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Messechef Oliver Frese : 120.000 Cebit-Besucher sind noch zu wenig

Ein Großteil der Aussteller, hier SoftBank Robotics, ist zufrieden mit dem Neustart, doch Messechef Frese will noch mehr für die Digitalisierungsmesse Cebit. Bild: dpa

„Wir müssen wieder mehr Besucher nach Hannover bekommen“, sagt Messechef Oliver Frese. Sein Rezept: Wieder ein Tag mehr, Neudesign aller Flächen und neue Standpakete für den Mittelstand.

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          Oliver Frese kommt gerade aus Asien. Vor einer Stunde ist er gelandet, hat einen neuen Ableger der Computermesse Cebit in Bangkok eröffnet. Das muss ein gutes Erlebnis gewesen sein, denn Frese ist voller Aufbruchstimmung. Kurz geduscht und umgezogen, steht er nun in den Redaktionsräumen der F.A.Z. in Frankfurt und muss umschalten: Hannover, der Sommer 2019, wie wird es mit der Cebit vom 24. bis zum 28 Juni des kommenden Jahres weitergehen?

          Diese Frage beschäftigt Frese seit dem Ende der Cebit im Sommer dieses Jahres, der ersten, die überhaupt im Sommer stattgefunden hat, einer Cebit, die ein Festival für junge Leute sein wollte, mit mehr Musik, mehr guter Laune, weniger Schlipsträger-Messe. Es war ein brutaler Wandel; er ist zu einem großen Teil gelungen, einerseits. Anderseits aber ist er auch noch nicht so gut gelungen, wie es sich die Messegesellschaft, die Landesregierung, der Digitalverband Bitkom und vor allem viele Aussteller in ihren schönsten Träumen gewünscht hatten. Erstaunlich ist das nicht: Frese hat mit der Transformation der Cebit hinein in eine völlig neue digitale Welt die vielleicht schwierigste Aufgabe im deutschen Messegeschäft, wenn auch eine, die auf viele Kollegen von ihm in vergleichbarer Weise noch zukommen wird.

          Klare Themen, veränderte Öffnungszeiten und neue Preise

          Doch was bleibt Frese übrig? Er will und muss auf dem aufbauen, was im zu Ende gehenden Jahr in Hannover erreicht worden ist. „Ein Viertel unserer Besucher waren in diesem Jahr Frauen“, sagt Frese im Gespräch. Das zum Beispiel ist in der männerdominierten Technikbranche ein großer Erfolg. „Denn in den Vorjahren sind es vielleicht 15 bis 18 Prozent Frauen gewesen“, sagt Frese. Außerdem sei das Durchschnittsalter der Besucher deutlich gesunken, auf rund 35 Jahre von zuvor deutlich über 40 Jahren.

          So weit, so gut. Und doch – Frese will nicht suggerieren, dass er in einem Wolkenkuckucksheim lebt: „Wir müssen wieder mehr Besucher nach Hannover bekommen im nächsten Jahr“, räumt er ein. 120.000 waren in diesem Sommer da, das war für einen Neustart in Ordnung, aber auch nicht grandios. Jetzt also wieder mehr Cebit, was sich auch an der Zahl der Messetage ablesen lassen wird. Frese zählt auf: „Es wird wieder fünf volle Veranstaltungstage geben, von Montag bis Freitag.“ In diesem Jahr war der Montag ein reiner Konferenztag, das ist nicht überall verstanden worden. Von Montag bis Donnerstag gibt es Öffnungszeiten von 9 bis 22 Uhr, in diesem Jahr war die Veranstaltung von 10 Uhr bis 23 Uhr geöffnet. „Es wird ein reiner Dreiklang aus Ausstellung, Konferenz und Festival sein (in der Reihenfolge); weitere Formate werden nicht mehr bedient, wir wollen alles möglichst klar und einfach machen“, sagt Frese. Konzentriert wird sich auf fünf Themen: Mobilität, Gesundheit, Öffentliche Hand, Handel sowie Finanzen und Versicherungen.

