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„Utopischer“ Karliczek-Plan? : Wasserstoff wird ausgebremst

Zumindest hier wird die Technik schon eingesetzt: wasserstoffbetriebener Zug in Bremervörde Bild: dpa

Forschungsministerin Anja Karliczek will Wasserstoff als grünen Konjunkturmotor voranbringen. Doch schon wieder ist das Thema aus dem Kabinett geflogen. Obendrein stichelt das Wirtschaftsministerium gegen die Ministerin.

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          Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) will, dass aus dem Corona-Konjunkturprogramm heraus auch die umweltfreundliche Wasserstofftechnik gefördert wird. Im Koalitionsausschuss am 2. Juni werde sie sich dafür einsetzen, dass die Wasserstofferzeugung aus Windkraft im Meer finanzielle Unterstützung erhalte, sagte Karliczek in Berlin. Es gehe um die Elektrolyse im industriellen Maßstab in Großdemonstratoren. „Ich möchte, dass ein hoher dreistelliger Millionenbedarf zur Verfügung gestellt wird“, sagte sie. „Das wäre ein starkes Signal für den zügigen Aufbau eines Leitmarktes für Wasserstofftechnologie in Deutschland.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          In Berlin heißt es, insgesamt seien 930 Millionen Euro für den Wasserstoff geplant. Diese Summe sei Teil eines „Aktivierungsprogramms“ mit einer Gesamthöhe von 10 Milliarden Euro, mit dem das Ministerium Unternehmen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen unterstützen will, damit diese gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen. „Momentan werden gerade auf den Weltmärkten die Karten neu gemischt“, sagte Karliczek der „Rheinischen Post“.

          Von der Tagesordnung genommen

          Eigentlich hätte das Bundeskabinett an diesem Mittwoch die Nationale Wasserstoffstrategie beschließen sollen. Bis zuletzt hatten die Ressorts darum gerungen, die jüngste Version, die dieser Zeitung vorliegt, datiert vom Montag. Doch wurde der Entwurf zu Karliczeks Bedauern kurzfristig von der Tagesordnung genommen. Ursprünglich war die Verabschiedung schon für 2019 geplant. Zum Zeitablauf sagte sie: „Wir könnten sofort starten, wenn die Strategie endlich im Kabinett verabschiedet ist.“ Das Programm müsse jetzt „zügig, kraftvoll und effektiv“ vorangetrieben werden. „Ich will keinen Papiertiger.“

          Wasserstoff kann Energie speichern, analog zu Erdgas verwendet oder in Strom umgewandelt werden. Dabei entsteht kein Treibhausgas. Allerdings liegt das Element auf der Erde in reiner Form nicht vor und muss erst unter Energieeinsatz gewonnen werden. Unstimmigkeiten in der Koalition hat es zum Umfang des Wasserstoffeinsatzes innerhalb der Energiewende gegeben, aber auch zu der Frage, wie er hergestellt werden sollte. Karliczek möchte ihn nicht unter Einsatz fossiler Energieträger erzeugen lassen, sondern aus erneuerbaren Quellen. Skeptiker sagen jedoch, diese Kapazitäten reichten nicht aus, selbst wenn derlei „grüner Wasserstoff“ aus wind- oder sonnenreichen Ländern importiert werde.

          Weltmeister des grünen Wasserstoffs

          Karliczeks Plan sieht vor, deutsche Windräder, Meerwasserentsalzungsanlagen und Elektrolyseure ins Ausland zu liefern, etwa nach Afrika. Damit würde grüner Wasserstoff hergestellt und nach Deutschland verkauft. Die Ministerin sieht darin auch eine Chance für die Wirtschaft. „Wir wollen Weltmeister auf dem Gebiet des grünen Wasserstoffs werden“, sagte sie. „Wir wollen in Deutschland die Technologien erforschen, entwickeln und herstellen, die weltweit Standards setzen und das Potential haben für neue Exportschlager ,Made in Germany‘.“ Jede fünfte Elektrolyseanlage komme jetzt schon aus Deutschland, in Zukunft könnten bis zu 470.000 Stellen in der deutschen Wasserstoffwirtschaft entstehen.

          Vor allem aber hält Karliczek die neue Technik für unerlässlich, um die Energiewende und die Klimaziele zu erreichen, wenn Deutschland und Europa bis zum Jahr 2050 CO2-neutral werden wollen. Aus Sicht der Befürworter stellt nur Wasserstoff sicher, dass alternativ gewonnener Strom sicher gespeichert wird – auch für Zeiten, in denen nicht die Sonne scheint oder der Wind weht. Außerdem lässt sich Wasserstoff durch Gasleitungen transportieren, könnte in Industrieanlagen, Heizungen und Fahrzeugen Verwendung finden.

          Karliczek wies darauf hin, dass der Handel mit Emissionzertifikaten für CO2 den Ausstoß immer teurer mache. Deshalb könnten sich bestimmte Industrien künftig in Deutschland nur noch halten, wenn sie grünen Wasserstoff nutzten, etwa die Stahl- oder die Chemiewirtschaft. Zu den Kontroversen sagte die CDU-Politikerin, man müsse sich auf grünen Wasserstoff konzentrieren. Alle anderen Verfahren, etwa die Gewinnung aus Gas, seien kein wirksamer Beitrag zum Klimaschutz. Was die Mengenziele anbetrifft, so hat das Bundeswirtschaftsministerium bis 2030 drei bis fünf Gigawatt Elektrolyseleistung vorgeschlagen. Damit ließen sich etwa 14 Terawattstunden grünen Wasserstoffs herstellen. Zum Vergleich: Der gesamte Energieverbrauch in Deutschland beträgt 2.500 Terawattstunden.

          „Keine utopischen Ziele“

          Karliczek hält die Ambitionen für zu gering: „Aus meiner Sicht müssen wir als Innovationsland Deutschland eine große Schippe drauflegen.“ Ihr schweben mindestens 10 Gigawatt Elektrolyseleistung vor. Nur so sei ein schneller Markthochlauf möglich.

          Das Wirtschaftsministerium gießt weiter Wasser in den Wein. Es sieht einen klaren Zielkonflikt: Die Pläne, bis 2030 mindestens 65 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu decken, seien schlichtweg nicht zu realisieren, wenn man aus denselben Quellen zusätzlich 10 Gigawatt Wasserstoff erzeugen wolle. „Das Zukunftsthema Wasserstoff muss vorangetrieben werden mit ambitionierten, aber nicht mit utopischen Zielen“, hieß es am Mittwoch aus dem Wirtschaftsministerium mit einer deutlichen Spitze gegen Karliczek.

          Zwist gibt es offenbar auch noch um die Aufsicht und Steuerung der Nationalen Strategie. Geplant ist ein Wasserstoffrat aus Fachleuten, der einen Staatssekretärsausschuss beraten soll. Karliczek wünscht zusätzlich einen „Innovationskoordinator“, der ihrem Haus zugeordnet wäre. Dieser soll die Verantwortung für Forschung und Entwicklung tragen, die Ergebnisse in Politik und Wirtschaft überführen und das Thema in der Gesellschaft vertreten: „Ich will also einen Wasserstoff-Antreiber“, sagte sie.

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