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Neue Mobilität : VW will Roboterautos ab dem Jahr 2025 kommerziell einsetzen

Volkswagen gibt im autonomen Fahren ein ambitioniertes Ziel vor. Bild: dpa

Das Tochterunternehmen Moia soll in Hamburg mit autonom fahrenden Sammeltaxis starten. Prototypen werden schon vom Sommer an im Münchner Umland getestet.

          3 Min.

          Es klingt wie Zukunftsmusik, aber Christian Senger, der bei VW-Nutzfahrzeuge für autonomes Fahren verantwortlich ist, ist sich sicher, dass es gelingt: Schon im Jahr 2025 will Volkswagen in einem Teil Hamburgs mit Roboterautos seiner Konzerntochtergesellschaft Moia die ersten Fahrgäste befördern.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          „Unser Ziel ist es, mit der autonomen Version des ID.BUZZ ab 2025 kommerzielle Einsätze bei Fahr- und Zustelldiensten zu ermöglichen“, kündigte Senger jetzt in einer Telefonkonferenz mit Journalisten an. Kunden könnten sich dann „mit autonomen Fahrzeugen sicher zu ihrem Ziel bringen lassen, und auch Zusteller bei Paketdiensten werden entlastet“.

          Autonomes Fahren soll ausgerechnet dort beginnen, wo die Bedingungen wegen des dichten Verkehrs am schwierigsten sind? „Das schwierigste Umfeld ist unsere Startposition“, sagte Senger. Der Grund dafür ist einfach. „Wo viel Nachfrage herrscht, kann man auf kleinen Gebieten beginnen.“ Schon in diesem Sommer will Volkswagen mit dem Partnerunternehmen Argo AI auf einem neun Hektar großen Gelände in der Nähe des Münchner Flughafens die ersten autonom fahrenden Prototypen testen.

          Neun Kilometer lange Teststrecke

          In vier Jahren soll dann der Übergang zu einem Servicebetrieb mit vollautomatisierten Fahrzeugen möglich sein. Von einer möglichen Marktreife der Roboterautos bis 2025 hatte Volkswagen schon 2019 gesprochen. Über das Tochterunternehmen Moia pflegt Volkswagen seit Jahren eine enge Kooperation mit Hamburg. Bei dem Shuttle-Service von Moia teilen sich mehrere Menschen einen VW-Bulli. Sie bestellen ein Fahrzeug über eine App, eine Software fasst dann Fahrgäste mit nahen Zielen zusammen und fährt sie.

          Die goldfarbenen, elektrisch angetriebenen Kleinbusse von Moia gehören in Hamburgs Innenstadt seit einigen Jahren schon zum Stadtbild, das Unternehmen unterhält in der Hansestadt auch eigene Betriebshöfe. Hamburg sei daher „für das Hochfahren der Funktion bestens geeignet“, sagte Senger. Der ID.BUZZ, eine vollelektrische Weiterentwicklung des legendären VW-Bus der 1950er Jahre, der im nächsten Jahr auf den Markt kommen soll, wird 2025 allerdings noch nicht im gesamten Stadtgebiet autonom fahren, sondern nur in einigen Bereichen.

          Hamburg hat schon 2019 mit dem Aufbau einer neun Kilometer lange Teststrecke begonnen, auf der unter realen Bedingungen des Großstadtverkehrs autonome Autos fahren. VW testet dort mit umgebauten weißen Elektro-Golfs. Für Hamburg ist die Teststrecke eines der Modellprojekte, mit dem die Hansestadt im Oktober den ITS-Weltkongress zum Thema intelligente Verkehrssysteme beeindrucken will.

          Was wird aus den Fahrern?

          Für Volkswagen lag es wegen dieser engen Kooperation nah, sich im Wettbewerb der Autokonzerne um die attraktivsten Städte beim ersten Schritt zum selbstfahrenden Roboterauto für Hamburg zu entscheiden. Wenn es gelänge, das Ziel bis 2025 zu erreichen, würde das Unternehmen damit die kommerzielle Nutzung der Stufe 4 des autonomen Fahrens erreichen, bei der das Auto Fahrten auf bestimmten Strecken selbständig übernimmt.

          Henrich rechnet nicht damit, dass die Mobilitätsdienste dann teurer werden, im Gegenteil: 50 bis 60 Prozent der Kosten entfallen auf die Fahrer. Auch deswegen hat die Nutzfahrzeugsparte von VW beim autonomen Fahren mit Kleinbussen im Konzern die Nase vorn. Aus kommerzieller Sicht sind sie der erste logische Einsatzort für die autonome Beförderung von Menschen und Gütern.

          Moia-Fahrer müssen nach 2025 dennoch nicht um ihre Jobs fürchten. Der Übergang vom manuellen zum autonomen Fahren sei ein Prozess, der sich über mehrere Jahre ziehe, sagte Moia-Chef Robert Henrich. Es werde dauern, bis das gesamte Stadtgebiet mit Roboterautos abgedeckt werden könne. Und: „Fahrer zu bekommen, wird immer schwieriger“, sagte er. Moia mit seinem sogenannten Ride-Pooling Service steht im Wettbewerb mit Zulieferdiensten wie DHL, Amazon oder UPS, die vom boomenden Online-Handel profitieren und ebenfalls Fahrer suchen. Das Roboterauto fülle da eher eine Lücke, sagte Henrich.

          VW-Nutzfahrzeuge arbeitet bei der Integration der Technik für autonomes Fahren in seinen vollelektrischen ID.BUZZ eng mit dem amerikanischen Unternehmen Argo AI zusammen. Volkswagen ist seit 2019 an dem Tochterunternehmen des amerikanischen Automobilkonzerns Ford beteiligt. Argo hat kürzlich einen Scanner vorgestellt, der im Gegensatz zum Radarsystem mit Lichtwellen arbeitet und Objekte in bis zu 400 Meter Entfernung erkennen kann.

          „Diese Technik setzen wir auch bei den Fahrzeugen von Volkswagen Nutzfahrzeuge ein“, sagte Argo-Vorstandschef Bryan Salesky. Auch wenn Argo vom Sommer an neben seinen Teststrecken im amerikanischen Pennsylvania in München autonom fahrende ID.BUZZ erprobt, bis zum kommerziellen Einsatz 2025 in Hamburg muss VW noch einige Hürden nehmen. „Immer noch liegt eine ganze Menge Arbeit vor uns“, sagte Moia-Chef Henrich. Schließlich muss der ID.BUZZ in den dafür geeigneten Gebieten nicht nur sicher und selbständig fahren können, er muss sich auch um die Kunden kümmern. Sind wirklich alle Mitfahrer eingestiegen, die mit der App ein Fahrzeug bestellt haben? Ist das Gepäck sicher verstaut? Sind die Fahrgäste angeschnallt?

          Für viele Aufgaben, die die Fahrer heute nebenbei miterledigen, müssen Software-Lösungen gefunden werden. „Unser Entwicklungsziel ist es, bis 2025 über ein integriertes Ridepooling-Gesamtsystem zu verfügen“, bekräftigte Henrich. Er kündigte an, dazu auf dem ITS-Kongress im Oktober in Hamburg Details zu berichten.

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