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Verlust reiht sich an Verlust : Snapchat in großer Not

Die Foto-App Snapchat ist vor allem bei Leuten unter 30 Jahren beliebt. Bild: FAZ.NET

Die Foto-App Snapchat produziert riesige Verluste, die Konkurrenz von Facebook ist mächtig: Kein Wunder, dass nun Übernahmegerüchte die Runde machen. Und der Name Jeff Bezos fällt.

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          Es gibt einen Asterix-Band – Obelix auf Kreuzfahrt heißt der –, in dem landen Asterix, Obelix und Miraculix auf der sagenumwobenen Insel Atlantis. Alle Menschen dort, bis auf einen alten Priester und Zauberer, sind Kinder, die mal Erwachsene waren. Sie haben den Trank der ewigen Jugend getrunken.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Man könnte meinen, Snapchat sei auf dieser Insel. Denn auch dort geht es ziemlich kindlich zu. In Deutschland waren im vergangenen Jahr 2017 fast 80 Prozent der Nutzer jünger als 30 Jahre. Und nur 4 Prozent der Nutzer übernahmen die Rolle des Priesters, sie waren älter als 50. Zum Vergleich: Von den deutschen Facebook-Nutzern war 2017 nur jeder Dritte unter 30 – und jeder Vierte älter als 50.

          Das Bild in anderen Ländern ist ähnlich. Mehr als vier von fünf amerikanischen Jugendlichen, die im Internet aktiv sind, gaben in einer Umfrage an, dass sie mindestens einmal im Monat Snapchat nutzen. In der Gruppe der 18 bis 24 Jahre alten Internetnutzer sind es immer noch knapp 80 Prozent. Weniger als die Hälfte der über 35-jährigen Internetnutzer schicken mindestens einmal im Monat Snap-Bilder an ihre Freunde. Und der Anteil der im Internet aktiven Senioren, die auf Snapchat sind, bewegt sich im einstelligen Prozentbereich.

          Das digitale Atlantis

          Snapchat ist also eine Art digitales Atlantis. Nur leider hat das Unternehmen hinter Snapchat, die Snap Inc., seit Jahren ein entscheidendes Problem: Es versenkt, um in diesem Bild zu bleiben, viel Geld im Jungbrunnen. Seit Anfang des Jahres 2015 hat das Unternehmen umgerechnet beinahe 5 Milliarden Euro an Verlusten angehäuft. Allein im Jahr 2017 machte Snap etwa 3 Milliarden Euro Verlust, während der Umsatz nur etwas mehr als 700 Millionen Euro betrug. Das heißt: Um von einem Kunden einen Euro einzunehmen, hat das Unternehmen mehr als 5 Euro ausgegeben.

          In den abgelaufenen drei Quartalen dieses Jahres ist die Lage etwas besser geworden: Inzwischen gibt Snapchat nur noch etwa 2,30 Euro aus für jeden Euro, den es von den Kunden erlöst. Die Verluste summieren sich 2018 bisher „nur“ auf umgerechnet etwa 930 Millionen Euro. Mit fast 700 Millionen Euro hat das Unternehmen in neun Monaten zudem schon fast so viel umgesetzt wie im gesamten Jahr 2017.

          Es geht also aufwärts – zumindest finanziell. Einerseits. Andererseits bereitet den Investoren inzwischen Sorge, dass Snapchat Nutzer verliert. Im ersten Quartal 2018 waren es noch 191 Millionen täglich aktive Nutzer, im dritten Quartal nur noch 186 Millionen.

          Neue Kooperation mit Amazon

          Darauf reagiert auch der Aktienkurs: Nach dem Börsengang im März 2017 wurden die Aktien für über 27 Dollar gehandelt. Heute werden dieselben Anteile für ungefähr 7 Dollar verkauft.

          Snapchat verdient sein Geld mit Werbeanzeigen. Und da könnte sich die klar definierte Nutzergruppe eigentlich auszahlen: Wer Menschen unter 30 erreichen möchte, kann das gut auf Snapchat. Doch bislang ist das Unternehmen finanziell noch auf keinen grünen Zweig gekommen.

          Helfen soll nun eine neue Kooperation mit Amazon. Wer mit der Kamera in der Snapchat-App ein Produkt ins Visier nimmt, kann sich die Produktseite auf Amazon direkt anzeigen lassen. Inwieweit Snapchat aber von dieser Kooperation wirklich profitiert, ist unklar.

          Keine clevere Investition

          Dementsprechend häufen sich die Stimmen, die das Ende von Snapchat oder zumindest das Ende seiner Unabhängigkeit ausrufen. Scott Galloway ist eine dieser Stimmen. Der Professor an der Stern School of Business der New York University ist bekannt für seine starken Positionen, doch seine Äußerungen zu Snapchat lassen aufhorchen: In Snapchat zu investieren, sei ungefähr so clever, wie betrunken Auto zu fahren, verkündete er schon im vergangenen Jahr. Seitdem zählt er das Unternehmen an und erwartet spätestens nächstes Jahr die Pleite – oder eine Übernahme. Infrage kämen aus Sicht von Analysten theoretisch drei Konzerne: Facebook, Google oder Amazon.

          Für die Übernahme würden nämlich wohl immer noch bis zu 10 Milliarden Euro fällig. An der Börse wird das Unternehmen noch mit umgerechnet knapp 8 Milliarden Euro gehandelt. In dieser Preisklasse spielen nicht viele Unternehmen mit.

          Drei mögliche Käufer

          Dass es Facebook wird, ist eher unwahrscheinlich: Mit Instagram gehört dem Unternehmen schon der wichtigste Konkurrent, der die Snapchat-Funktionen systematisch kopiert und inzwischen mehr als dreimal so viele Nutzer hat. Selbst bei den Nutzern unter 18 Jahren liegt Instagram in Amerika inzwischen vor Snapchat – wenn auch knapp.

          Snapchat-Gründer Evan Spiegel

          Vor allem aber führen Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Snap-Chef Evan Spiegel seit November 2013 eine Privatfehde. Damals bot Zuckerberg 3 Milliarden Dollar für Snapchat – Spiegel lehnte ab.

          Gegen Google wiederum spricht, dass das Unternehmen erst kürzlich sein soziales Netzwerk Google Plus eingestampft hat und mit sozialen Netzwerken chronisch auf Kriegsfuß steht. Und ähnlich wie Facebook soll auch Google schon 2013 und 2017 mit Plänen zur Übernahme von Snap gescheitert sein.

          Irrationale Teenager

          Bleibt also Amazon. Die Kooperation würde Sinn ergeben. Amazon schwimmt im Geld und könnte mit der Übernahme von Snap seine Sichtbarkeit beim jungen Publikum erhöhen. Damit hätte Amazon auf einen Schlag Zugang zu sehr vielen sehr jungen Menschen auf Snapchat. Diese jungen Leute haben die Angewohnheit, für hochpreisige Markenprodukte viel Geld auszugeben.

          Galloway drückt das so aus: „Ich denke Bezos sagt: Ihr habe die Kernkundschaft, die Zeug kaufen und Zeug irrational kaufen. Wir lieben Teenager, weil sie dämlich sind und all ihr Geld ausgeben.“

          Möglicherweise wird die Atlantis-Insel Snapchat also bald zur Amazon-Insel – und damit zu einem gigantischen Kaufhaus.

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