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Alexander Armbruster (ala.)

Besetzung des Kapitols : Nein, Facebook ist nicht schuld am Mob

Nächste Bewährungsprobe für Mark Zuckerberg Bild: EPA

Nach dem Sturm der Trump-Anhänger auf das Herz der amerikanischen Demokratie machen manche die sozialen Netzwerke hauptverantwortlich für diesen Wahnsinn. Das ist zu leicht.

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          Facebook und Twitter schalten Donald Trump vorübergehend stumm – und nehmen dem aus dem Amt scheidenden Präsidenten damit Kanäle, über die er jahrelang Anhänger animierte, anstachelte, aufhetzte, gegen Gegner im In- und Ausland austeilte oder Anleger aufschreckte in einem Ausmaß, das in der amerikanischen Geschichte bislang einmalig ist. Die Unternehmen begründen das mit ihren Regeln: Einerseits damit, dass die Integrität des Wahl-Prozesses gewährt bleiben muss, wozu auch zählt, dass der Kongress den Wahlsieg formal feststellt. Andererseits mit der Furcht vor fortgesetzter Gewalt.

          Und sie haben nach Lage der Dinge Recht. Ja, zu funktionierenden Demokratien gehört, die eigene Meinung frei äußern zu dürfen, auch wenn sie vielen anderen nicht passt. Leichtfertig kann und darf niemand dieses grundlegende Recht einschränken.

          Den privaten Internet-Unternehmen, auf deren Plattformen gegenwärtig ein großer Teil des gesellschaftlichen Diskurses nicht nur in Amerika stattfindet, ist traurigerweise allerdings keine andere Wahl geblieben. So, wie sich der Präsident vor und während der gewalttätigen Besetzung des Kapitols (mit Todesfolge!) mitteilte, mussten und müssen sie davon ausgehen, dass er wenig beitragen möchte, um dieses schändliche Verhalten einzudämmen.

          Problem Personalisierung

          Sind die Unternehmen für noch mehr verantwortlich? „Internetplattformen - FB, Instagram, Google, Youtube, Twitter usw. - ermöglichten dies“,  kommentierte etwa Roger McNamee, der zu den ersten Investoren in das wichtigste soziale Netzwerk der Welt zählte, dessen Führung jahrelang beriet, mittlerweile aber einer der bekanntesten Kritiker ist. Er führte weiter aus: „Sie verstärkten Hass, Desinformation und Verschwörungstheorien, weil es profitabel war. Sie sind Zubehör der Verbrechen, die wir auf unseren Fernsehern sehen ... und bei vielen anderen.“

          Christopher Wylie, der das Gebaren der ehemaligen britischen IT-Unternehmung Cambridge Analytica öffentlich machte, äußerte sich ähnlich. Er twitterte über die Trump-Anhänger: „Diese Menschen wurden alle auf Facebook radikalisiert. Diese Veranstaltung wurde auf Facebook organisiert.“

          Sie bekommen viel Zuspruch. Gleichwohl sind die sozialen Netzwerke und Plattformen nicht die Ursache und auch nicht hauptverantwortlich für diese Ausschreitungen.

          Natürlich können sich Menschen dort leicht und schnell organisieren, viel einfacher als ihnen dies in der Zeit vor dieser Technologie möglich war. Natürlich nutzen dies eben auch politisch extreme und zu Gewalt bereite Zeitgenossen, die dort viele Gleichgesinnte treffen und sich gegenseitig bestärken, mit Fakten und Fiktionen. Und mittlerweile ist auch belegbar, wie starke, algorithmusgetriebene Personalisierung die Öffentlichkeit verändern, fragmentieren und spalten kann.

          Trump, Bannon und andere

          Trotzdem macht sich zu leicht, wer nun schnell alle Schuld bei den Unternehmen sucht. Facebook, Twitter und Youtube haben in den vergangenen Jahren hohe Summen in Personal und Technologie gesteckt, um gegen Gewalt, Hass und Falschinformationen vorzugehen. Sie haben ihre ursprüngliche und zunehmend weniger begründbare Haltung längst geändert, für die Inhalte und ihre Mitglieder im Grunde gar nicht verantwortlich zu sein. Sie haben auch im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschafts-Wahlen spezielle Maßnahmen ergriffen, etwa für Werbung oder dafür, dass jemand (Donald Trump) sich fälschlicherweise vorzeitig zum Sieger erklärt oder mit nicht belegbaren Vorwürfen das Wahlergebnis anzweifelt.

          Trefflich streiten lässt sich, ob das genug war. Oder ob gerade der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zu sehr hin und her lavierte, der sich zumal aus Sicht seiner Kritiker zu sehr nach Trumps Wünschen richtete und zu sehr die Nähe des Präsidenten suchte – wenngleich dabei auch zu berücksichtigen ist, dass ein Konzern-Vorstandsvorsitzender naturgemäß einen ergiebigen Umgang mit der gewählten Regierung suchen muss, weil er das eigene Geschäft nicht leichtfertig gefährden darf.

          Hauptverantwortlich für das schlimme gesellschaftliche Klima in Amerika und anderswo sind dennoch in erster Linie diejenigen, die dies aktiv und ganz bewusst herbeiführ(t)en. Dazu zählten in den vergangenen Jahren Präsident Donald Trump selbst, sein früherer Berater Steve Bannon, übrigens auch die ranghohen Republikaner im Kongress, die bis zuletzt mitzogen und dem (auch aus Angst) nahezu nichts entgegensetzten, sondern wegsahen, weil sie mit Trump beispielsweise in einem Konjunktur-Boom eine ökonomisch fragwürdige schuldenfinanzierte Steuersenkung auf den Weg bringen konnten.

          Die privatwirtschaftlichen sozialen Netzwerke können sich aufgrund der einmaligen Infrastruktur, die sie bereitstellen, nicht heraushalten aus Fragen, wie die demokratische Meinungsbildung und der öffentliche Diskurs ablaufen. Allein und zuallererst verantwortlich dafür, dass im Jahr 2016 und nun wieder zig Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner Donald Trump wählten, das sind sie jedoch nicht. Und auch nicht für den Sturm auf das Kapitol. Zu glauben, die Anhänger Trumps hätten sich ohne Facebook oder Twitter nicht organisieren können, ist schlicht naiv.

          Mark Zuckerberg, Twitter-Chef Jack Dorsey oder Google-Chef Sundar Pichai sind nicht schuld daran, dass seit vielen Jahren unzählige Amerikaner sich abgehängt fühlen, wirtschaftlich zurückbleiben, für sich und ihre Kinder keine Perspektiven sehen, mit mäßigen Schulen, mangelhaftem Gesundheitsschutz oder wenig Auskommen im Alter leben müssen. Und das zu ändern, ist ebenfalls nicht ihre Aufgabe.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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