bewertung habe viel mehr mit „unserer Energie und Spiritualität“ als mit blanken Umsatzzahlen zu tun. Seine Kunden bezeichnet Wework nicht einfach als „Mieter“, sondern als „Mitglieder“.

          Wework ist ein Vorreiter auf dem Gebiet des sogenannten „Coworking“. Das heißt, Büroräume werden gemeinschaftlich genutzt, in ihnen tummeln sich üblicherweise nicht nur Mitarbeiter eines Unternehmens, sondern ein bunter Mix: Die einen sind Freiberufler, die anderen arbeiten für Start-ups, und in jüngster Zeit vermietet Wework seine Räumlichkeiten auch zunehmend an größere Unternehmen wie den Softwarekonzern Microsoft und den Autohersteller General Motors. Wework bietet seinen Untermietern die technische Infrastruktur mit schneller Internetverbindung und Bürogeräten wie Druckern, außerdem modernes Mobiliar und alle möglichen Annehmlichkeiten von Gratiskaffee bis zu Billardtischen. Damit soll ein heimeliger und hipper Arbeitsplatz geschaffen werden, wie man ihn auch von Unternehmen aus dem Silicon Valley wie Google kennt. Die Idee ist es, nicht einfach nur Bürofläche und einen Schreibtisch zur Verfügung zu stellen, sondern ein Umfeld, das die Menschen inspiriert und sie zum gegenseitigen Austausch ermuntert. Das soll zum Beispiel einen zusätzlichen Nutzen gegenüber einem gewöhnlichen Heimbüro liefern. Wework bietet seinen Kunden verschiedene Optionen: Ein Arbeitsplatz in einem Gemeinschaftsraum ist von 220 Dollar im Monat an zu haben, für ein Privatbüro sind mindestens 400 Dollar fällig. Die Mieter müssen sich nicht langfristig binden und können die Wework-Räume von Monat zu Monat in Anspruch nehmen.

          Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar

          Nach eigenen Angaben betreibt Wework heute 237 Büros in 56 Städten der Welt und hat 150.000 „Mitglieder“. In Deutschland ist das Unternehmen in Berlin, Hamburg und Frankfurt vertreten, die Kaufhof-Büros werden nun ein weiterer Standort in der Stadt am Main sein. Anders als bei Lord & Taylor, wo geplant ist, bisherige Verkaufsfläche in Büros umzufunktionieren, soll der Einzug von Wework im Frankfurter Kaufhof nicht zu Lasten des eigentlichen Handels gehen. Die Filiale wird derzeit um einen zusätzlichen Bau ergänzt, und ein Teil dieser Erweiterung ist für Wework-Büros vorgesehen.

          Nach Schätzungen von „Forbes“ wird Wework in diesem Jahr einen Umsatz von 1,3 Milliarden Dollar erzielen. Aber einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge gab es in jüngster Zeit Anzeichen für eine Abschwächung im Geschäft. So seien Büros, die seit mindestens einem Jahr existieren, derzeit zu 90 Prozent besetzt, vor einem Jahr seien es noch 97 Prozent gewesen. Zudem habe das Unternehmen seine Provisionen für Makler, die neue Mieter rekrutieren, verdoppelt.

          Wework versucht, seinen Aktionsradius über das Vermitteln und Betreiben von Büros hinaus auszuweiten. Das Unternehmen hat sich zum Beispiel von der Arbeits- in die Privatsphäre vorgewagt und betreibt einige Appartements als Wohngemeinschaften, die mit allen Schikanen ausgerüstet sind. Kürzlich eröffnete es in New York auch sein erstes Fitnessstudio. Erst in der vergangenen Woche kündigte das Unternehmen die Akquisition eines Anbieters von Programmierkursen an, die künftig seinen Mietern zugänglich gemacht werden sollen. Auch mit dem Kauf der Filiale von Lord & Taylor betritt Wework ein Stück weit Neuland. Denn damit wird das Unternehmen, das bislang nur Räume angemietet hat, zum Immobilieneigentümer. Es ist hier also nicht allein darauf angewiesen, seine Büros füllen zu können, sondern kann auch von einem etwaigen Wertzuwachs des Gebäudes profitieren.

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