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Amerika gegen China : Machtkampf um Tiktok

Was wird aus Tiktok? Bild: Reuters

Bytedance erklärt sich zum Sieger im Ringen um die Video-App, Trump pocht weiter darauf, dass Amerikaner das Sagen haben. Doch stimmt Peking überhaupt zu?

          3 Min.

          Das Drama um die Zukunft der Smartphone-App Tiktok ist auch nach einer vorläufigen Einigung nicht beendet. Am Wochenende war ein Bündnis von Tiktok mit dem Softwarekonzern Oracle und dem Einzelhändler Walmart verkündet worden, und der amerikanische Präsident Donald Trump sagte, er habe diesem Abkommen seinen „Segen“ gegeben.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Nun aber kommen aus Amerika und aus China, wo der Tiktok-Mutterkonzern Bytedance sitzt, unterschiedliche Angaben darüber, wer Tiktok künftig kontrollieren wird. Bytedance teilte am Montag mit, weiter die Kontrolle zu behalten. Trump sagte später in einem Fernsehinterview, Oracle und Walmart würden „totale Kontrolle“ über Tiktok haben. Andernfalls würde die amerikanische Regierung die Transaktion nicht genehmigen. Auch Oracle sagte, Bytedance werde „keine Eigentümerschaft“ an dem neu gegründeten Unternehmen „Tiktok Global“ haben.

          Nun berichtet eine chinesische Zeitung, die Regierung in Peking werde dem Oracle-Plan nicht zustimmen. Die Bedingungen des Deals „verletzen Chinas nationale Sicherheit, Interessen und Würde“, hieß es am Dienstag in der englischen Ausgabe eines Kommentars in der „Global Times“, und weiter: „Wenn dieser durch amerikanische Manipulationen vorangetriebene Umbau von Tiktok Schule macht, wird jedes erfolgreiche chinesische Unternehmen, sobald es sein Geschäft auf die Vereinigten Staaten ausdehnt und wettbewerbsfähig wird, von den Vereinigten Staaten ins Visier genommen.“ Durch „Tricks und Zwang“ werde es dann in ein amerikanisch kontrolliertes Unternehmen verwandelt.

          Trump hofft auf 25.000 Arbeitsplätze

          Nach der am Wochenende bekanntgegebenen Allianz sollen Oracle und Walmart Minderheitsaktionäre von Tiktok werden und künftig zusammen einen Anteil von 20 Prozent halten. Inklusive amerikanischer Investoren, die heute schon an Bytedance beteiligt sind, soll die App aber zu etwas mehr als 50 Prozent in amerikanischer Hand sein, hieß es in amerikanischen Medienberichten, die sich auf Verhandlungskreise beriefen.

          Die App soll in der neuen Gesellschaft „Tiktok Global“ untergebracht werden, die ihren Sitz in Amerika haben und deren Verwaltungsrat mehrheitlich aus Amerikanern bestehen soll. Sie soll innerhalb der nächsten zwölf Monate an die Börse gebracht werden. Trump zufolge will Tiktok auch 25.000 Arbeitsplätze in seinem Land schaffen.

          Der amerikanische Präsident hat am Wochenende gesagt, China werde künftig nichts mehr mit Tiktok zu tun haben. Dem trat Bytedance am Montag aber mit Vehemenz entgegen. Das Unternehmen veröffentlichte eine Erklärung, in der es schon in der Überschrift ankündigte, „unwahre Gerüchte“ widerlegen zu wollen.

          Wem gehört der Algorithmus?

          „Gerücht Nummer eins“ sei es, dass Bytedance die Herrschaft über Tiktok abgeben müsse und stattdessen nun amerikanische Investoren die App kontrollierten. Stattdessen bleibe Tiktok in Besitz des Pekinger Softwarekonzerns zu „100 Prozent“. Nach einer Kapitalerhöhung im Vorfeld eines Börsengangs von Tiktok Global behalte Bytedance weiter einen Anteil von 80 Prozent an der Tochtergesellschaft.

          Dem Verwaltungsrat von Tiktok Global, in dem das Auslandsgeschäft der App gebündelt wird, werde weiter der Gründer und Vorstandschef von Bytedance, Zhang Yiming, angehören sowie der Vorstandschef der amerikanischen Supermarktkette Walmart, Doug McMillon. Auch werde der als besonders wertvoll eingeschätzte Algorithmus der Tiktok-App nicht von Oracle „benutzt oder besessen“ werden, schrieb Bytedance. Oracle habe allein das Recht, den Quellcode der App „zu überprüfen“.

          Weiter verwahrte sich Bytedance gegen die Behauptung Trumps, dass das Bündnis zwischen dem chinesischen Unternehmen und den Konzernen aus den Vereinigten Staaten dem amerikanischen Staat fünf Milliarden Dollar für eine Bildungsinitiative zahlen werde.

          Trump hatte in den vergangenen Wochen im Streit um Tiktok gefordert, dass der amerikanische Staat einen Teil eines etwaigen Kaufpreises für Tiktok erhalten solle. Er rückte davon zwar zunächst unter Verweis auf rechtliche Bedenken wieder ab, brachte aber am Wochenende einen mit der Tiktok-Transaktion verbundenen milliardenschweren Bildungsfonds ins Spiel.

          Verbot wird verschoben

          Bytedance schreibt nun, dass die „sogenannte Steuerzahlung von fünf Milliarden Dollar an das amerikanische Finanzministerium“ nur eine Schätzung der üblichen Steuerzahlungen von Tiktok für sein Geschäft in Amerika in den nächsten Jahren sei. Von einem „Bildungsfonds“, wie berichtet worden sei, habe man zum ersten Mal in den Presseberichten gelesen. Oracle und Walmart hatten am Wochenende mitgeteilt, Tiktok Global werde dem amerikanischen Finanzministerium fünf Milliarden Dollar an neuen Steuereinnahmen bringen, ließen aber offen, in welchem Zeitraum.

          Beobachter werteten die Erklärung von Bytedance am Montag als Versuch des Unternehmens und der chinesischen Regierung, gegenüber der Öffentlichkeit in China das Bündnis nicht als Niederlage, sondern als Sieg im Streit mit der amerikanischen Regierung darzustellen. Peking stehe weiter unter Druck, nicht als schwach zu erscheinen und im Zweifelsfall mit Vergeltungsschritten auf das Vorgehen Washingtons gegen die chinesische App zu antworten, schrieb Dan Wang vom Analysehaus Gavekal Dragonomics am Montag.

          Peking hatte am Samstag in Reaktion auf den angekündigten Bann von Tiktok und Wechat in Amerika mit der Veröffentlichung von „Regeln“ reagiert, nach der ausländische Unternehmen in China sanktioniert werden könnten, sollten sie „normale Transaktionen“ mit chinesischen Unternehmen einstellen. Analysten vermuten, dass damit Sanktionen Washingtons gegen Unternehmen aus China vergolten werden könnten.

          Das Verbot von Tiktok, das von Sonntag an gelten sollte, wurde angesichts des geschlossenen Abkommens um eine Woche verschoben, es wird nun aber womöglich ganz hinfällig. Die Sperre von Wechat wurde am Wochenende von einem Gericht in Kalifornien zunächst mit einer einstweiligen Verfügung aufgehoben.

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