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Mobilität in der Stadt : Lasst doch mal das Auto stehen

Bild: Nina Hewelt

Wie kriegt man die Leute in die Straßenbahn? Viele Städte arbeiten daran, allerlei Verkehrsmittel einfacher miteinander zu verknüpfen und den Umstieg zu erleichtern. Jetzt muss nur noch der Nutzer mitmachen.

          5 Min.

          Vor drei Jahren startete die bayerische Landeshauptstadt München einen Versuch, die Zukunft der Mobilität mitzugestalten. An der Münchner Freiheit, einem zentralen Platz im Stadtteil Schwabing, bauten die städtische Verkehrsgesellschaft und die Stadtwerke eine sogenannte Mobilitätsstation auf. Dort sollen Menschen relativ unkompliziert von einem Verkehrsmittel zum anderen wechseln – und zwar nicht nur, wie sie es seit Jahrzehnten gewohnt sind, von den U-Bahn-Linien in die Busse, die an dem Verkehrsknotenpunkt zusammentreffen. Die Fahrgäste sollen auch mal auf ein Leihfahrrad umsteigen oder in eines der an der Mobilitätsstation bereitgestellten Carsharing-Autos, für die die Stadtwerke eigene Parkflächen schufen. Deshalb beteiligten sich auch Carsharing-Anbieter an dem Projekt. Es gehe darum, Mobilität zu ermöglichen und gleichzeitig die Verkehrsbelastung möglichst gering zu halten, sagte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zum Start des Projekts im November 2014. „Wir brauchen deshalb eine leistungsfähige Infrastruktur und neue, innovative und vor allem platzsparende Konzepte.“

          Augenscheinlich hat die an der Münchner Freiheit getestete Innovation aus Sicht ihrer Initiatoren gut funktioniert. Der Wechsel zwischen verschiedenen Mobilitätsarten werde „sehr dankbar angenommen“, heißt es von den Münchner Stadtwerken. Deshalb sollen in den nächsten Jahren bis zu 15 weitere Mobilitätsstationen in München entstehen, vier davon schon in diesem Frühjahr in den Stadtteilen Ludwigsvorstadt und Isarvorstadt.

          Was ist „multimodale Mobilität“?

          München ist nicht die einzige Stadt in Deutschland, die derzeit versucht, die Mobilität weiterzudenken. Wie bekommt man die Leute aus den Autos in die Straßenbahnen? Kostenloser Nahverkehr ist das Trendthema der Stunde. Ökonomen schlagen vor, Autofahrer für ihre Verschmutzung zahlen zu lassen. Doch Bequemlichkeit spielt auch eine Rolle. Ob in Düsseldorf, Hannover oder Stuttgart: Unter dem Trendbegriff „Multimodale Mobilität“ sollen mehr und mehr Verkehrsmittel miteinander verknüpft werden, damit sich die Menschen bequemer und einfacher fortbewegen können. Die Fortbewegung auf mehrere Arten basiert dabei auf der Vernetzung. Verschiedene Smartphone-Anwendungen sollen es ermöglichen, ein U-Bahn-Ticket zu kaufen und vielleicht gleichzeitig den Carsharing-Anschluss mit zu buchen. Das funktioniert nur, wenn öffentliche Verkehrsmittel, Leihräder oder Leihautos über das Internet mit dem Nutzer verbunden sind und dieser über sein Handy in Echtzeit auf die relevanten Daten zugreifen kann. In der vernetzten „Smart City“ der Zukunft soll der Verkehr flüssiger fließen und die Lebensqualität der Menschen steigen, so der Wunsch.

          Bequemlichkeit oder ein besseres Leben sind dabei kein Selbstzweck. Das Verkehrsaufkommen wird hierzulande weiter wachsen. Der individuelle Verkehr mit Autos und Motorrädern soll laut einer Prognose der Bundesregierung bis zum Jahr 2030 um 10 Prozent höher liegen als 2010. Ende des nächsten Jahrzehnts werden dann auf deutschen Straßen jährlich eine Billion Kilometer mit Autos und Motorrädern gefahren.  Doch stößt die Infrastruktur schon heute an ihre Grenzen. Gerade große Städte und Ballungsräume ächzen unter dem wachsenden Verkehr. Die Stickoxid-Debatte um den Diesel macht das sehr deutlich, doch das ist nicht das einzige Problem. Der Verkehr zehrt an den Nerven der Bürger und geht auch ins Geld.

          Das verdeutlichen Berechnungen des Navigationsgeräteherstellers Tomtom. Demnach kosten Verkehrsbehinderungen Logistikunternehmen hierzulande im Jahr mehr als 300 Millionen Euro, weil Lastwagen und Fahrer in den zehn größten Städten im Schnitt 30 Minuten länger zum Ziel brauchen. Allein in Berlin belaufen sich die Staukosten in der Logistik den Angaben zufolge auf mehr als 88 Millionen Euro, auf Rang zwei folgt Hamburg mit fast 56 Millionen Euro. In München sind es gut 37 Millionen Euro. Wie viel Zeit und Geld Privatpersonen im Stau verlieren, lässt sich nur zusammenphantasieren.

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