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Smartphone-Sucht : Das gehackte Gehirn

„Wir haben diese behüteten und kluge jungen Leute“, sagt Simon Sinek in einem seiner berühmt gewordenen Vorträgen auf Youtube. „Sie haben alles, was sie wollen, und sind doch nicht glücklich. Warum?“ Sinek studierte einst die Anthropologie der Kultur, ist heute Motivationscoach und tritt in großen Firmen auf. Er suchte eine Antwort und fand sie tief im Gehirn. Dort befeuern Alkohol und Nikotin die Ausschüttung eines Glückshormon namens Dopamin. Es macht zufrieden und glücklich. Doch es hat es auch in sich.

Wie bei Alkohol, Nikotin und Gambling kann durch den übermäßigen Gebrauch von Smartphones und sozialen Netzwerken im Gehirn der Nutzer rasch zu viel Dopamin ausgeschüttet werden. „Wir senden zehn Texte zu zehn Freunden und fühlen uns gut, wenn wir Antworten von ihnen kriegen.“ Doch hier gebe es für viele Nutzer einen Punkt, von dem aus könnten sie nicht mehr zurück. Wieso? Die Antwort der Forschung: Weil im Gehirn das Lustzentrum aktiviert wird, der Nucleus accumbens.

Er ist ein Bündel von Nervenzellen im Vorderhirn. Dort sitzt das menschliche Belohnungssystem. Es wird von Zellen im ventralen Tegmentum, einer Struktur im Mittelhirn, mit Dopamin stimuliert. Dockt dieser Botenstoff an den Rezeptoren des Nucleus accumbens an, sendet er Erregungspotenziale an andere Gehirnstrukturen. Die lösen Zustände wie Freude und Zufriedenheit aus. Ein genialer Mechanismus der Natur. Der Mensch aber hat nun gelernt, dieses Belohnungssystem auszutricksen. Mit Alkohol, Nikotin oder Gambling.

Die können die Dopamin-​Rezeptoren auf den Zellen im Nucleus accumbens länger aktivieren und das Lustzentrum bis zu zehn Mal intensiver stimulieren als Essen, Trinken oder Sex. So spiele Dopamin eine wichtige Rolle bei Suchterkrankungen. Daher sei der Konsum von Alkohol, Nikotin oder Gambling reguliert. Der für Handys und soziale Medien aber sei es nicht. Die IT-Branche war alarmiert.

Tim Cook: Ich lag falsch

Anleger machten Druck auf die großen Handy-Hersteller Apple, Samsung und Huawei, Sie nahmen auch soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter oder Tinder ins Visier und sahen in den High-Tech-Riesen schon das, was vor zwanzig Jahren die Tabakindustrie war. Die Konzerne wiesen das zurück, aber sie reagierten. Google erklärte vergangenen Monat auf seiner Entwickler-Konferenz, dass es das „well-being“ seiner Nutzer im Blick habe und App-Funktionen anbieten werde, welche die Handy- und Internetnutzung überwachten und notfalls auch einschränkten.

Apple zieht nun mit. Der Vorstandsvorsitzende Tim Cook hatte bereits mehrfach erklärt, dass er zu viel Zeit im Netz verbringe. Anfang dieser Woche erklärte er im amerikanischen Fernsehsender CNN nun: Er sei bei seiner Handy-Nutzung bislang davon ausgegangen „ziemlich diszipliniert zu sein. Doch ich lag falsch.“ Als er die Daten seines Nutzerverhaltens in Händen hielt, „wurde mir klar, dass ich viel mehr Zeit damit verbringe als ich eigentlich sollte“.

Anfang des Jahres hatte Cook während eines Besuchs am Harlow College im britischen Essex gesagt, er wolle nicht, dass sein Neffe in einem sozialen Netzwerk virtuell unterwegs ist. Er glaube auch nicht, das viel Technologie immer viel helfe. „Ich bin keine Person, die sagt, dass wir Erfolg haben, wenn wird sie die ganze Zeit nutzen“. Maßhalten sei sein Rat – vor allem für die sogenannten Millennials, der Generation, die nach dem Jahr 1984 geboren wurde.

Facebook hat bislang nur sehr zögerlich und zurückhaltend reagiert. Das in den vergangenen Wochen und Monaten vermehrt in die Kritik geratene Soziale Netzwerk hat mit seinem „Like“-Button seit Jahren einen wahren Hit in der Szene. Apple macht sich mit seinem neuen Betriebssystem nun offenbar daran, genau jene Knöpfe und Knöpfchen zu deaktivieren, die für viele Menschen schon so etwas sind wie Alkohol oder Spielsucht – eine Droge. Und gegen diese Technik wirkt offenbar nur eins: Technik.

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