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KI in der Finanzwelt : Mit Algorithmen die Vorstandschefs durchleuchten

Hofft auf eine bessere Konjunktur: Bernhard Langer Bild: Frank Röth

Der Vermögensverwalter Invesco setzt für seine Anlagepolitik Künstliche Intelligenz ein. Chefstratege Langer bleibt aber skeptisch. Welche Vorbehalte hat er?

          3 Min.

          Der Aktienmarkt bietet für den Chef-Anlagestrategen der amerikanischen Fondsgesellschaft Invesco, Bernhard Langer, zwar Chancen. Zunächst hält er sich im Gespräch mit der F.A.Z. aber zurück: „Ich erwarte für die Aktien im aktuellen Umfeld eher eine Seitwärtsbewegung.“ Allerdings wäre er als Vermögensverwalter schlecht beraten, nicht sofort auf die Wahrscheinlichkeit einer positiven Entwicklung hinzuweisen. „Sollten die Konjunktur anziehen und politische Risiken wie zum Beispiel der Handelskonflikt wegfallen, dann ist ein Kursanstieg im hohen einstelligen Prozentbereich möglich, vielleicht lässt sich dann sogar das enttäuschende Börsenjahr 2018 ausbügeln.“

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor allem im vierten Quartal 2018 seien die Kurse deutlich zurückgegangen, um in den ersten drei Monaten des neuen Jahres wieder deutlich anzuziehen. Diese mit einem „V“ vergleichbare Entwicklung an den Börsen habe die Privatkunden verunsichert. Die institutionellen Investoren seien dagegen schon längst wieder an die Märkte zurückgekehrt. Für einen großen Vermögensverwalter ist diese Entwicklung wichtig, denn wenn die Kurse steigen, wachsen auch die verwalteten Vermögen. Ende Februar kam Invesco auf ein verwaltetes Vermögen von 946 Milliarden Dollar. Nach der zuletzt guten Börsenentwicklung könnte die Gesellschaft die Marke von einer Billion Dollar übersprungen haben. Invesco zählt zu den 20 größten Vermögensverwaltern in der Welt.

          „Die Ergebnisse dieser Anwendung sind vielversprechend“

          Langer gilt unter den Fondsmanagern als sogenannter „Quant“. Mit Hilfe von Algorithmen werden große Datenmengen von Unternehmenskennzahlen, gesamtwirtschaftlichen Daten oder Stimmungsindikatoren ausgewertet. Auf dieser Basis erfolgt dann die Auswahl der Wertpapiere beziehungsweise Anlageklassen. „Angesichts der gegenwärtigen Anlegerpräferenz für Qualitätsaktien wird sich eine Anlagestrategie, die sich an günstigen Einstiegsniveaus orientiert, schwertun“, sagt Langer. Seines Erachtens ist eine Qualitätsstrategie vielversprechender: teure Aktien mit stetigem Wachstum und vernünftiger Dividende.

          Die Auswertung großer Datenmengen und die daraus abzuleitende Anlagestrategie rückt das Thema Künstliche Intelligenz in den Blickpunkt vieler Fondsgesellschaften: „Als Vermögensverwalter beschäftigen wir uns sehr stark damit.“ Invesco wendet sie auch schon zum Teil an. „Die größten Vorteile sehen wir in der Strukturierung sehr großer Datenmengen und der Verarbeitung vieler Prognosen.“ Als Beispiel nennt Langer das „Natural Language Processing“: Damit analysieren er und seine Mitarbeiter die Quartalskonferenzen von Unternehmen und vergleichen die aktuellen Aussagen der Vorstandschefs oder Finanzvorstände mit denen vergangener Konferenzen, um so Änderungen in der Stimmungslage zu erkennen. „Die Ergebnisse dieser Anwendung sind vielversprechend“, fügt Langer hinzu.

          Ansonsten zeigt er sich noch skeptisch: „Einen Durchbruch in der Anwendung Künstlicher Intelligenz für die Vermögensverwaltung sehe ich aber noch nicht.“ Den komplett autarken, künstlichen Fondsmanager gebe es nicht. „Ob dieser bessere Ergebnisse als ein regelbasiertes System von Anlagestrategien erzielen kann, bezweifle ich zum jetzigen Stand.“ Langer hält die Kombination aus Mensch und Maschine für die richtige Lösung.

          Sorge vor Fehlsteuerung von Kapital

          Während der kurzfristige Handel an den Finanzmärkten inzwischen von Programmen, also Algorithmen, dominiert wird, herrschen in der Finanzwelt weiterhin große Zweifel, ob selbstlernende Maschinen jemals in der Lage sein werden, die längerfristige Marktentwicklung zu prognostizieren. Ein wichtiger Einflussfaktor ist die Geldpolitik, die wiederum von der Konjunktur, aber auch anderen Variablen bestimmt wird.

          Hier verlässt sich Langer weiterhin auf seine eigene Erfahrung und die seiner Kollegen. Er rechnet in den nächsten zwölf Monaten nicht mehr mit einer Zinserhöhung der amerikanischen Notenbank. „Eine inverse Zinskurve, wie sie zum Teil für amerikanische Staatsanleihen vorliegt, sagt nicht zwingend eine Rezession voraus.“ In einem solchen Umfeld hätten sich Aktien bislang immer überdurchschnittlich entwickelt. „Wenn ein Zinsanstieg mittelfristig ausbleibt, stören die hohen Kursbewertungen der Aktien nicht mehr. Dann zählt die Dividendenrendite“, ist Langer überzeugt.

          Neben Künstlicher Intelligenz wird für Vermögensverwalter die nachhaltige Anlagepolitik immer wichtiger. Diese orientiert sich an Umwelt- und Klimaschutz, sozialer Entwicklung und guter Unternehmensführung. Als Abkürzung hat sich „ESG“ durchgesetzt, das für die englischen Begriffe Environment, Social und Governance steht. „Wir müssen nachhaltige Kriterien berücksichtigen, weil die Kunden es so wollen“, berichtet Langer. Die Orientierung an ESG wird nach seinen Worten im Fondsmanagement ein Muss. „Doch stehen diese Kriterien nicht für eine bessere Rendite, vielmehr stellen sie Risikofaktoren dar“, gibt er zu bedenken. Die Pläne der EU-Kommission für einen nachhaltig orientierten Finanzmarkt sieht Langer kritisch, weil damit auch eine Fehlsteuerung von Kapital ausgelöst werden kann.

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