          Es wird zudem ein neues Preissystem geben, das aus nur noch drei Preisen besteht: 100 Euro für die Woche, 50 Euro für den Tag, 25 Euro für den Abend oder für Studenten. Und für kleinere Unternehmen, die sich keinen eigenen aufwendigen Messebau leisten wollen, hat sich Frese besondere Neuheiten überlegt. Es gibt vorkonfigurierte Messestände, die sich nahtlos in das neue Cebit-Design einpassen, die weitgehend standardisiert und doch flexibel genug sind, um dem Aussteller Geld zu sparen und gleichzeitig für einen attraktiven Stand zu sorgen. Es wäre wohl gut, wenn dieses Angebot zöge. Denn gerade Unternehmen aus dem deutschen IT-Mittelstand müssen für die Messe wieder neu begeistert werden, auch daraus macht Frese im Gespräch kein Geheimnis. Aus Asien hat er zudem Ideen dafür mitgebracht, wie auch die kleineren Stände in der Halle, in der vor allem asiatische Auftragsproduzenten ihre Produkte auf kleinen Flächen präsentieren, nicht zum Fremdkörper in der modernen Cebit-Optik werden – so wie es in diesem Jahr noch der Fall war.

          Online und offline interessieren sich Menschen für die Cebit

          Dass das Interesse an der Cebit in Deutschland nach wie vor ungebrochen ist, will Frese denn auch weniger mit Blick auf die Besucherzahlen des zu Ende gehenden Jahres begründen, sondern mit dem Interesse im Netz. Dafür hat sein Team viele Zahlen ausgewertet: 2743 Beiträge im Internet, 27,5 Milliarden Online-Visits, 660 Artikel im Pressespiegel allein in der Cebit-Woche; das seien sehr ordentliche Zahlen. Die F.A.Z. war dabei Medienpartner der Veranstaltung.

          Zudem hätten viele Aussteller signalisiert, dass sie die Cebit genutzt hätten, um sich selbst weiterzuentwickeln und neu zu orientieren, um herauszufinden, wie es gelingt, neue Zielgruppen, jüngere Leute, neue Themen anzusprechen. Und obwohl die Cebit schon jetzt eine sehr internationale Veranstaltung ist, mit 51 Prozent Ausstellern, die aus dem Ausland kommen, will Frese auch an dieser Front weiter Gas geben: Afrika sei ein unentdeckter Kontinent für IT-Messen, dort könne die Cebit noch einiges erreichen, ist der erfahrene Messe-Manager sicher.

          In ihrem alten Format als Geschäftsmesse war die Cebit tot. Nun gilt es, das neue Format aus dem Brutkasten ins selbständige Leben zu holen. Und die Zahlen zur Besucherentwicklung sprechen eine mindestens so deutliche Sprache wie das noch immer große Medieninteresse: Seit Beginn des Jahrtausends verlor die Cebit drei Viertel ihrer Besucher. Im Jahr 2017 waren es noch 200.000. 2018 folgte der abermalige drastische Rückgang im Rahmen des Neuanfangs.

          Die Resonanz der Aussteller stimmt optimistisch

          Wahr ist aber auch, dass von den Ausstellern dieses Jahres kaum ein kritisches Wort zu hören war. „Die neue Cebit ist ein voller Erfolg“, sagte etwa Heiko Meyer, der Vorsitzende des Cebit-Messeausschusses und Chef von Hewlett Packard Enterprise Deutschland zum Abschluss der vergangenen Messe. Mutig sei eine radikale Transformation umgesetzt worden. Es sei gerade ein Zeichen der Digitalisierung, radikale Schritte zu gehen. Die Unternehmen stünden „voll hinter diesem Konzept“, und man freue sich schon auf die Cebit 2019.

          Der Hauptgeschäftsführer des Digitalverbandes Bitkom, Bernhard Rohleder, gab ebenfalls artig zu Protokoll: „Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Die im Bitkom organisierten Unternehmen sind zufrieden. Sie wollen mehr Cebit als weniger.“ Wobei mit dem letzten Satz schon der Grundstein für die Verlängerung der Veranstaltung auf künftig wieder fünf Tage gelegt worden sein dürfte.

          Wirtschaftlich schreibe die Veranstaltung schwarze Zahlen, hatte Frese am Ende der Cebit 2018 gesagt. Ob die einstige Computermesse sich als neue Leitveranstaltung für Digitales etabliert, wie es das erklärte Ziel der Verantwortlichen ist, darauf aber kann man immer noch wetten – oder eben dagegen. In Asien ist das erst einmal egal. Auf die Cebit in Bangkok folgt vom 24. bis 27. Oktober erst einmal die Messe „Internet+ Powered by CEBIT“ in Foshan in der chinesischen Provinz Guangdong. Außerhalb des eigenen Landes hört man auf die Propheten aus Hannover ganz offensichtlich noch.

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